Der Neue Merker

Herbert Blomstedt: MISSION MUSIK

BuchCover_Blomstedt_Henschel-Verlag

Herbert Blomstedt: 
MISSION MUSIK
Gespräche mit Julia Spinola
184 Seiten, HENSCHEL Bärenreiter Verlag, 2017

Es ist bekannt, dass viele Dirigenten sehr alt werden, und auch, dass viele von ihnen weit über das übliche Pensionsalter hinaus aktiv bleiben. Es muss ein „gesunder“ Beruf sein, aber geschenkt wird niemandem etwas: Der Schwede Herbert Blomstedt etwa, dessen 90. Geburtstag am 11. Juli 2017 gefeiert wird, hat ein Leben der Disziplin und ohne weitere opulente Laster (rauchen, trinken, Fleisch essen) hinter sich. Aber dafür scheint er sich tatsächlich von Musik zu ernähren…

Das Buch, das die Musikjournalistin Spinola über Herbert Blomstedt vorlegt, basiert auf Interviews, die sie mit dem Dirigenten an verschiedenen Orten seines Lebens geführt hat. Die Frage-Antwort-Struktur bleibt durchgehend erhalten, dennoch ist letztendlich eine Biographie / Autobiographie daraus geworden, in der Blomstedt sehr persönlich über seine Familie und Stationen seines Lebens und Schwerpunkte seiner Arbeit erzählt.

Dabei war es für ihn wahrlich nicht leicht, die Karriere als Musiker durchzusetzen. Sein Vater war Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und gerade in den USA tätig, als Sohn Herbert am 11. Juli 1927 zur Welt kam. Die Familie – sie sind Schweden – ging zwei Jahre später nach Europa zurück, teils nach Schweden, vielfach (je nach den Berufungen des Vaters) nach Finnland, wo die Schweden nicht sehr beliebt waren. Sowohl seiner Religion (er durfte am „Sabbat“ nicht in die Schule gehen) wie seines „Ausländertums“ wegen war Blomstedt von früher Jugend an gewöhnt, ein Außenseiter zu sein. Für den strenggläubigen Vater bedeutete Musik einfach nur  Zeitverschwendung – es war schwierig, diesen Beruf zu ergreifen, ohne sich von Familie und Religion loszusagen.

Blomstedt, ein Mann der Konzertmusik, der sich wenig aus Oper macht („Oper fand ich scheußlich, das war keine richtige Musik für mich“) und nur, in Dresden, ganz seltene Ausflüge in diese Welt unternahm, hat viele bedeutende Orchester der Welt geleitet, darunter (nahezu im Zehn-Jahres-Rhythmus) das Philharmonische Orchester in Oslo (1961-1967), das Dänische Radiosinfonieorchester Kopenhagen (1967-1977),  die Sächsische Staatskapelle Dresden (1975–1985), das San Francisco Symphony Orchestra (1985-1995), das Gewandhausorchester Leipzig (1998–2005).

Seither ist er „frei schaffend“ tätig, gibt die unglaubliche Zahl von rund 80 Konzerten pro Jahr – und für Wien ist es besonders erstaunlich, dass er erst spät berufen, 2011, erstmals die Wiener Philharmoniker dirigierte. Es gibt, wie man sich auch im Anhang überzeugen kann, kein großes Orchester der Welt, das Blomstedt nicht am Pult erlebt hat…

Folglich kann er viel über die Schwierigkeiten und auch Glückseligen berichten, die einzelne Klangkörper dem Dirigenten bereiten (die Musiker in Stockholm sagen ihm beispielsweise: „Wir haben dieses Stück schon mit sehr viel besseren Dirigenten als dir gespielt“). Er kann über verschiedene Klangvorstellungen berichten, wobei der „deutsche Klang“, der auf Wagner zurückgeht, anders ist als jener Mendelssohns – was er mit dem Konzept der Tempi erklärt.

Der Wechsel der Orchester und damit Wohnsitze bedeutete auch immer wieder das Eintauchen in neue musikalische Welten, da jede Stadt ihre eigenen Repertoire-Gesetze hat. Blomstedt ist offen und humorvoll, erzählt, aus welchen Komponisten er sich nichts machte, bevor man ihn eines Besseren überzeugte (immerhin Strauss und Mahler!), er spricht nüchtern und unbeschönigend über große Kollegen (wunderbar seine Erinnerungen an Leonard Bernstein), er erklärt, wie wichtig genaueste Vorbereitung ist und dass er noch immer nervös werden kann bei der Idee, er wisse nicht genug über ein Werk…

Am Ende steht der leidenschaftliche Bücherleser und Büchersammler Blomstedt im Mittelpunkt – und sein Plädoyer für die klassische Musik, um die er fürchtet: „Eine ganze Kultur ist gefährdet, wenn man unsere Kinder musikalisch verdummen lässt.“

Renate Wagner

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