Der Neue Merker

HEILBRONN: DER FREISCHÜTZ als Gastspiel Theater Augsburg. Von unheimlichen Mächten umgeben

 

VON UNHEIMLICHEN MÄCHTEN UMGEBEN

„Der Freischütz“ von Weber als Gastspiel des Theaters Augsburg am 11.11.2017 im Theater/HEILBRONN

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Copyright: Jan Pieter Fuhr

Laut Carl Maria von Webers eigenen Worten gibt es in seiner Oper „Freischütz“ zwei Hauptelemente: Das Jägerleben und das Walten dämonischer Mächte. Die Inszenierung von Hinrich Horstkotte legt auf eben jene Momente großen Wert. Die Dialoge wurden ergänzt um Auszüge aus „Unterredungen von dem Reiche der Geister zwischen Andrenio und Pneumatophilo“ von Otto Graben zum Stein (fußend auf Gerichtsakten der böhmischen Stadt Taus), aus „Der Freischütz. Eine Volkssage“ von Johann August Apel und aus „Die Elixiere des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann. So ist man als Zuschauer sofort von unheimlichen Mächten umgeben.

Schon bei der Ouvertüre wird dies deutlich, wenn Max allein in seiner Stube sitzt. Im Rahmen einer raffinierten Videoprojektion von Sophie Lux sieht man seltsame Schriftzüge und okkulte Zeichen, die unbekannte Dämonen beschwören. Auch die von E.T.A. Hoffmann inspirierte Vision vom Doppelgänger spielt bei dieser fantasievollen, aber durchaus konservativen Inszenierung eine große Rolle. Das Zimmer von Max verwandelt sich plötzlich in eine dämonische Wolfsschlucht, in der Samiel und die unheimlichen Geister hausen. Schließlich erkennt er in dem sich grotesk aufblähenden Bett sogar Agathe und die eigene Mutter. Auch die Angst vor dem Versagen wird bei dieser insgesamt eindringlichen Inszenierung thematisiert, denn die Nerven des jungen Jägers Max liegen blank. Um seine geliebte Agathe heiraten zu können, muss er als Prüfung einen Probeschuss vor dem Fürsten Ottokar absolvieren. Kaspar, ein anderer dämonischer Jägerbursche, führt ihn aus purer Rachsucht in die besagte Wolfsschlucht. Immer wieder werden Requisiten und Plätze verschoben, die Häuserfassaden scheinen im Nebelspuk plötzlich auseinanderzufallen, der Raum löst sich auf. Das sind starke Bilder, die tief im Gedächtnis bleiben. Braut- und Jägerchor erscheinen in einem historisch korrekten Outfit. Das Gießen der sieben Gewehrkugeln beflügelt die Handlung bei dieser Aufführung ebenfalls, die bildkräftigen Visionen verdichten sich, überall sieht man Doppelgänger. Auch Agathe lebt mit ihrer Gesellschafterin Ännchen ihre Alpträume in einem großen schwarzen Bett aus, ein Kind bringt zum Erschrecken aller eine Totenkrone statt eine Brautkrone. Als Fürst Ottokar Max auffordert, als Probeschuss eine weiße Taube zu schießen, trifft den Bösewicht Kaspar die tödliche Kugel. Auch diese Szene wird in Hinrich Horstkottes Inszenierung drastisch herausgearbeitet, das opulente Bühnenbild von Siegfried Meyer (nach Entwürfen von Nicolas Bovey) unterstützt ihn dabei. Max soll sich ein weiteres Jahr bewähren und erst dann Agathe heiraten dürfen. Ohne ermüdende Pausen oder dramaturgische Durchhänger erzählt Horstkotte hier diese fantastische romantische Geschichte, die die skurrilen Fassaden hinter dem betulichen Biedermeiergeist sehr wohl enthüllt. Die Ausleuchtung charakteristischer Formszenen gelingt immer wieder vortrefflich. Das Ritterliche, Elfische und Naturhafte zeigt sich so in vielen leuchtenden Schattierungen.

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Copyright: Jan Pieter Fuhr

Unter der konzentrierten Leitung von Lancelot Fuhry musizieren die Augsburger Philharmoniker mit starker Ausdruckskraft und klarer Präzision. Schon die langsame Einleitung gelingt als plastische Naturschilderung, denn aus zartem Pianissimo erheben sich die gefühlvollen Akkorde der Hörner. Von dieser wunderbaren Abenddämmerung im Walde werden auch die virtuos agierenden Sängerinnen und Sänger getragen – allen voran Josefine Weber als Agathe und Jihyun Cecilia Lee als junge Verwandte Ännchen. Düsteres Tremolo und das Pochen der Pauke unterstreichen die bedenkliche Stimmung. Seufzer in den Celli verschwinden im Pianissimo. In dunkler Gewitterstimmung setzt dann das leidenschaftlich bewegte Allegro ein, dessen Atemlosigkeit hervorsticht. Alejandro Marco-Burmester verleugnet mit des Basses eherner Grundgewalt als Kaspar das Rachepathos neapolitanischer Prägung nicht, auch der französische Opernkomponist Mehul bleibt immer spürbar. Sehr schön gelingen dann immer wieder die höchsten Lagen der Holzbläser, die den Gesangsstimmen vereinzelt Klangfarbenreichtum verleihen. Motivwiederholungen und Zitate wirken dabei nicht aufgesetzt. Wiard Witholt als böhmischer Fürst Ottokar, Stephen Owen als fürstlicher Erbförster Kuno sowie der mit schlankem Tenor agierende Wolfgang Schwaninger als Max ergänzen den Sängerreigen in ansprechender Weise. Nachdem die wilde Erregung einen strahlenden Höhepunkt erreicht hat, erklingt ein strahlender Hornakkord – und über dem Tremolo der Streicher leuchtet in lichter Verklärung die Klarinette auf. Diese verklärend-sphärenhafte Ausdruckskraft beherrscht auch Josefine Webers Gesang, die der Agathe eine bewegende Aura verleiht. Jihyun Cecilia Lee zeigt als Ännchen eindringliche Strahlkraft, die sich in enormen Bögen immer weiter steigert. Für diese Leistung erhielt sie vom Publikum auch begeisterten Applaus.

Schon bei der Ouvertüre verdrängt der liebliche Gesang des zweiten Themas die beängstigenden Elemente. Und die Posaunen drohen machtvoll, bis nach dem Geigen-Tremolo die Celli endgültig Ruhe schaffen und in einen überwältigenden Schlussjubel münden. Opernchor und Extrachor des Theaters Augsburg sorgen denn auch am Schluss des Werkes für einen entsprechenden enthusiastischen Jubel, der sich immer weiter verdichtet. Affektwechsel kommen so wiederholt in präziser Weise zum Vorschein.

In weiteren Rollen überzeugen Stanislav Sergeev als Eremit, Thaisen Rusch als reicher Bauer Kilian, Gabor Molnar als Jäger sowie die stimmlich gut aufeinander abgestimmten Brautjungfern Carola Bach, Jutta Lehner, Cornelia Lindner, Susanne Simenec, Jutta Dilling-Cooney,  Constanze Friederich, Maria Theresia Jakob und Evgeniya Malkiel. Julia Toberer stellt das Kind dar. Ute Waldner ist eine alte Frau. „Der Hölle Netz hat dich umgarnt!“ könnte als Zitat über dieser mit Spielfilmelementen arbeitenden Inszenierung stehen, deren Mehrschichtigkeit immer wieder verblüfft. Stellenweise entdeckt man Szenen wie aus dem Stummfilm „Nosferatu“ mit Max Schreck. Der deklamatorische Duktus der szenischen Abschnitte geht jedenfalls nicht verloren. Es fällt auf, wie deutlich Weber die Singstimmen gegliedert hat. Liedhafte Melodik sticht so insbesonderen bei den Frauenpartien deutlich hervor. Kühne Harmonik und rhythmische Treffsicherheit ergänzen sich gegenseitig.

Großer Beifall.

Alexander Walther

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