Der Neue Merker

HEIDELBERG: DIONYSOS von Wolfgang Rihm

Heidelberg: Rihm: Dionysos, Premiere 8. Februar 2013

 Eine große Leistung ist dem Theater Heidelberg geglückt.

Mutig hat man das vor zweieinhalb Jahren bei den Salzburger Festspielen so erfolgreich uraufgeführte Stück auf den Spielplan gesetzt. Wolfgang Rihms Dionysos ist eine Fantasie über und um Friedrich Nietzsche. Wild wird die Antike mit dem Leben des Philosophen gekreuzt.

Das Libretto bilden Nietzsches Dithyramben, jenen Gedichten, die er umnachtet in den letzten Lebenszügen schrieb, und die kaum zu enträtseln sind. Rihms Musik zerlegt sie in Wortfetzen, baut andererseits lyrische Stimmungen und ist vor allem äußerst süffig und auf Anhieb genußvoll.

So punktete die Uraufführungsproduktion als „Aufführung des Jahres“. Ein nicht leichtes Erbe also für die Ersten, die es nachspielen wollten.

 Regisseur INGO KERKHOF ist ein Wurf gelungen. Er entfernt sich mutig von mancher Regieanweisung und gibt den Fragmenten eine
übergeordnete Geschichte, die diese Oper klug zusammenhält. Es könnte Nietzsches Leben sein: so sieht man ihn als Jungen, als Mann mitten im Leben stehend und als Greis nebeneinander. Sehnsüchte, Träume, Albträume haben in dieser Inszenierung Platz, die als Rahmen den ritualisierend quälenden Alltag im frauendominierten Haushalt des Protagonisten zeigt. Bezüge werden geschickt angedeutet- etwa der minotaurische Stierkopf, das Schaukelpferd oder die Abendmahlszene- aber nie dominant ausgestellt.

Im sehr stimmungsgebenden Einheitsbühnenraum ANNE NEUSERs ist ein Kommen und Gehen. Die Kostüme INGE MEDERTs sind treffsicher entworfen.

 Und auch musikalisch hält die Aufführung einem hohen Maßstab stand. Von den Sängern wird teils Aberwitziges verlangt.

HOLGER FALK, der Protagonist, kann besonders als Lyriker Stimmungen schaffen. Entrückt haucht er die liedhaften Passagen und spielt den N. erst zaudernd, später durchaus entertainerhaft und lässig. Sein heller, eher zurückhaltender Tenorbariton punktet in Diktion und Intimität.

NAMWON HUH als sein ständiger, spielfreudiger Begleiter „Gast“ besitzt einen leicht ansprechenden Tenor, der die irrwitzigen Spitzentöne mühelos meistert. Mit reichhaltigem, fokussiertem, in ätherischen Höhen flirrendem Sopran besticht SHARLEEN JOYNT als Ariadne, die obendrein ihrer Verführungsrolle auch viel erotischen Esprit verleiht. Und auch DIANA TOMSCHE in der nicht minderschweren 2. hohen Sopranpartie rankt sich geschmeidig in die Ensembles hinein. Die beiden tiefen Frauenstimmen sind bei der matronisch-dominanten CAROLYN FRANK und der vollmundig- orgelnden GUADALUPE LARZABAL in allerbesten Händen. Stark in seiner Körpersprache und mit großer Bühnenpräsenz spielt HARALD BEUTELSTAHL den Alten. MATTHIS WOLFER als Kind bewegt sich sicher und natürlich.

 Der Chor des Theaters Heidelberg singt die blockartigen Intermezzi mit Wucht und Größe. Ein großer Moment ist der Bachchoral-hafte Gesang aus den Rängen des „Neuen Saales“, der erst kürzlich eingeweiht werden durfte. (Chorleitung: JAN SCHWEIGER).

Auch das Orchester zeigt sich zupackend, farbenfroh und konzentriert. Dirigent YORDAN KAMDZHALOV hält die Zügel erst fest und sicher, gibt zunehmend Raum für agogische Ausflüge und stimmungsvolle Ruheinseln.

 Heidelbergs Mut hat sich voll und ganz ausgezahlt. Im vollbesetzten Neuen Saal, dem man eine feine Akustik bescheinigen darf, akklamierte das Premierenpublikum langanhaltend den Mitwirkenden und dem anwesenden Komponisten.

 Damian Kern

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