Der Neue Merker

HEIDELBERG: ARIADNE AUF NAXOS – Premiere

Großer Publikumserfolg in Heidelberg: „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss (Premiere: 19. 5. 2012)


Komödiantisch und klassisch inszeniert war das Vorspiel der Oper „Ariadne auf Naxos“ (Foto: Klaus Fröhlich) …

 Mit „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss fand die letzte Premiere im Opernzelt von Heidelberg, der Ausweichspielstätte während der Renovierung des Theaters, statt. Die Oper in einem Aufzug nebst einem Vorspiel, deren Uraufführung der Erstfassung– von Max Reinhardt inszeniert und vom Komponisten selbst dirigiert – im Jahr 1912 in Stuttgart war (die Neufassung wurde 1916 an der Wiener Hofoper uraufgeführt), wurde beim Heidelberger Publikum zu einem großen Erfolg.

 Die Verschmelzung zweier stilistisch gegensätzlicher Opernformen, der Opera seria und der Opera buffa, die für jedes Haus eine künstlerische Herausforderung bedeutet, wurde in Heidelberg auf neuartige Weise gelöst. Das Vorspiel im Hause des reichsten Mannes von Wien, wo im Rahmen eines Festes ein eigens hiefür in Auftrag gegebenes Werk eines jungen Komponisten und – auf Wunsch des Hausherrn – anschließend von einer Commedia dell‘ arte-Truppe die Komödie Die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber aufgeführt werden soll, wird mit dem nötigen Humor in klassischer Manier und bunten Kostümen (Entwürfe: Sabine Blickenstorfer) dargeboten.

 Für den zweiten Teil – die heroisch-tragische Oper Ariadne auf Naxos – hatte Regisseur Lorenzo Fioroni die etwas ausgefallene Idee, sie in einer Theatergarderobe spielen zu lassen. Die Darsteller der Oper kommen quasi nach der Vorstellung in einen großen Garderobenraum mit Fernseher, Schminktisch, Bank und Kleiderständer (Gestaltung der Bühne: Ralf Käselau) und führen dort das Werk im Alltagsgewand nochmals auf. Warum eigentlich? Diese Frage mag manchem im Publikum ein Rätsel geblieben sein.

 Die Darstellerin der Ariadne setzt sich auf die Bank vor den Fernseher und schläft ein, die Nymphen Najade, Dryade und Echo – teils am Schminktisch, teils beim Um- und Ausziehen –  brauchen sie nicht mehr in den Schlaf zu singen. Harlekin trällert sein heiteres Lied mit einer Bierflasche in der Hand, es wird viel getrunken, aber auch gegessen. Ein kleiner Knabe, vermutlich der Sohn einer Sängerin, kommt in die Garderobe, bestaunt das Treiben und setzt sich vor den Fernseher. Die Szene, in der die vier Komödianten Zerbinetta umwerben, ufert aus und endet mit einer Vergewaltigung. Bacchus erscheint schwarzgekleidet mit Pullover, holt sich einen Notenständer und „trompetet“ seine Rufe nach der Zauberin Circe durch den Raum. Nachdem er Ariadnes Wandlung von Todessehnsucht in Liebesbereitschaft erreicht hat und Zerbinetta ihre Lebensphilosophie Kommt der neue Gott gegangen, hingegeben sind wir stumm nochmals zum Besten gegeben hat, zieht das gesamte Ensemble quer durch den Publikumsraum des Opernzelts dem Ausgang entgegen.

 Positiv zu vermerken ist, dass durch die Übertitel (im Vorspiel in verschnörkelter, danach in klarer und besser lesbarer Schrift) die poetischen Texte von Hugo von Hofmannsthal zur Geltung kamen, sangen doch die Interpretinnen teils nicht sehr wortdeutlich.

 Als Ariadne war die Schwarzafrikanerin Yannick-Muriel Noah (in Madagaskar geboren, in Kanada aufgewachsen) aufgeboten, die im Jahr 2007 beim Hans-Gabor-Belvedere-Gesangswettbewerb vier Preise gewann und in Heidelberg bereits die Rolle der Aida sang, wo sie mit ihrer starken Bühnenpräsenz und Ausstrahlung gewiss eine Idealbesetzung war. Aber die Todessehnsucht der Ariadne nahm man der untersetzten, kräftig gebauten Sopranistin nur schwerlich ab, wenngleich sie ihre Arie Es gibt ein Reich mit der nötigen Schwermut wiedergab.

 Hervorragend hingegen die weißrussische Mezzosopranistin Anna Peshes sowohl stimmlich wie auch darstellerisch als Komponist, wohl eine der schönsten Hosenrollen der Opernliteratur! Die hübsche kanadische Koloratursopranistin Sharleen Joynt begeisterte das Publikum schon im Vorspiel durch ihr kokettes Spiel. Im zweiten Teil heimste sie mit ihrer großen Arie Sind wir nicht Frauen unter uns, die sie mit bewundernswertem Einsatz sang, minutenlangen Szenenapplaus ein. Verdientermaßen, wenngleich ich noch immer die Stimme von Edita Gruberova im Ohr habe, die mit unvergleichlicher Technik gerade diese Arie in der Wiener Staatsoper zauberhaft zum Besten gab.

 Durch köstliches Spiel bereicherten als Nymphen die Sopranistinnen Ulrike Machill und Annika Sophie Ritlewski sowie die Mezzosopranistin Carolyn Frank die Handlung in der Garderobe. Der hünenhafte amerikanische Tenor Ta’u Pupu’a (er kam nach seiner Karriere als Football-Spieler zum Singen) gab einen männlich-dominanten Bacchus ab, der stimmlich zu stark outrierte. Man hatte das Gefühl, dass er seine Rolle mit Augenzwinkern spielte (Welche Frau könnte mir schon widerstehen?).

 Die Rolle des Harlekins gab der australische Bariton Haris Andrianos auf burschikose und witzige Art, eindrucksvoll seine Arie Lieben, hassen, hoffen, zagen. Sehr deftig im Spiel waren als Komödianten Scaramuccio und Brighella die Tenöre Winfrid Mikus und Sanghoon Lee sowie als Truffaldino der Bass Wilfried Staber. Sehr komödiantisch spielten und sangen im Vorspiel der australische Bariton James Homann den Musiklehrer und der australische Tenor Angus Wood den Tanzmeister. Den Haushofmeister gab AP Zahner, der Mitglied des Heidelberger Opernchores ist und als Regisseur, Moderator und Autor bei zahlreichen Familienkonzerten in der Universitätsstadt mitwirkte.

 Für die hohe musikalische Qualität der Vorstellung sorgte das Philharmonische Orchester Heidelberg unter der famosen Leitung von Cornelius Meister, der sich mit der Einstudierung der Strauss-Oper nach sieben Jahren als Generalmusikdirektor am Theater Heidelberg von „seinem“ Publikum verabschiedete. Als Nachfolger von Bertrand de Billy beim ORF-Symphonieorchester hat er sich inzwischen auch in Wien bei den Musikfreunden einen Namen gemacht. 

 Das von der Aufführung sichtlich begeisterte Publikum belohnte alle Mitwirkenden und das Regieteam mit nicht enden wollendem Applaus, wobei der Dirigent und sein Orchester mit besonders vielen Bravo-Rufen bedacht wurden.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

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