Der Neue Merker

HANS ROTT – LIEDER + SYMPHONIE

4260330918031  HANS ROTT – LIEDER + SYMPHONIE – OEHMS CLASSICS OC 1803 

Brahms und Mahler äußerten sich über den Kommilitonen er ist der Beste von uns allen. Gemeint war Hans Rott, der junge Hoffnungsträger und Schüler Bruckners – doch leider wurde das Komponisten-Talent nur 26 Jahre alt und starb an geistiger Umnachtung. Was hätte die Musikwelt noch von ihm erhoffen dürfen? Die Entdeckung Hans Rott ist zu Recht als musikwissenschaftliche Sensation der 1990er Jahre bezeichnet worden. 

Nun ist es den Kuratoren zu danken, dass dieses ungewöhnliche, musikalisch-wertvolle Projekt Lieder und Symphonie auf CD konserviert wurde. Der Komponist Enjott Schneider bearbeitete den Liederkreis, einer analogen Winterreise „Balde ruhest du auch!“ für Bariton und Orchester. Michael Volle erfüllt die schwermütigen Texte voll Todessehnsucht und Weltentrückheit in spannungsvoller, adäquater Text-Gestaltung. Zudem gestaltet der vorzügliche Bariton die musikalische Linie melodisch trefflich nuanciert, voll anrührender emotionaler Intensität. Das nenne ich Liedgesang allererster Güte – Bravo! Dezent illustriert Hansjörg Albrecht mit den Münchner Symphonikern die orchestrale Untermalung. 

Als singulär künstlerisches Ereignis darf man die Interpretation  der „Symphonie E-dur“ durch Hansjörg Albrecht mit dem herrlich musizierenden Orchester bezeichnen. Was für ein grandioses Werk von magischer Faszination! Gewiss sind Anklänge an Mahler unverkennbar und dennoch so reich, überflutend voll Eigenimpulsen des jungen Komponisten. Vom Bläsersolo eröffnet, erschließen sich bereits im Alla breve die thematischen, harmonischen und strukturellen Kontroversen. In schematischen Deutungen der Melodien erhebt sich das Adagio feinnervig und blühend. Frisch, lebhaft! Ist die Bezeichnung des 3. Satzes und fesselt in seiner Urgewalt und mitreißenden Energie. Welche überwältigende Brillanz offenbart schließlich der Finalsatz von 21 Minuten Länge, also schon von Bruckner-Ausmaßen. Der Einfluss des großen Meisters auf den jungen, gelehrigen Schüler ist unleugbar. Während des gedehnten, sämigen Streicherklangs in herbstlichen Farben, dem abgedunkelten Bläsertimbre, formiert Albrecht das prächtig disponierte Orchester, zurückhaltend und doch prägnant zu unendlicher Klangfülle. Eine exemplarische Einspielung voll suggestiver Farbigkeit. Dieses symphonische Kleinod dürfte in meinem Gepäck für die „Insel“ nicht fehlen.

Gerhard Hoffmann

   

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