Der Neue Merker

HANNOVER/ Staatsoper: SALOME. Neuinszenierung

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Annemarie Kremer (Salome). Foto: Youtube

HANNOVER: SALOME an der Staatsoper  am  22. November 2017, zweite Vorstellung nach der Premiere am 18. November

Strauss-Triumph in Hannover

Richard Strauss‘ Werke gehören nicht – mehr – unbedingt zum Kernrepertoire der Staatsoper Hannover. Die letzte Premiere der Salome liegt 22 Jahre zurück. Nun ist die Prinzessin von Judäa auf die hannoversche Opernbühne zurückgekehrt, und das mit Furore.

Die Bühne ist so gut wie leer, im Hintergrund durch einen flatternden Vorhang begrenzt, eine massive goldene Wand teilt den ansonsten schwarzen Raum zeitweise. Ingo Kerkhof, in Hannover durch einige Inszenierungen, darunter auch eine Ariadne vor sechs Jahren, kein Unbekannter, sucht nicht nach einer bildmächtigen Neuinterpretation der Geschichte. Er lässt sie vielmehr für sich selbst sprechen. Die schlichten, heutigen oder vielmehr zeitlosen Kostüme von Inge Medert tragen dazu ebenso bei wie der reduzierte Bühnenraum von Anne Neuser. An einigen Stellen setzt Kerkhof Akzente, wie vei Salomes Tanz, den das männliche Ensemble aus Juden, Soldaten, Nazarenern etc. zur transvestitischen Orgie werden lässt. Am Ende gibt es einen sehr naturalistischen Kopf auf dem Silbertablett, mit dem Salome ausgiebig spielt und aus dem einiges an Blut fließt. Darüber hinaus lässt Kerkhof die Figuren vor allem eines – sich auf ihren Text konzentrieren. Die Übertitel sind obligatorisch, aber es ist durchaus auch einiges davon zu verstehen. Und dass Salome am Ende nicht getötet wird, sondern von der Bühne durch den Vorhang nach hinten ins Ungewisse abtritt, lässt alle großen Fragen des Stückes ebenso offen wie der Text selbst.

Die auf das wesentliche konzentrierte Regie lässt der Musik viel Raum. Und den weiß GMD Ivan Repuŝić glänzend zu nutzen. Das Staatsorchester zeigt sich bestens disponiert und folgt Repuŝić nicht nur konzentriert, sondern mit geballter Klangschönheit und Kraft. Die vielen schillernden Farben der Partitur kommen dabei ebenso zur Geltung wie die eruptive Dramatik und der Klangrausch. Vom ersten Ton bis zum letzten schneidenden Schlag spannt Repuŝić einen Spannungsbogen, dem sich nicht zu entziehen ist. Und damit macht er das Orchester zum wichtigsten Protagonisten des Abends.

Das Ensemble auf der Bühne und – wie Narraboth, der Page und die Soldaten zuerst auf dem Rang – gerät trotz aller Wucht des Klanges nie in Gefahr, übertönt zu werden. Annemarie Kremer wirft sich mit voller Verve in die Titelrolle, spielt Salome sehr glaubhaft, gerade weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Rollenklischee festlegt. Ihr gutvoller Sopran hat in den tiefsten Tiefen ebenso Substanz wie in den höchsten Aufschwüngen, sie singt die Partie wohldosiert und kann dadurch einen überragenden Schlussgesang gestalten. Brian Davis tönt machtvoll mahnend als Jochanaan, findet aber auch die Zwischentöne, um die Milde und Weisheit des Propheten zu verkörpern. Mit charaktervoll strahlendem Tenor gibt Robert Künzli dem Herodes trotz aller unreifen Lüsternheit Würde und Format, Khatuna Mikaberidze steht ihm und Annemarie Kremer mit den wenigen Stichworten der Herodias und dunkel leuchtendem Mezzo ebenbürtig zur Seite.

Von den überwiegend sehr gut besetzten kleineren Partien bleiben vor allem Simon Bodes schön und leidend gesungener Narraboth und der profunde erste Nazarener von Daniel Eggert im Gedächtnis.

Am Ende der sehr gut besuchten zweiten Vorstellung gibt es intensiven Beifall für alle Beteiligten, wobei Ivan Repuŝić und sein Orchester verdientermaßen besonders hoch in der Publikumsgunst stehen.

Christian Schütte

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