Der Neue Merker

HANNOVER: DER JUNGE LORD von H.W. Henze zur Saisoneröffnung. Premiere

Bunt ist besser – Hans Werner Henzes „Der junge Lord“ eröffnet die Saison an der Staatsoper Hannover (Premiere2.9.2017)

Hans Werner Henze ist seit langem ein regelmäßiger Gast auf Hannovers Opernbühne. Seine Manon-Lescaut-Vertonung „Boulevard Solitude“ wurde hier 1952 uraufgeführt, eine ganze Reihe seiner Opern, wie „Der junge Lord“ oder „Die englische Katze“ bereits wenige  Monate nach der Uraufführung nachgespielt. Immer wieder standen seine Ballette auf dem Spielplan. Die schwierig zu realisierende Urfassung seiner Oper „König Hirsch“ schließlich ebenso wie, bereits während der Intendanz Michael Klügls, die „Bassariden“. Nach einer rundum geglückten Neuinszenierung der „Englischen Katze“ im vergangenen November präsentierte die Staatsoper Hannover nun mit einem neuen „Jungen Lord“ nach kurzer Zeit einen weiteren Henze. Mit Recht, denn ein gelungenerer Start in die neue Saison lässt sich kaum vorstellen.

Bernd Mottl hat in Hannover bereits ein breites Spektrum an Werken zwischen „My Fair Lady“ und dem „Fliegenden Holländer“ inszeniert. Diese ganz besondere Frucht der künstlerischen Partnerschaft zwischen Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann war ihm nun ganz offenbar eine große Inspiration. Er inszeniert einerseits sehr dicht am Stück, lässt sich andererseits größtmöglichen Spielraum für eine Fülle wunderbarer, komischer, durchdachter und durchweg schön anzusehender Details. Der von Friedrich Eggert entworfene Bühnenraum besteht vor allem aus schwarz und weiß. Ein Boden im Schachbrettmuster variabel teil- und auf unterschiedliche Höhen verstellbar, sowie schwarze Wände mit weißer Spitze abgesetzt, die den Raum vertikal verändern. Damit stellen Regisseur und Bühnenbildner ein zentrales Element des Stücks klar in den Fokus – die hier gezeigte Gesellschaft sieht nur schwarz und weiß, denkt in engen Kategorien und ist in den Insignien ihrer Bürgerlichkeit verhaftet. Alfred Mayerhofers Kostüme greifen für die gesamte Stadtgesellschaft dieses Konzept auf. Erst Sir Edgar und sein Gefolge bringen mit ihrer Ankunft Farbe ins Spiel und sorgen damit für höchste Irritation. Farben- und fantasievoll erscheint später ebenfalls die den Kleinbürgern suspekte Zirkustruppe, die der verschwiegene und abweisende Sir Edgar zum Zorn aller in sein Haus aufnimmt. Wie sehr der mysteriöse ältere Herr sie später vorführen wird, ahnen sie noch nicht. Bernd Mottl zieht diesen Gedanken einer unbedingt veränderungsunwilligen und uniformen Gesellschaft, die für alles Andersartige und Fremde wenig mehr als Skepsis und Verachtung übrig hat, konsequent durch den Abend. Die Inszenierung hat Tempo, Witz und stellt durch kurzweiligste Veränderungen des Bühnenraums die technischen Abteilungen vor eine Herausforderung. Alles funktioniert bestens.

Dieser am Ende vom Publikum mit viel Zuspruch gefeierten szenischen Seite der Produktion steht eine glänzende musikalische Leistung gegenüber. Großes Lob gilt Kapellmeister Mark Rohde, der am Pult des Niedersächsischen Staatsorchesters viel mehr erreicht, als die Fäden der vertrackten Partitur zusammenzuhalten. Die vielen, teilweise schroff aufeinander prallenden musikalischen Gegensätze, zwischen Reminiszenzen an die Tradition der komischen Oper und zeitgenössischen Klängen aus dem Geist der 1960er Jahre, fügt er zu einem großen, luftigen Bogen zusammen, sein Gang durch die Partitur ist aus einem Guss und seine Musiker folgen ihm dabei mit viel Spielfreude. Die hat mit ungebremster Energie ebenfalls das famose Ensemble auf der Bühne. Henze und Bachmann haben sein sehr personenintensives Stück geschrieben, ein richtiges Ensemblestück eben. Hier geht es weniger darum, dass sich einzelne solistisch profilieren, sondern dass alle gemeinsam miteinander durch die anspruchsvollen Ensembleszenen kommen. Auch das ist wunderbar gelungen, und von der Bühne war nicht nur klangschöner, sondern vor allem auch über weite Passagen hinweg wortverständlicher Gesang zu hören. Opernlegende Franz Mazura steht in der stummen Rolle des Sird Edgar noch einmal auf Hannovers Opernbühne. Unmöglich ist es, aus dem singenden Ensemble einzelne herauszugreifen, dennoch verdienen in den größeren Rollen Rebecca Davis und Simon Bode als Liebespaar Luise und Wilhelm, Stefan Adam als Sir Edgars Sekretär, Sung-Keun Park als Lord Barrat sowie Julie-Marie Sundal als Baronin Grünwiesel und Julia Sitkovetsky als Ida ganz besondere Erwähnung.

Großer Beifall nach dieser starken Premiere. Fünf Vorstellungen wird es danach nur noch geben, und ob eine Wiederaufnahme in die kommende Saison ansteht, ist fraglich. Da hilft nur eins – hingehen!

Christian Schütte

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