Der Neue Merker

HANNOVER: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Zwei Außenseiter finden sich. Premiere

Richard Wagner: Der fliegende Holländer. Staatsoper Hannover, Premiere am 11.02.2017

Zwei Außenseiter finden sich

Der Vorhang öffnet sich und der Blick fällt auf den Innenraum eines mehrstöckigen Gebäudes, die Etagen sind durch Rolltreppen verbunden. Was mag es sein? Ein Einkaufszentrum? Ein umgekippter Einkaufswagen vorne auf der Bühne weist darauf hin. Doch eindeutig ist es nicht. Ganz klar ist, dass dieses Gebäude von einer Naturgewalt schwer verwüstet ist, Rolltreppen sind abgebrochen, Wände und Decken zerstört, Schlamm und tote Tiere prägen das Bild, das den Rahmen für die drei Akte bildet. Regisseur Bernd Mottl und Bühnenbildner Friedrich Eggert wollen offensichtlich zeigen, dass die von Wohlstand und Konsum bestimmte Welt sich in eben diesen Dingen noch so sicher wähnen kann, wenn aber die Macht der Natur zuschlägt, dann ist auch diese Welt zerbrechlich.

Daland und seine Mannschaft sind klar als Seeleute zu erkennen – die Kostüme sind von Doey Lüthi – und dann taucht der Holländer auf. Zu den geheimnisvollen Klängen, die seinen Monolog einleiten, schleichen dunkle, gespenstische Gestalten, in schwarz und offensichtlich auch von Verwesung und Verwüstung gezeichnet, manchen mit Tierkadavern in der Hand, über die Bühne. Eine andere Dimension bricht in das Geschehen ein. Der Holländer selbst, schwarz und bleich, trägt ein Kostüm wie aus der fernen Zeit, aus der die Fabel vom Fliegenden Holländer überliefert ist – eine Märchenfigur? Auf jeden Fall eine Figur, die nicht aus dieser Zeit stammt, mit der hier dargestellten, zerstörten Welt nichts zu tun hat. Gleiches gilt für Senta. Sie trägt wie eine Anhängerin der Gothic-Szene ein schwarzes Kleid und zerrissene schwarze Strumpfhosen, die Haare sind schwarz, das Gesicht bleich, Augen und Mund aber tiefschwarz geschminkt. Sie rebelliert gegen die Konventionen, in denen sie lebt, besprüht die noch wenigen weißen, unberührten Flecken des zerstörten Gebäudes mit schwarzen Kreuzen. So gegensätzlich der Holländer und Senta präsentiert werden, so verbunden sind sie doch in ihrer Außenseiterposition, das arbeitet Bernd Mottl sehr eindringlich heraus. Sie müssen sich somit quasi verbinden, ob das Motiv Liebe ist, bleibt dahingestellt.

In den Rahmen dieser Beziehung zwischen Senta und dem Holländer stellt Bernd Mottl seine Inszenierung. Dabei gelingen durch, von Elana Siberski gestaltete, Lichteffekte immer wieder starke Momente. Der fast durchweg choreographierte Chor hat mit dieser Beweglichkeit einiges zu tun. Wenn aber zu Beginn des zweiten Aktes die Spinnerinnen als konsumsüchtige Damen der oberen Gesellschaft mit Pelzmänteln und Einkaufstaschen im Rhythmus der Musik im Kreis über die Bühne tänzeln, dann passt das nicht nur ins Gesamtkonzept, sondern ist auch sehr komisch. Sie spinnen eben, wenn auch keine Fäden.

Musikalisch überzeugt die Aufführung durchweg. GMD Ivan Repušić steht zum ersten Mal in seiner Funktion am Pult einer Premiere, im September zur Saisoneröffnung war das krankheitsbedingt nicht möglich. Er arbeitet mit dem Staatsorchester viele Details der Partitur heraus, geht dabei sehr differenziert durch den Abend, deckt die Bühne niemals zu und hält stets gute Balancen. Dazu spielt das Orchester mit üppigem Klang und gibt sich in den Passagen, die schon auf Wagners spätere Werke hinweisen, gern dem Klangrausch hin.

Stefan Adam in der Titelpartie ist ein ebenso autoritär und weiß die Bühne zu beherrschen wie er auch ganz für sich bleibt und Beziehung zu den anderen Figuren nur so weit sucht, wie es nicht vermeidbar ist. Die Verlassenheit und Einsamkeit der Figur transportiert sich so sehr stark. Er singt den Holländer ebenso stark mit vielen Farben, mal mal gewaltig auftrumpfend, mal ganz zurückgenommen. Kelly God als Senta identifiziert sich ganz mit der Regie und gibt die Figur in ihrem Auflehnungsbedürfnis sehr überzeugend, sie singt sie mit kräftig leuchtenden, am Ende dramatischen Tönen, kann sich aber ebenfalls auch ganz ins Piano zurückziehen.

 Shavleg Armasi ist mit markantem Bass ein geschäftstüchtiger Daland, Robert Künzli, heldentenorerfahren, gibt dem Erik starkes Profil. Julie-Marie Sundal als Mary und Pawel Brozek als Steuermann ergänzen das sehr starke Ensemble in den kleinen Partien. In gewohnter Präsenz zeigt sich der Staatsopernchor, der hier freilich eine besonders dankbare Aufgabe hat.

 Am Ende gibt es einhelligen, begeisterten Beifall für alle Beteiligten auf und vor der Bühne sowie für das Regieteam.

Christian Schütte

 

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