Der Neue Merker

HAMBURG / Staatsoper: LA BELLE HÉLÈNE, Jennifer Larmore und Oleksiy Palchykov begeistern als Hélène und Paris

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Copyright: Klaus Lefebvre

HAMBURG / Staatsoper: LA BELLE HÉLÈNE, 6.1.2018
Jennifer Larmore und Oleksiy Palchykov begeistern als Hélène und Paris

Ce n’est qu’un rêve, un doux rêve d’amour“ Duett Hélène Paris 2. Akt

Natürlich kennen Offenbach Freunde die quirlige Produktion der schönen Helene in der Regie von Laurent Pelly mit Felicity Lott in der Titelpartie. Dafür hat der für schrägen Humor bekannte frz. Bühnenmagier Laurent Pelly (man erinnere sich an Rameaus Platée, beides erhältlich auf DVD) die Figur der schönsten Frau der Welt nicht einer jungen Sängerin, sondern einer Frau eines gewissen Alters mit einer gewissen Erfahrung anvertraut. Renaud Doucet, dem man in Hamburg Inszenierung und Choreografie anvertraut hat, eignete sich im Grunde das durchaus campe Pelly-Konzept an und verlegt nun das fatalistische Treiben der „Götter“ auf das Kreuzfahrtsschiff „Jupiter Stator“. Eine perfekte Metapher für das skurrile Gehabe auf heutigen Bespaßungs-Ozeanriesen als auch eine augenzwinkernde  Hommage an den Hamburger genius loci.

Die Geschichte wurde in die 60-er Jahre verlegt, Hélène unternimmt mit ihrem Mann Ménélas eine Croisière. Er zeigt schon längst kein Interesse mehr an ihr und hat sich einen jungen hüftenschwingenden Lover geangelt. Sie hechelt wie alle vernachlässigten Ehefrauen auf dem Schiff jedem Jüngling hinterher. Als eine große Adonis Statue an Bord gehen soll, läuft sie ungeschickt dagegen und fantasiert ab da an, dass sie die Schöne Helena aus Troja sei.

Die Lust auf Urlaub in der Sonne machenden realistischen Bühnenbilder des Kreuzfahrtsschiffs von André Barbe und seine bunt den schlechten Geschmack der wie eine antike Faschingsgilde über die Szene fegenden Spaßgesellschaft persiflierenden Kostüme bilden den poppigen Hippie-Rahmen für erotische Verlustigungen aller Art. Love and Drugs and Rock’nRoll à la Offenbach, der in seinem genialen musikalischen Lustspiel die bürgerliche Gesellschaft in Form all der antiken Götterwitzfiguren gehörig aufs Korn nimmt. Auch unser Liebespaar Hélène und der blondgelockte  Schäfer Paris entgehen dem Spott nicht, zu eitel gockelt der testosteronüberschwemmte Paris durchs Revier, zu offensichtlich offeriert Helena ihre wackelige Beauty-Vorherrschaft. Ganz bei sich sind sie nur, wenn es um knallharten Sex geht, wie im großen Duett des zweiten Aktes, wo sie denn prompt vom unangemeldet heimkehrenden Ménélas in flagranti erwischt werden.

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Copyright: Klaus Lefebvre

Wesentlich an dem Abend ist aber das Vergnügen, dem patscherten Leben auch der Reichen die Nase zeigen zu können, dem Ungeschick der halbseidenen und sonst wie pompös auftrumpfenden Noveaux Riches, sei es aus Frankreich oder anderswo her. Ganz köstlich und charmant, wie Jennifer Larmore als blondperückte Hélène in vokaler Höchstform als erfahrene Rossini Diva ihre Koloraturen akkurat schmettert, verführerisch gurrt, schmeichelt oder schmollend das Spiel kapriziös hinauszögert. Sie sieht nicht nur großartig aus, sondern reüssiert und begeistert mit einer Diven-Persiflage sondergleichen. Dabei ist Jennifer Larmore der liebenswerteste Mensch der Welt. Immerhin war sie eine der ganz großen Belcanto-Sängerinnen der 80-er und 90-er Jahre. Larmores Arsace (Rossini-Semiramide) auf dem Label Deutsche Grammophon mit Cheryl Studer in der Hauptrolle ist einer meiner bestgehütetsten Plattenschätze. Der Primadonna in Sachen Spiellaune nichts nach der Paris von Oleksiy Palchykov, der als testosterongesteuerter Geck seine mickrigen Muskeln in schlabberigen Boxershorts vorführt. Max Emanuel Cencic ist als partygeiler Orest eine eins zu eins Kopie der James Bond-Filmparodie Austin Powers. Stets umgeben von den AbFab Tussies Patsy Stone und Edina Monsoon. Für das übrige karnevaleske Göttervolk, das im Intelligenztest dem Schäferjüngling Paris peinlich unterliegt, hat die die Staatsoper Hamburg eine tolle Riege an komischen „schrägen Vögeln“ im Köcher:

Peter Galliard als ehelicher Schwerenöter Menelas, Victor Rud als Agamemnon im Elvis Goldstrampelanzug, Ziad Nehme gibt einen Macho Achilles wie im Bilderbuch, Sergei Ababkin und Julian Rohde als erster und zweiter Ajax dürfen lebende Putzmittelwerbesäulen mit Klobürste und Schrubber auf den Helmen verkörpern, Otto Katzameier überwacht als sittenstrenger Kapitän Calchas das Geschehen, Soomin Lee als Bacchis ist die gar nicht so harmlose Zimmerzofe. Die Regie lässt aber auch die gesamte Atridenfamilie auftreten, Elektra im Streifenlook mit Beil, Chrysothemis, Iphigenie, Klytämnestra, Aegisth, alle dargestellt von Mitgliedern des Opernchores. Halt vergessen: Da geisterten noch Penelope als Nana Mouskouri Verschnitt und ihr Sohn Telemacho über das Promenadendeck.

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Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und der Chor der Staatsoper Hamburg unter der bisweilen blutleeren Leitung von Nathan Brock mühten sich nach Kräften, wenngleich ein mehr an Präzision und Schwung nicht geschadet hätten.

Fazit: Diese in Hamburg erstklassig gesungene und wunderbar gespielte Opéra bouffe von Offenbach gehört öfter auf die Spielpläne der großen Häuser. Die fantastisch überbordende Regie mit großem Sprachwitz sorgt gemeinsam mit dem bunten 60-er Dekor für eine großes Opernvergnügen. Fast wähnte man sich in frühere Ferien versetzt, obgleich es da selten so ganz und gar lustig zuging.

Dr. Ingobert Waltenberger

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