Der Neue Merker

HAMBURG: PARSIFAL in der Freyer-Inszenierung als Bilderrätsel

Bilderrätsel: Achim Freyers Parsifal-Inszenierung an der Staatsoper Hamburg am 3. Oktober 2017

Die Staatsoper Hamburg stand zu Beginn dieser Saison ganz im Zeichen von Achim Freyer. Nicht nur, weil seine Inszenierung des Parsifal nach der Premiere für ein ebenso umfangreiches wie kontroverses Medienecho gesorgt hat, sondern auch, weil an und vor den Fassaden des Hauses großflächige Installationen den bildenden Künstler Freyer zeigen. Die stimmen auf das ein, was auf der Bühne zu sehen ist.

Nur fünf Vorstellungen waren auf dem Spielplan. Da die Inszenierung beim Publikum zu einem großen Erfolg wurde, war auch die letzte Aufführung so gut wie ausverkauft. Achim Freyer bemerkt im Programmheft über seine Aufgabe als Regisseur: „dass ich in die Pflicht genommen bin, wesentliche Werke unserer Zeit vor den Verirrungen der Interpretationen zu retten.“ Genau das ist zu sehen. Mit einem alle drei Akte durchziehenden schwarzen Bühnenraum, einer Spirale als Symbol für den nie endenden Kreislauf des Lebens, vielen Effekten durch Farben, Symbole und Projektionen, Kostümen in überwiegend schwarz und weiß – nur Klingsor und die Blumenmädchen brechen mit kräftigen Farben aus diesem Konzept aus – schafft Freyer viele ästhetische, starke und suggestive Bilder. Aber wie er ganz persönlich den Parsifal interpretiert, das erfährt der Zuschauer nicht. Denn Freyer will ja gar nicht interpretieren. In dem an Anspielungen, Assoziationen, Symbolen und Hintergründen reichen Werk schafft er Räume, die viel Spielraum für jeden einzelnen lassen, diese vielschichtigen Seiten des Werkes zu sehen und zu deuten. Es kann nicht darauf ankommen, jedes einzelne Detail in Freyers teilweise sehr üppig beladenen Bildern zu verstehen, das wäre überfordernd. Jeder nimmt sich das, was er braucht, jeder sollte sich – auch das eine Herausforderung dieser Inszenierung – dem Rausch der Bilder hingeben. Wer den Parsifal gut kennt, der wird hier an vielen Punkten zum Nachdenken angeregt, wer nicht ganz so kundig ist, wird es vielleicht durch diese Inszenierung auch nicht.

Ein Gaze-Vorhang noch vor dem Orchestergraben trennt das Publikum vom Geschehen, die Zuschauer sind Beobachter. Die Darsteller auf der Bühne sind weniger Menschen, sondern Figuren, das kommt durch die für Freyer typische Art, Gesichter ganz weiß und mit starken, starren Konturen zu schminken. So werden die mysteriösen Elemente des Stückes sehr stark herausgestellt, und trotz der Trennung durch den Vorhang kommt nicht das Gefühl auf, vom Geschehen distanziert zu werden. Im Gegenteil, die aufmerksame Beobachterperspektive ist offenbar gewünscht, der Zuschauer betrachtet etwas, was er nicht sofort deuten und verstehen kann, und wird somit ein wenig selbst zum Parsifal.

Das Publikum reagierte auf die Aufführung mit begeistertem und sehr differenziertem Beifall. Ganz oben in der Gunst standen Generalmusikdirektor Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester. Nagano badete nicht in üppig ausgebreiteten Klängen, er ging mit großer Klarheit, Präzision und durchaus, zum Beispiel in den Verwandlungsszenen des ersten und dritten Aktes, straffem Tempo durch die Partitur. Damit spannte er große Bögen über den Abend und gab dem Orchester die Rolle eines eigenen Protagonisten, eines Kommentators, die es ja auch haben sollte. Die Musiker folgten nicht nur Naganos präzisen Vorgaben, sie spielten zudem mit großer Klangschönheit in allen Instrumentengruppen.

Unter den Sängern gebührte Andreas Schager in der Titelpartie die Krone des Abends. Passend zu seiner Rolle als reiner Tor führte er seinen kraftvollen Tenor strahlend hell durch die Partie, ohne falsches Pathos und gewollte Heldenhaftigkeit, ganz natürlich und unmittelbar. Noch dazu fand er sich als Darsteller bestens in Freyers Bilderwelten ein. Ein rundum gelungenes Porträt. Kwangchul Youn brauchte nichts als die satte Opulenz seines Basses, um Gurnemanz die nötige Autorität zu verleihen, mit überwiegend fabelhafter Textverständlichkeit. Dass diese Autorität im dritten Akt gebrochen ist, gehört zur Figur und darf auch zu hören sein. Wolfgang Koch sang den Amfortas tadellos, klang im ersten Akt allerdings ein wenig verhalten, was an seiner relativ weit hinten verorteten Position und der sehr statuarischen Haltung, die ihm Freyer abverlangt und die wenig Spielraum für Darstellung bietet, gelegen haben mag. Seine letzten verzweifelten Klagerufe am Ende konnte er dann aber frei und mächtig durch den Raum schallen lassen. Stimmlich absolut präsent und mit sichtlicher Freude am, im wahrsten Sinne des Wortes. Spiel eines Zauberers gab Vladimir Baykov den Klingsor. Als zotteliges und auch irgendwie geschlechtsloses Wesen zeichnet Freyer Kundry, deren Verführungskünste im zweiten Akt so in ein ganz anderes Licht geraten, das die sonst so oft gezeigte Erotik der Szene in Frage stellt. Claudia Mahnke gab sich ganz in dieses Rollenbild ein und formte eine starke Figur. Sie sang Kundry ohne Mühe und Anstrengungen, allerdings klang ihr Mezzosopran an diesem Abend vor allem in den tiefen Lagen nicht immer ganz frei, an manchen Stellen hätten kräftigere Akzente ihre Verkörperung der zwischen den Welten zerrissenen sicher noch eindrücklicher gemacht.

Tigran Martirossian als sonorer Titurel, Knappen, Ritter, Blumenmädchen und der klangstarke Staatsopernchor trugen nicht minder zum hohen vokalen Niveau der Aufführung bei. Es bleibt zu wünschen, dass dieser in jeder Hinsicht sehens- und hörenswerten Lesart des Parsifal viele Wiederaufnahmen beschieden sind.

Christian Schütte

Diese Seite drucken