Der Neue Merker

HAMBURG: LES TROYENS – Naganos Klangzauber, Thalheimers Blut-Zuber. Premiere

Naganos Klangzauber, Thalheimers Blut-Zuber

„Les Troyens“-Premiere in Hamburg (19.9.2015)

LESTROYENS1
Copyright: Hans Jörg Michel

Erwartungsvoll war die Stimmung vor der großen Einstands-Premiere von Kent Nagano, dem neuen Generalmusikdirektor der Hamburger Philharmoniker mit „Les Troyens“ von Hector Berlioz in einer Strichfassung (im ersten Teil überzeugend, im zweiten Teil nicht wirklich stringent) des zeitgenössischen Komponisten Pascal Dusapin . – Voller Erwartung war man auch auf die erste Regie-Arbeit von Michael Thalheimer in der Hamburgischen Staatsoper.

Kent Nagano hat – nach seltsam zwischen Chor und Orchester verwackeltem Beginn – die Erwartungen mehr als erfüllt. – Differenziert arbeitete er die zwischen Lyrik und Dramatik stark wechselnden Klang- und Melodie-Stimmungen heraus und erzeugte so die Spannung, die dem komplexen Stück wirklich nicht von selbst innewohnt.

Leider vermochte die Regie mit dem von Nagano gesteckten Niveau nicht gleichzuziehen. Sie schwankte unentschieden zwischen Statik und übertriebenen Gestik- und roten Farbschmier-Exzessen. –

Der Auftritt der Andromaque mit ihrem kleinen Sohn, musikalisch allerfeinst und anrührend gestaltet, wurde durch völlig überzogene Gesten und Bewegungen so konterkariert, dass man sich zuschauend mühen musste, die tiefe Berührung durch die Musik nicht zu verlieren. Der Schauspielerin Catrin Striebeck waren unterschiedliche manierierte und unplausible Extremdarstellungen vorgegeben: mit bluttriefenden Händen den Sohn widernatürlich-psychopatisch abzuknutschen, sich einen Fremden zwischen die Beine zu zwängen, und dergleichen mehr. – Gewirkt hätte die Szene durch den tiefen Schmerz, den einen die Musik erfahren lässt, und der nur der inneren Bewegtheit der Darstellerin zu entnehmen gewesen wäre. – Stattdessen plakativer, äußerer Aktionismus, der ähnlich an weiteren Stellen der Inszenierung immer wieder mal vorkommt, etwa wenn im zweiten Teil Dido’s Minister Narbal zeigen muss, wie oft er rote Farbbeutel an die Wände zu werfen imstande ist: peinlich! – Demgegenüber fast nur statisches Rampen-Singen, was man wohlwollend als Reduktion bezeichnen würde, gäbe es nicht die aktionistischen Einwürfe. – Die Chorauftritte sind so unbeholfen, dass man meint, jeder Spielleiter hätte mehr Ideen gehabt. Immer wieder schwingt im Bühnenhintergrund das die ganze Rückwand füllende Bühnentor nach oben, was zunächst durchaus ein wirkungsvoller Effekt ist. Nun kommt der Chor vorwärtsgehend in den Bühnenvordergrund, singt und geht rückwärts wieder ab, bar jeder inneren Motivation und so eigentlich bei fast jedem Auftritt. – Das Bühnenbild, das eigentlich nur aus zwei die ganze Bühnenhöhe einnehmenden Seitenwänden aus Holz und eben dieser beweglichen Rückwand besteht, ist für den ersten Teil beeindruckend und angemessen. – Im zweiten Teil nutzt sich die Sicht auf dasselbe und seine Funktion mit sich auf- und abschwingender Rückwand völlig ab und nimmt der archaischen Kraft aus dem ersten Teil das Gewicht. – Auch das Blut, das über die gesamte schrägstehende Rückwand fließt, wenn die Trojaner durch die Griechen (nicht sichtbar) niedergemetzelt werden, hat im ersten Teil schockierend verstörende Wirkung, mit der man sich innerlich auseinandersetzen muss. – Im zweiten Teil ist es zur billigen Routine-Veranstaltung geworden, welche wiederum die beeindruckende Wirkung im ersten Teil nachträglich schmälert, wenn sie dieselbe nicht sogar auslöscht: schade!

Die sängerischen Glanzpunkte wurden durch Catherine Naglestad als Cassandre – im ersten Teil – und durch Elena Zhidkova als Dido, sowie Katja Pieweck als ihre Schwester Anna – im zweiten Teil – gesetzt. – Dabei wurde trotz der Statik der Regie die Darstellung der Cassandra-Tragik zum echten Erlebnis. – Dido’s liebende Leidenschaft, die sich am Ende in verzweifelte Hass- und Rache-Gefühle wandelt, konnte einzig der hervorragenden sängerisch-musikalischen Gestaltung abgelauscht werden, nicht aber der von der Regie verordneten Statik der Liebesszenen und der haarausaufraufenden Unnatürlichkeit der Hassgebärden. – In Darstellung und Gesang vermochte Christina Gansch als Ascange rundherum zu überzeugen, und im zweiten Teil war die Gestaltung der lyrisch-leichten Tenor-Arie von Julian Pregardien als heimwehkrankem Seemann Hylas zum Niederknien. – Torsten Kerl blieb als Enneé leider durchgängig sängerisch und darstellerisch zu blass, wobei man aber den Eindruck hatte, dass er etwas indisponiert war. – Der Chor sang auf gewohnt hohem Niveau.

Für eine Einstandspremiere war der Schlussapplaus unglaublich kurz: nur zwei Vorstellungen aller Beteiligten, dann war Schluss. – Den meisten Applaus bekamen Kent Nagano – mit Orchester – und Elena Zhidkova, gefolgt von Catherine Naglestad, Katja Pieweck, Christina Gansch und Julian Pregardien. Freundlicher Applaus für den Chor und das übrige Ensemble, verhaltener für das Regie-Team (ohne Bravo und Buh).

Fazit: Hervorragendes Dirigat, Orchester und Chor, umwerfende Gesangleistungen von Catherine Naglestad, Katja Pieweck und erst recht von Elena Zhidkova, sowie von Christina Gansch und Julian Pregardien, ein etwas indisponierter, angeschlagener Thorsten Kerl und ein in allen anderen Partien gut abgestimmtes Sängerensemble. – Die Regie schließlich unentschieden zwischen unglaublich statischem Nichtvorhandensein und unnatürlichen Bewegungs- und Blutexzessen: dabei im ersten Teil noch durchaus beeindruckend und wert, sich damit auseinanderzusetzen, im zweiten Teil abgenutzt und die Wirkung des ersten Teils dämpfend.

Andreas Wilke, Hamburg

 

 

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