Der Neue Merker

HAMBURG/ Elbphilharmonie: DIE WIENER PHILHARMONIKER mit Brahms und Mahler unter Bychkov

Hamburg/Elbphilharmonie: Die Wiener Philharmoniker mit Brahms und Mahler, 22.01.2017

Am 19. Januar hörte sich auch Yasuhisa Toyota, der Akustiker der Hamburger Elbphilharmonie, das Blomstedt-Konzert in der Berliner Philharmonie an, saß wie ich in Block A Reihe 10. Vermutlich ging es bei seinem Berlin-Besuch um die Tonqualität des Pierre Boulez Saals der Barenboim-Said-Akademie, der am 4. März eröffnet wird. Auch für diesen Saal, einen ovalen Raum, ist der Star-Akustiker tätig. Am 19. abends ließ er jedoch den Klang in der Berliner Philharmonie auf sich wirken.

Elbphilharmonie am 22.01,17 am späten Nachmittag, Foto Ursula Wiegand, b
Elbphilharmonie, 22.01, 2017 am späten Nachmittag, Foto Ursula Wiegand

Drei Tage später bin ich in „seiner“ Elbphilharmonie, zum 1. Konzert der Wiener Philharmoniker, das noch zur Eröffnungsphase gehört. Zunächst also aufwärts mit der langen Rolltreppe, der Tube. Überall Licht, gemusterte, später verschobene Wände, außerdem viele Treppen und fantasievoll gestaltete Foyers.

aufwärts mit der 82 m langen Tube, Foto Ursula Wiegand
Aufwärts mit der 82 m langen Tube, Foto Ursula Wiegand

Der Große Saal ist noch geschlossen, doch zwei Stunden vor Konzertbeginn dürfen die Musikfreunde mit ihren Tickets auf die Plaza, den Rundumgang in 37 Meter Höhe zwischen dem Sockel (dem ehemaligen Speicher A) und dem weithin schimmernden Glasaufsatz, konzipiert vom renommierten Baseler Architektenteam Herzog & de Meuron. Am Wochenende nach der Plaza-Eröffnung am 4. November 2016 kamen rd. 25.000 Menschen.

Blick von der Plaza auf den Hafen, Foto Ursula Wiegand
Blick von der Plaza auf den Hafen, Foto Ursula Wiegand

Am 22. Januar ist es kalt und neblig, und so hält sich der Andrang zur Plaza in Grenzen. Der Blick auf die Hafenanlagen ist dennoch imponierend.

„Der richtige Abend, um ins Konzert zu gehen“ lacht Harald Krumpöck, 2. Geiger und Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker. Backstage empfängt er mich vorab freundlich, steht vor den großen Kästen, in denen die Kontrabässe transportiert werden. Selbst die Instrumentalisten solch eines Spitzenorchesters sind reisende Musikanten mit allem Drum und Dran, was an Arbeit dazugehört.

Harald Krumpöck Backstage, Foto Ursula Wiegand
Harald Krumpöck Backstage, Foto Ursula Wiegand

Das Programm dieses Abends konzentriert sich auf Gustav Mahler und Johannes Brahms. „Das ist eine Referenz an Hamburg,“ erklärt Krumpöck. „Außerdem ist Mahlers Erste eines der begehrtesten Tourneestücke und Mahler ohnehin einer der wichtigsten Komponisten für Wien,“ fügt Krumpöck hinzu. (Bekanntlich war Mahler ab 1897 Kapellmeister an der Wiener Hofoper und von 1901-1907 auch ihr Künstlerischer Direktor).

Zuvor jedoch, von 1891-97, fungierte Mahler als Erster Kapellmeister am Hamburger Stadt-Theater und brachte hier das Musikleben in Schwung. 715 Opernvorstellungen dirigierte er in diesen sechs Jahren, ist im Gratis-Programmheft zu lesen. Im Herbst 2017 erhält er in Hamburg ein eigenes Museum.

Hamburg, der Michel an einem Sommertag, Foto Ursula Wiegand
Hamburg, der Michel an einem Sommertag, Foto Ursula Wiegand

Brahms bekam ein solches schon 1971, wurde er doch 1833 in Hamburg geboren, in der St. Michaelis Kirche getauft und später dort auch konfirmiert. Deren Turm, der Michel, ist Hamburgs Wahrzeichen. Allerdings macht ihm jetzt die Elbphilharmonie diesen Rang streitig. Sie sei das neue Wahrzeichen der Hansestadt, ist allenthalben zu hören und zu lesen.

Elbphilharmonie mit Mississippi-Dampfer im Sommer, Foto Ursula Wiegand
Elbphilharmonie mit Mississippi-Dampfer im Sommer, Foto Ursula Wiegand

Krumpöck zeigt sich ebenfalls begeistert, insbesondere vom Großen Saal, dem Herzstück dieses spektakulären Bauwerks. Für dessen Ausbau (und auch des Keinen Saals) war Projektleiter Werner Kuhn von Hochtief verantwortlich.

Der Große Saal vor Konzertbeginn, Ausschnitt, Foto Ursula Wiegand
Der Große Saal vor Konzertbeginn, Ausschnitt, Foto Ursula Wiegand

„Der Ausbau des Großen Konzertsaals war die bisher größte berufliche Herausforderung für mich. Er wurde komplett auf der Basis von 3D-Modellen geplant und gebaut, weil er organisch geformt ist und fast keine geraden Linien hat. Diese neue Technologie war für mich und die meisten beteiligten Unternehmen neu,“ äußert Kuhn.

Projektleiter Werner Kuhn, der Große Saal in der Bauphase, Foto von Hochtief
Projektleiter Werner Kuhn, der Große Saal noch in der Bauphase, Foto von Hochtief

Ein wichtiger Vorteil dieser Methode: „Wir konnten schon vor dem Baustart Planungskollisionen erkennen und frühzeitig beseitigen,“ sagt er und betont dann: „Im Großen Konzertsaal wurden fast keine Teile von der Stange verbaut.“

„Selbst die Bestuhlung wurde speziell für die Elbphilharmonie entwickelt, und unsere Aufgabe bestand darin, die Visionen der Architekten mit unseren Partnern baubar zu machen. Weitere Herausforderungen ergaben sich aus den individuellen Bauabläufen, der extrem komplizierten Geometrie, die mit hohem Aufwand vermessen werden musste, und aus den hohen Qualitätsanforderungen.“

Die Wiener Philharmoniker mit Semyon Bychkov im Großen Saal, Foto Claudia Hoehne
Die Wiener Philharmoniker mit Semyon Bychkov im Großen Saal, Foto Claudia Hoehne

Entstanden ist ein lichter, wohlproportionierter Saal. Das Orchester sitzt in der Mitte, während die Zuschauerränge rings herum wie die Terrassen eines Weinbergs ansteigen. Alle Besucher sehen die Musiker und den Dirigenten, an diesem Abend ist es Semyon Bychkov.

Auch Krumpöck ist von der Optik dieses Saals fasziniert: „Da finde ich fast keine Worte, das ist unglaublich, der zieht sofort in seinen Bann, der ist ein Ereignis,“ schwärmt einer, der viele Konzertsäle kennt.

 Der Schallreflektor, auch mit Weißer Haut, Foto Ursula Wiegand
Der Schallreflektor, auch mit Weißer Haut, Foto Ursula Wiegand

Für die Akustik war, wie schon erwähnt, Yasuhisa Toyota zuständig, der zuvor ein  5 x 5 Meter großes Modell zum Ausprobieren anfertigen ließ. Die Waben der Weißen Haut und ein trichterförmiger Schallreflektor, dessen Unterseite auch diese Waben aufweist, sorgen nun für den perfekten Raumklang.

Die Weiße Haut hat es übrigens in sich, schon was ihre Anbringung betraf. „Wir haben etwa 10.000 individuell gefräste Elemente montiert,“ weiß Werner Kuhn, „und das auf einer Gesamtfläche von ca. 6.000 Quadratmetern. Von Dezember 2013 bis Januar 2016 hat das gedauert.“

Die Weiße Haut besteht hauptsächlich aus hochverdichtetem Gips, einem mineralischen Material, doch Kuhn hat keine Bedenken, wenn die Besucher sie befühlen. Die Oberfläche sei mit einem transparenten Lack beschichtet und daher sehr unempfindlich gegen Verschmutzungen. „In Bezug auf die Dauerhaftigkeit mache ich mir keine Sorgen,“ sagt er.

Die Weiße Haut im Detail, Foto Ursula Wiegand
Die Weiße Haut im Detail, Foto Ursula Wiegand

Und Krumpöcks akustischer Eindruck? Er musste bei einem Teil der Probe nicht dabei sein und hat im noch leeren Saal auf diversen Plätzen sitzend gelauscht. Sein Eindruck: „Überall hört man gut, und es klingt ganz fantastisch.“ Insgesamt habe der Saal eine gute Balance und ein Topniveau. Gerne würde er auch mal hinter dem Orchester sitzen, um auch von dort den Klang zu genießen und dem Dirigenten sozusagen direkter „bei der Arbeit zuzusehen“.

Nach dem Konzert stellt er dann fest: „Wir Musiker haben uns untereinander sehr gut hören können.“ Mussten sie alle hier anders spielen als sonst? „Nein, wir haben die Stücke genauso gespielt wie gewohnt. Auch das Forte haben wir nicht reduziert.“ Erstaunt hat ihn darüber hinaus die Ruhe im Saal. „Es war wirklich eine besonders konzentrierte Atmosphäre.“

Die war, so auch mein Eindruck, an diesem 22. Januar tatsächlich sehr konzentriert. Bei den Piano-Stellen schien das Publikum beinahe den Atem anzuhalten. Und beim Forte sind mir keineswegs die Ohren abgefallen, wie manche Kritiker/Innen nach dem Eröffnungskonzert beklagten. Selbst die lauten Stellen wirkten nicht unangenehm schrill und blieben durchhörbar, die leisen waren ein Genuss. Ob das bei dissonanter Musik anders ist, vermag ich nach Brahms und Mahler nicht zu beurteilen.

In dem Bereich J Reihe 5 Platz 1 sitzend, etwa im 45 Grad-Winkel rechts von Orchester, waren mir die Kontrabässe und Celli nahe, und die habe ich noch nie so klar und schön singen hören wie nun in der Elbphilharmonie. Fein kamen auch die Holzbläser bei mir an, knackig das Blech, doch ohne Schärfe. Dagegen waren die von mir weiter entfernten Geigen nicht so dominierend wie mittig in der Berliner Philharmonie.  

Doch bei aller bisher in der Elbphilharmonie erreichten Klangperfektion – beim Bassbariton Johan Reuter blieben trotz meines günstigen Platzes einige, auch qualitative Wünsche offen. Gesungen wird nach vorne, da geht seitlich doch einiges verloren, nicht nur bezüglich der Textverständlichkeit. Ohnehin wirkte der Solist beim ersten Programmpunkt, den Ernsten Gesängen von Johannes Brahms, für die der Hamburger Detlev Glanert (geb. 1960) die Orchesterfassung komponierte, etwas kratzig, war womöglich leicht indisponiert. Auf alle Fälle lassen sich Schallwellen nicht komplett überlisten.

Die beiden letzten der vier Gesänge kommen jedoch besser an, werden auch vom Konzertmeister, dann weiteren Geigen und den Holzbläsern klangschön unterstützt. „O Tod, wie bitter bist Du“, lautet der Titel Nr. 3 (und wie wohl tust du den Alten und Schwachen, so das Fazit). Zuletzt, beim „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete“, geht es um die Liebe als Nonplusultra, und mit liebevoller Hingabe gestalten die „Wiener“ dieses Lied.

Nach der Pause also Mahlers „Sinfonie Nr. 1 D-Dur“, die er zunächst „Titan“ nannte, eine Bezeichnung, die er später nicht mehr verwendete. In Hamburg hatte das Werk 1893 Premiere, nachdem es bereits 5 Jahre zuvor in Budapest als Symphonische Dichtung das Licht der Welt erblickt hatte.

Für Hamburg wurde es zur Sinfonie mit 4 Sätzen, und „titanös“ ist zweifellos, was Mahler hier mutig oder auch persiflierend an Naturidylle, Anspielungen, Volkstümlichem und Groteskem vermengte. Sein eigenes Lied „Ging heut morgen übers Feld“ hat er ebenfalls eingebaut.

Semyon Bychkov dirigiert die Wiener Philharmoniker, Foto Claudia Hoehne
Semyon Bychkov dirigiert die Wiener Philharmoniker, Foto Claudia Hoehne

Da zwitschern zunächst die Vöglein, da bläst die Klarinette einen tatsächlichen Kuckucksruf, da wird’s im 2. Satz beim Ländler dörflich derb, bei dem aber wohl auch ein graziles Mädel mal die Schenke betritt. Im 3. Satz folgt dem getragenen Trauermarsch für einen toten Jäger schließlich ein Csardas, und das wirkt, als mache Mahler vor rein gar nichts Halt. Das ehrlich harmlose „Oh when the Saints are marching in“, das auf einer ganz anderen geistigen Klaviatur spielt, war ja noch nicht erfunden.

Und dann der heftige, verzweifelte Aufschrei zu Beginn des 4. Satzes, ein Hexensabbat, aber gefolgt von einem Choral, der den Tod besiegt. Mit all’ diesen Gemüts- und Musikschwankungen, die die Wiener so fabelhaft darbieten, wirkt diese Sinfonie noch heute etwas ungewöhnlich. Mahler wollte sicherlich beeindrucken, die Hörerinnen und Hörer vermutlich auch schocken und vielleicht gar an der Nase herumführen. Jedenfalls darf insbesondere beim Blech in diesem Satz nichts schiefgehen, das würde im Großen Saal sofort auffallen. Keine Bange, das kommt souverän. Zuletzt bedankt sich Bychkov bei den Instrumentalisten.

Semyon Bychkov bedankt sich bei den Wiener Philharmonikern, Foto Ursula Wiegand
Semyon Bychkov bedankt sich bei den Wiener Philharmonikern, Foto Ursula Wiegand

Mahlers farbstarkes, höchst gekonntes Sammelsurium von Stilen und Klängen ist für Bychkov und die Wiener Philharmoniker ein Werk zum Brillieren, zum Herzeigen all’ ihres Könnens. Das fasziniert. Das Publikum erjubelt sich noch zwei Zugaben und möchte die mit so großer Freude erwarteten Wiener kaum weglassen. „Auch wir würden uns freuen wiederzukommen,“ lächelt Harald Krumpöck. Gespräche darüber gäbe es bereits.

Elbphilharmonie nachts nach dem Konzert, Foto Ursula Wiegand
Elbphilharmonie nachts nach dem Konzert, Foto Ursula Wiegand

Doch eines bedauere ich – dass ich nicht einen Tag länger bleiben konnte, um das Kontrastprogramm der Wiener am 23. Januar unter Leitung von Ingo Metzmacher mit Musik des 20. Jahrhunderts zu hören. Beim Weg zurück ins Hotel leuchtet noch die Elbphilharmonie kraftvoll durch die neblige Nacht.                           

Ursula Wiegand

 

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