Der Neue Merker

HAGEN: JONNY SPIELT AUF von Ernst Krenek. Premiere

HAGEN: JONNY SPIELT AUF              Premiere am 16. Januar 2016

Die amerikanische Oper ist am Hagener Theater seit etlichen Spielzeiten ein Fixpunkt des Repertoires. Zu den Werken aus jüngster Zeit gehören Kurt Weills „Street Scene“ und Samuel Barbers „Vanessa“. Jetzt offeriert man Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“, in den letzten Jahren – soweit recherchierbar – in Karlsruhe (1997), Wuppertal (2002), Neustrelitz (2003), Köln (2005), Kaiserslautern (2008) und Weimar (2014). Kein großer, aber doch solider Ertrag. Eine Rezension zur letztgenannten Produktion bestätigte, dass der Komponist den „Zeitgeist der ‚Roaring Twenties‘ traumwandlerisch getroffen“ habe. Nur “damit macht man heute kaum mehr Sensation“. Für die Hagener Erstaufführung sind Erfolg und Begeisterung allerdings nachdrücklich zu bestätigen.

Auch wenn Jazz-Geiger Jonny als Figur frühzeitig in die Handlung einsteigt, rätselt man doch bis zum von ihm dominierten Finale ein wenig darüber, warum er der Oper seinen Namen gab. Diesen Jonny muss man übrigens nicht unbedingt sympathisch finden. Alle Mädchen, denen er begegnet, legt er sogleich aufs Kreuz, macht sich ungeniert auch an die Diva Anita heran. Und dann klaut er dem Geiger Daniello auch noch seine wertvolle Amati und setzt damit eine Verfolgungsjagd in Gang, bei welcher Daniello tragisch zu Tode kommt. Viele andere Menschen brechen aber per Zug nach Amerika auf, unter ihnen Anita und der Komponist Max, ihr Geliebter. Mit seiner Geige hat Jonny das letzte Sagen. Sein Spiel beschwört neue Welten, ein neues Zeitalter

Der Jonny in Hagen ist mit dem virilen, baritonal etwas rauen KENNETH MATTICE attraktiv besetzt. Er gibt den Hallodri übrigens ohne schwarze Schminke, wie man es beispielsweise von Waldemar Staegemann, dem Darsteller der Dresdner Erstaufführung,  vor Augen hat. Sein Konterfei (mit Saxophon) war dann 1938 Plakatmotiv für die widerliche Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Kunst“, bei der u.a. auch Kreneks Oper mit ihrer „frechen, jüdisch-negrischen Besudelung“ angepöbelt wurde.

Dabei wollte der Komponist, welcher von den Nazis zuletzt in die USA floh, den amerikanischen Lebensstil durchaus nicht hochjubeln, fand sein Werk als „Jazz-Oper“ ohnehin falsch verstanden, obwohl er den neuen, als attraktiv empfundenen Sound ausgiebig bediente. Grundsätzlich aber hatte er die „Antithese von vitaler und spiritueller Daseinsform“ im Sinn. Das Spirituelle wird in der Figur des Max deutlich: ein fast hermetisch in sich verschlossener Mensch, der in Gletscherhöhen sein Ich zu finden glaubt, bei einem Selbstmordversuch dortselbst sogar mit den Geisterstimmen des Gebirges konfrontiert wird (eine fast schon romantisch zu nennende Szene). Anita hingegen, seine große Liebe, ist in sich gefestigt, tendiert zu einer eher Lebensauffassung  des Leichthin und ermuntert Max, nicht alles so tragisch zu nehmen. Ob und wie die beiden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (miteinander?) glücklich werden, bleibt offen. Die lockenden Geigentöne Jonnys machen immerhin Mut.

Dem Sujet eignet viel Kolportagehaftes, es atmet auch „Tatort“-Milieu, wirkt in summa aber für heutigen Geschmack doch schon etwas angegilbt. Das Introduktionsbild im Hochgebirge (man fühlt sich an Catalanis „Wally“, Henzes „Elegie für junge Liebende“ oder Lehárs „Schön ist die Welt“ erinnert) hat etwas Abgehobenes, Irreales an sich. Die exotische Zeitgebundenheit versucht die Inszenierung ROMAN HOVENBITZERs (ständiger Regiegast in Hagen) einzufangen, und es gelingt ihr auch nachdrücklich und fantasievoll. Der Hausausstatter JAN BAMMES arbeitet ihm nicht zuletzt mit schicken Kostümen (auch für den Chor) wirkungsvoll zu. Besonders gelungen ist ihm die Glitzerwelt der Berge, wobei das Gestein aus lauter Folianten besteht, das Schaffen von Max symbolisierend. Video-Einblendungen in Schwarz-Weiß imaginieren Stummfilmzeiten. Die von Krenek etwas dick aufgetragene Künstlerproblematik bei Max bleibt durch den großartigen, sich emotional voll verausgabenden  Sängerdarsteller HANS-GEORG PRIESE immer glaubhaft. Er kommt vom Baritonfach her (der Fachwechsel geschah während seines Meininger Engagements, dort zuletzt Tannhäuser), was seine sattelfeste Höhe (in der Partie des Max manchmal fast rücksichtslos gefordert) nicht spüren lässt.

Zu den Gastsängern gehört auch EDITH HALLER, international gefragte jugendlich-dramatische Sopranisten, die sich (ohnehin Bayreuth-erfahren) inzwischen auch an die Isolde gewagt hat. Von minimalen Anstrengungen in der Extremlage abgesehen bezwingt ihr leuchtkräftiges Organ; auch versteht es die Künstlerin, das erotische Potential ihrer Figur (Anita) deutlich zu machen. Eine ganz und gar runde Leistung bietet auch der Australier ANDREW FINDEN als Daniello. Aus dem hauseigenen Ensemble ragen MARIA KLIER (sehr kess als Zimmermädchen Yvonne), RAINER ZAUN (Manager) und KEJIA XIONG (Hoteldirektor) mit ihren trefflichen Charakterstudien hervor. Drei Tänzerinnen geben der Inszenierung zusätzliches Show-Flair und sorgen darüber hinaus für ironische Farbtupfer. FLORIAN LUDWIG entlockt der Partitur und ihrem Stilmix mit dem PHILHARMONISCHEN ORCHESTER HAGEN atmosphärischen Sound und rhythmischen Drive.

Appendix: „Jonny spielt auf“ gibt es auf CD derzeit nur in Form einer historischen Einspielung von RAI Milano (1958, Dirigent: Alfredo Symonetto). Eine Einspielung mit dem Gewandhausorchester Leipzig (1991, Dirigent: Lothar Zagrosek, Sänger: Alessandra Marc, Heinz Kruse, Michael Kraus) sollte wohl auch an die Leipziger Uraufführung des Werkes (1927) erinnern. Sie ist derzeit ebenso gestrichen wie eine einstündige Fassung von 1964 unter Heinrich Hollreiser mit dem Wiener Volksopern-Orchester und ersten Sängern wie Evelyn Lear, William Blankenship, Thomas Stewart und der jungen Lucia Popp.

Christoph Zimmermann

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