Der Neue Merker

HÄNDEL: SAUL – Glyndebourne 2015

saul Georg Friedrich HÄNDEL: SAUL – Glyndebourne 2015 – OPUS ARTE Blu-ray – Barrie Kosky brilliert nach Sellars 1996 wieder mit einer Dramatisierung eines barocken Oratoriums 

„Fliehe höllgeborner Neid! Weich in schwarze Nacht zurück!“ 

Eine der anrührendsten DVDs klassischer Musik überhaupt, ist die Verfilmung der Händel‘schen Theodora 1996 ebenfalls aus Glyndebourne mit Dawn Upshaw, Lorraine Hunt und David Daniels unter William Christie (NVC Arts). Regie führte damals Peter Sellars. Knapp 20 Jahre später wiederholt sich auf dem berühmten Landgut in East Sussex der ungeheure Erfolg der Bühnentauglichkeit mit Händels Oratorium Saul dank Koskys überzeugenden Regieeinfällen und einer körperbetonten, die Beziehungen der Protagonisten einleuchtend zentrierten Personenführung. Die Kostüme sind historisch, folgen aber keiner bestimmten Epoche, spiegeln vielmehr den Wunsch des Regisseurs nach einer „surrealen, abstrahierten und traumhaften“ optischen „Übersetzung“ des Stücks.

Weniger ist mehr. Wer hätte das gedacht? Natürlich kann Kosky nicht von der Freakshow der Choristen und Tänzer, küssenden Männern und schräg üppigen Tableaus lassen. Das Augenzwinkernd-Pathetische, Skurrile, Absurde, ja Karikaturale als Theaterritual und an der Komischen Oper in Berlin als eigener Stil berühmt gewordene Ansatz erweist sich auch durchaus als england- und händeltauglich. Zumal Kosky in diesem Stück um einen stillen mutig-klugen Soldaten namens David, der in rasender Eifersucht von König Saul bis ans Messer verfolgt wird, geschickt und eindringlich statt barocker Schablonen Menschen und deren innerste Leidenschaften und Zwänge zeigt. Kosky gelingt dabei, das Epische bühnentauglich zu visualisieren, indem er das emotionale Spiel der Figuren ganz aus der Musik Händel heraus in dramatische Impulse gießt. Da werden Chöre und Arien auf einmal zu psychologischen Handlungsträgern fern jeder Statik. Das ist auch ganz im Sinne der Musik des Oratoriums Saul, die im Vergleich zu manchen Opern Händels ja wesentlich dramatischer und radikaler komponiert ist.

Zu Beginn feiert der Chor in einem ekstatischen Freudenfest den Tod Goliaths. Als Bühnenbild (Katrin Lea Tag) genügen zwei Tischteile in weiß, die je nach Anlass wie zu Beginn etwa einem barocken Stillleben nachempfunden mit Bergen an Blumen, Schwan, Hirsch, Muschel und Wildsäuen dekoriert sind. Das allgegenwärtige abgeschlagene Haupt Goliaths spiegelt als momentum mori schon den Untergang des Saul. Groß ist die theatralische Wirkung, die die Ernsthaftigkeit des David und die Tragik des in den Wahnsinn schlitternden Saul umso mehr erhöht. Choreographisch vom Österreicher Otto Pichlerunterstützt, korrespondiert die Entfesselung im Tanz der wahnhaften, kompletten Entfremdung Sauls von sich und der Realität. Als „Nebenhandlung“ geht es um das vielfältig changierende uneindeutige Beziehungsgeflecht zwischen David und den Geschwistern Merab (Lucy Crowe), Michal (Sophie Bevan) und Jonathan (Paul Appleby), die David jedenfalls zugetaner sind als ihr Vater Saul. Szenisch spielt sich das wesentlich subtiler, stiller und feiner ab als in anderen überkandidelten Inszenierungen barocker Stücke. Das Politische bekommt die schreiende Farbe und Extravaganz, das Private schillert fließender mit nach innen gekehrten Tönen. Kosky beschreibt im Interview „Der extravagante Minimalist“, welche Ähnlichkeiten er zwischen Saul und Shakespeares König Lear sieht, beginnende mit der Mutterlosigkeit der „Kinder“, dem Wahnsinn, Zusammenbruch eines Königreichs, Eifersucht und Tobsucht. Überzeugend ist sein auch daher rührender Regieansatz einer umfassenden Welttrag(ikom)ödie um Macht, Familiendrama und Wahn, allemal. Und schließlich geht es in Saul als alttestamentarischem Sujet auch um den Abfall Sauls vom Glauben und seine Hinwendung zur Hexerei samt den gesellschaftlichsten Parallelen der Entstehungszeit, zur Frage der Zugehörigkeit zur „richtigen Religion“ und von Dynastiewechseln.

Das Sängerensemble, das in seiner Gesamtheit für einen spannenden und dramaturgisch völlig stringenten Theaterabend sorgt, findet im irrlichterndenChristopher Purves als Saul und dem elegisch schönen Iestyn Davies als David seine stärksten Proponenten. Aber auch Paul Appleby als Jonathan,Benjamin Hulett als Abner, John Graham-Hall als Hexe von Endor, Lucy Crowe als Merab und Sophie Bevan als Michal sind ausgezeichnete Singschauspieler, bei denen es nicht so sehr auf immer perfekt schöne Töne, sondern auf humane Glaubwürdigkeit und den jeweils durch Gesang veredelten Moment der Leidenschaft ankommt. Insoweit hatte Glyndebourne hier ausnahmslos ein großartiges Ensemble. „In der Oper geht es um die Ritualisierung von Emotion durch die menschliche Stimme, und das hat überhaupt nichts mit Realismus zu tun“, so Kosky. Wie wahr.

Der musikalische Leiter des Unterfangens, der Barockspezialist Ivor Bolton, animiert das Orchestra oft he Sage of Enlightenment zu einem differenziert geschmeidigen Spiel ohne Extreme und bevorzugt maßvolle, in sich schlüssige Tempi. The Glyndebourne Chorus ist musikalisch eine Klasse für sich und muss ja, wie der Chor an der Komischen Oper in Berlin, auch mit individuellen Einzelstudien schauspielerische Höchstleistungen erbringen. Die Verfilmung ist technisch und künstlerisch (Schnitt, Kameraführung, Ton) auf allerhöchstem Niveau.

Fazit: Rundum eine Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken