Der Neue Merker

Haberfeld / Bauer: WIELAND WAGNER

BuchCover Wieland Wagner

Oswald Georg Bauer , Till Haberfeld
WIELAND WAGNER
REVOLUTIONÄR UND VISIONÄR DES MUSIKTHEATERSS
312 Seiten mit 100 farbigen und 121 schwarzweißen Abbildungen,
Deutscher Kunstverlag, 2017

Wer konnte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg irgendein Mitglied der Familie Wagner ins Auge fassen, ohne in erster Linie das Verhältnis aller zu Hitler zu beleuchten? Ein breitformatiger Band, den Till Haberfeld (Gatte von Gwyneth Jones) als Herausgeber und Oswald Georg Bauer, von allen Bayreuth-Mitarbeitern „hinter den Kulissen“ der wohl getreueste und kenntnisreichste, jetzt vorlegen, will nichts anderes als – reich bebildert – den Blick auf die Leistung legen.

Seltsam, dass das nicht längst geschehen sei, sagt eine Wagner-Tochter im Vorwort – interessanterweise nicht Nike, die so oft im Blickfeld steht, sondern Daphne (wohl weil Nike ein eigenes Werk über Wieland Wagners Opernarbeit vorbereitet…). Egal. Die Wieland-Familie ist froh, dass der Vater in aller Ausführlichkeit gewürdigt wird, wo doch die Wolfgang-Familie scheinbar „siegreich“ in Bayreuth geblieben ist.

Richard Wagners Sohn Siegfried und seine englische Gattin Winifred hatten bekanntlich vier Kinder, darunter zwei Söhne. Als nach dem Dritten Reich das schwerst belastete Bayreuth neu zu erfinden war, war jedermann klar, dass Wieland der „begabtere“ der Wagner-Enkel war, der die erste prägende Arbeit übernahm. Aber der Wolfgang hatte ein anderes As einzusetzen: Der jüngere Bruder überlebte den älteren um 44 Jahre (!!!) und nütze diese, um Bayreuth nach seinen Vorstellungen zu formen. Der Nachwuchs beider Brüder stand sich so feindselig gegenüber, Cousins und Cousinen, aber auch Geschwister untereinander, wie es ein blutiges Königsdrama erfordert…

Nun ist Wieland Wagner (1917-1966) seit über 50 Jahren tot, Wolfgang (1919-2010) nun auch schon seit sieben, und ob Bayreuth nach Katharina in Wagner-Familienhand bleiben wird, scheint ziemlich ausgeschlossen, weil einfach die kompetenten Nachkommen ausgeblieben sind. Die Zeit, einigermaßen unaufgeregt zurückzuschauen, ist allerdings gekommen – schließlich ist auch Wielands 100. Geburtstags zu gedenken. Und hier geschieht es mit seinem reich bebilderten, großen, aber querformatigen (so kommen die Bühnenbilder „breitwandig“ zur Geltung) Buch über seine Arbeiten.

Es handelt vordringlich von seinen Bayreuther Inszenierungen und ist nicht nur ein Stück Nostalgie, sondern bietet die analytische Aufarbeitung dessen, was einst geschehen ist – was es damals bedeutet hat und für uns noch bedeutet. Nebenbei ist auch zu sehen, was Wieland in Berlin, Stuttgart, Frankfurt gezeigt hat. Der Wiener Opernfreund, der zwischen 1965 und 1967 immerhin seine Inszenierungen von „Lohengrin“, Elektra“, „Salome“ und „Der fliegende Holländer“ gesehen hat, wenngleich die letzten beiden posthum auf die Bühne gebracht, weiß allerdings, dass diese fehlen – oder betrachtet man sie nur als letzten, unwichtigen Aufguß? (Die Wiener Besetzungen konnten sich jedenfalls sehen lassen…)

Sehen kann man jedenfalls viel in dem Buch, und da braucht man gar keine Texte, um selbst einfach aus dem Bild zu ermessen, worin Wielands Leistung (der „kompromisslose Neuanfang“, den er postulierte und den er lieferte) bestand – das Denken in Bildern, in denen er Mythos beschwor und archaische Wucht, die Abstraktion, die die Konzentration auf das Wesentliche bedeutete (denkt man, wie kleinteilig heute eine Kosky- oder Herheim-Inszenierung ist, um die besten zu nennen), seine Fähigkeit, die geballte Macht des Chores auch durch dessen Aufstellung zu vermitteln. Das war teils minimalistisches und gleichzeitig immer großes Theater zugleich, dem ein konzeptioneller Überbau innewohnte.

Dabei hat sich seine Bildersprache gewandelt, Wieland war – weit mehr als Wolfgang, der auch seine eigenen Ausstattungen besorgte – ein imaginativer Künstler, der seine Phantasie walten ließ: Selbst auf Fotos ist noch die vibrierende Kraft zu spüren, mit der Wieland den Auftritt der „schwarzen Venus“ Grace Bumbry flirrend umgeben hat.

Jeder Opernfreund, zumal jener mit eigenen Bayreuth-Erinnerungen (wenn sie auch für Wieland-Inszenierungen sehr, sehr weit zurückgehen müssen), wird das Buch erst einmal durchblättern. Aber es gibt auch vieles zu lesen, zu Wagner ist immer viel zu sagen, wobei die Artikel von 1951 bis 1966 sowohl Grundsätzliches wie auch einzelne Werke behandeln. Zeitungsartikel und Briefe komplettieren die Materialsammlung, die nicht nur eine Leistung umreißt, sondern noch stark in die Gegenwart leuchtet. Man könnte sich ein „Revival“ mancher Wieland-Inszenierung vorstellen – und würde diese am Ende sogar als „modern“ empfinden…

Renate Wagner

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