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GYÖR: UNGARISCHES TANZFESTIVAL – ein echtes Vergnügen mit ….Csapasóló

XIII. Ungarisches Tanzfestival in Györ (18. bis 25. Juni): EIN ECHTES VERGNÜGEN MIT …. CSAPASÓLÓ

Bildergebnis für Györ ungarisches tanzfestival 2017

Solch eine Fülle an unterschiedlichsten Programmpunkten ist wohl überraschend gewesen! Das XIII. Ungarische Tanzfestival in Györ hat aufgezeigt, das der Tanz in seinen verschiedensten Spielarten den Menschen in Stadt und Land eine freudige Erfüllung geben kann. Mit Folklore vor allem, doch auch zahlreiche kleinere, sich dem Contemporary Dance hingebenden Ensembles präsentierten sich auf anspruchsvollem Niveau und mit großer Ernsthaftigkeit in der Themenwahl. Tanz scheint in Ungar so eine Art von Volkssport, einem sehr kultivierten, zu sein. Sechsunddreißig Ensembles mit über tausend tanzenden, singenden, musizierenden Mitwirkenden, von Tänzern der Ungarischen Staatsoper bis zum nicht so ganz anspruchsvollen Revuetheater sind in Györ angetreten, und das Publikum hier hat sich ihnen gegenüber als besonders aufnahmefreudig gezeigt. 

Raab ist der Name von Györ in des Kaisers Zeiten gewesen, und ein Spaziergang führt in die alte Monarchie zurück. Der historische Stadtkern zählt mit seinen schmucken niederen Barockhäusern zu den am besten homogen erhaltenen und gepflegten Baudokumenten aus den Habsburger-Jahrhunderten. Das Stadtwappen im traditionellen Stil prangte auch über der Open Air-Bühne vor dem Nationaltheater, auf der in den Vorprogrammen so gut wie alles zu sehen und hören war, was das Interesse eines breiteren Publikums zu erregen vermag: Rock mit der Nova Kultúr Band, Groß und Klein fröhlich in Volkstanzgruppen, feiner Jazz von Budapest Bár, Flamenco auf urig zigeunerisch oder auch eine Cuban Salsa Night …. alles dabei getränkt mit rein ungarischem Blut.

Hinein und auf die Bühne des Nationaltheaters Györ. Ein neuerer Bau mit bester Sicht auf allen Plätzen. Neben einem kurzen Auftritt des Budapester  Opernballetts, als Ungarisches Nationalballett geführt, mit Jiri Kyliáns „Falling Angels“, stellten sich die Ballettensembles der verschiedenen größeren Theater Ungarns mit ihren Vorzeigestücken ein. Das Pécs Ballett mit Béla Bartóks „Wunderbaren Mandarin“, dem packenden Standardwerk aus Ungarns früher Moderne, in einer in Jeans getanzten Version von Balázs Vince. Die ungarische Choreographen-Hoffnung László Velekei studierte mit dem Miskolc Ballet und GG Dance Eger eine Version von „Anna Karenina“ ein, als eine Nachtmahr mit einer dramatischen Zeichnung der Selbstzerfleischung der Titelheldin. Die Szeged Contemporary Dance Company stellt sich mit der aparten Fassung von Enrico Morelli von Igor Strawinskis „Les Noces“ vor, und weit weniger apart, dafür gedemütigt am Boden kriechend oder hoch in den Lüften in Seilen verstrickt, mussten sich die Tänzer der Pál Frenák Company in „Lutte“ (Ringkampf) ihres Chefs hilflos aufbegehrend den brutalen Unterdrückungsritualen eines primitiven Peinigers hingeben. Dagegen lockte eher anspruchslos, rein auf lockere Unterhaltung ausgerichtet, das große Budapester ExperiDance Dance Ensemble zu einer Tanzshow mit dem anspruchsvollen Titel „Nostradamus – Wanderer durch die Welten“. Wohl zu hoch gegriffen für eine simpel gestrickte Nummernfolge mit Dracula, Kopernikus, Shiva, Cäsar und Kleopatra oder Geishas und Wikinger etc. in herkömmlicher Revuetheater-Manier.

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Pál Frenák Company mit dem Stück „Lutte” Copyright: Csaba Meszaros

Zuhause hier im Nationaltheater ist das auf Tourneen immer wieder erfolgreiche Györi Ballet, welches die Premieren von Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ sowie „Romance“ auf Musik von Zoltán Kodály in hochmusikalischen Choreographien von László Velekei präsentierte. János Kiss, der Leiter der Kompanie seit 1991 mit vollem  Engagement und aller Hingabe zur Tanzkunst, ist auch Initiator und Gastgeber des Tanzfestivals. Zu internationaler Anerkennung hat er das Györi Ballet geführt; Gastspiele etwa in Moskau, Italien, wie auch im Oktober im Wiener Tanzquartier stehen bevor. Die klassischen wie neoklassischen Grundlagen bilden die tänzerische Basis der mittelgroßen Kompanie, mehr und mehr wird auf eine Entwicklung Richtung aktuelles Tanztheater und innovative Bewegungssprache hingezielt. Kiss findet die momentane Situation nicht schlecht:„Wir sind sehr offen, sind hier auf einem guten Platz, heißen alle willkommen.“ So wie die zum Tanzfestival eingeladenen Ensembles. Und: „Das Publikum will auch andere Kompanien sehen. Wettbewerb ist immer wichtig. Wir sagen unserenTänzern: ‚Wir wollen die Besten sein – und du sollst dir wünschen: Ich bin der Beste‘.“ 

Jetzt aber nun zu …. Csapasóló. Oder Bókazó. Oder …. ? Selbst die besten Tanzpädagogen kennen sich da nicht so ganz aus mit den Bezeichnungen der 100 (na ja, mehr oder weniger) Tanzschritte, welche heute von den großen Folklore-Ensembles auf virtuoseste Art vorgeführt werden. Faszinierend ist in Ungarn, dass hier – total anders als im Nachbarland Österreich – die lange Tradition des temperamentvollen Volkstanzes mit Feingefühl liebevoll gepflegt und kunstvoll weiterentwickelt wird. Lebensfreude ist dabei immer zu spüren. Das Ungarische Staatliche Volksensemble brillierte mit „Dance Canon – eine Hommage an Zoltán Kodály“, die Ungarische Nationale Tanzkompanie stellte sich mit „Living Dance Archive“ ein. Perfekt gestaltete Produktionen, klar, vital, ohne ausgespielte Sentimentalitäten. Im ´Lebenden Tanzarchiv´ wurden zu den mitreißenden Tänzen die diesbezüglichen historischen Filmaufnahmen gezeigt, die Hommage an Kodály war auf alte Folklore-Musik- und Gesangsstücke aufgebaut, welche der Komponist im frühen 20. Jahrhundert erforscht und dokumentiert hatte. Auch hier rückt man dem Tanztheater näher, präsentiert die Frauen in Rund- oder Paartänzen auf liebliche weibliche Art, lässt aber den Männer in ihren Pusztahirten-Dressen den Vorrang, um auf verblüffenste Art ihre tänzerischen Kunststückerln vorführen zu lassen. Von stringenten Rhythmen andauernd angefeuert und kerzengerade in die Höhe hüpfend, springend, schnellend. Gestampfe, Schenkel klopfend, empor gerissene Hände, mit Geklatsche Akzente setzend, kehliger Gesang, mit Betonung auf beinahe jeder Note jegliche Energie heraus schleudernd …. Ja, zu diesen vitalen Ausbrüchen kann man auch Schuhplattler auf ungarisch sagen. Aber in weit, weit artistisch raffinierteren Ausformungen als im alpenländischen Brauchtum. Kein Vergleich. Und extrem rasant, x-mal so schnell ausgeführt!

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Dance House auf dem Platz vor dem Nationaltheater: Dezső Fitos and  Lippentő Dance Ensemble. Photo: Béla Szabó

 Klein ist immer die Besetzung der ohne Noten aufspielenden und die Impulse gebenden, dabei auch improvisierenden Musiker. Immer mit 2,3 Geigen, Kontrabass, dazu eventuell Zimbal, Klarinette, Dudelsack, nicht viel mehr. So verschieden hören sich die Musikstücke der Reihe nach ja gar nicht an. Da kann so manches schon sehr, sehr ähnlich klingen …. ungarisch, zigeunerisch? Doch stets perfekt musiziert zünden Csárdás und Cigántánc auch bei den munteren Vorführung der zahllosen Amateur- oder Kindergruppen. Solch ein dynamischer Vergnügungszug pulsiert, befreit, macht glücklich. Und es kann auch ein mit Poesie überzogener Tiefgang zu erleben sein: Die Háromszek Dance Company hat in ihrer „Transsylvanischen Hochzeit“ intelligent ziemlich deftige Sozialkritik eingebracht, auf feinsinnige Art hintergründig in diverse ländliche Vermählungszeremonien eingeflochten. 

Etwas trockener nun wieder zurück zum Modern Dance im Festival-Programm mit den kleineren Gruppierungen. Auffallend: die jugendlichen Choreographen suchen wohl nach den aktuellen zeitgeistigen Ausdrucksmitteln, blinzeln aber nicht in Richtung Pop oder Show, sondern suchen sehr ernsthaft nach heikleren Themen. Es scheint zur Zeit die Tendenz zu geben, über menschliches Ausgesetztsein, über Vernichtungsmechanismen zu reflektieren. Inversdance spielt in Zoltán Fodors „1956 – Tore ohne Klinken“ stilrein und trist konsequent an die frühere politische Unterdrückung der ungarischen Bevölkerung an. Attila Kun bleibt mit seinem Central Europe Dance Theatre wohl zu unverständlich, wenn er zum 4. Streichquartett von Béla Bartók vom Kampf der Charaktere zwischen der zur Spinne verwandelten Ariadne mit der Göttin Athena fabuliert. Und originell wäre „Kokoschkas Puppe“ der Krisztián Gergye Company, wenn Gestalter Gergye gemeinsam mit Tänzerin und Puppen die Geschichte von Alma Mahler-Werfels Beziehungen zu Gustav Mahler, Franz Werfel, anderen Geistesgrößen und dazu die lebensechte Alma-Puppe des Oskar Kokoschka eine Spur verstehbarer und unterhaltsamer erzählen würde.   

Die Stärken dieses nun schon traditionellen großen Tanzfestivals sind klar zu definieren: Man versucht hier mit Tanz in den verschiedensten Spielarten eine gemeinschaftliche dynamische Kultur zu schaffen. Baut dabei auf heimatlichem Boden auf. Csárdás und Cigántánc führen zu einem befreienden Lebensgefühl. Und die Contempory Dance-Choreographien bestätigen, dass sich Ungarns Tanzkompanie auf der Höhe der Zeit bestehen können. 

Meinhard Rüdenauer 

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