Der Neue Merker

GYÖR/ Nationaltheater: „A SKARLÁT BETÜ“. – erfolgreiche Uraufführung von „Der Scharlachrote Buchstabe“

Györ/Nationaltheater – 11.11.2017: „A skarlát Betű“. – erfolgreiche Uraufführung von „Der Scharlachrote Buchstabe“

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Zoltán Jekli als Arthur Dimmesdale: bereuender sündiger Gottesmann.
Fotó: Mátyás MÉSZÁROS

László  Velekei  stellt sein erstes abendfüllendes Handlungsballett vor. Seit sieben Jahren hat sich der junge ungarische Haus-Choreograf beim Ballet Györ mit diesem Thema beschäftigt und jetzt erfolgte die Umsetzung für die Bühne: das Ballett „A skarlát Betű“ hat den Roman „The scarlet letter“ von Nathaniel Hawthorne als Grundlage. Dieser Stoff wurde bereits mehrfach verfilmt – zuletzt 1995 mit Demi Moore. Fredric Krolls gleichnamige Oper wurde 2013 uraufgeführt.  Der Roman aus dem Jahr 1850 des amerikanischen Autors behandelt die Strenggläubigkeit und Moralansichten in Neuengland zur Zeit des Puritanismus gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die Handlung spielt in einem kleinen Küstenort und erzählt die Geschichte der Ehebrecherin Hester Prynne, die trotz öffentlicher Anprangerung den Namen des Vaters ihrer illegitimen Tochter Pearl nicht preis gibt. Sie muss daher zur Strafe den scharlachroten Buchstaben „A“ auf ihrer Kleidung tragen. Geächtet von den Dorfbewohnern gelingt es ihr dennoch, nach und nach über die Jahre die Achtung ihrer Mitmenschen wieder zu erlangen. Der Dorfpriester Arthur Dimmesdale, der der Vater des Kindes ist, sucht Sühne für sein Vergehen durch Beten und durch Selbstgeißelung. Er leidet auch unter einer Herzschwäche und wird einmal nach einem Schwächeanfall  von Hesters Ehemann, dem Arzt  Roger Chillingworth  – er war zunächst auf See verschollen –  behandelt. Schnell erkennt dieser die wahren Zusammenhänge und spielt seine Macht nun gegen die beiden aus. Während Hester standhaft bleibt und schweigt, bekennt sich der Priester nach langem qualvollen Ringen zu dieser Beziehung und zeigt den Dorfleuten seine entblößte Brust, auf der ebenfalls ein rotes „A“ prangt.  Nach diesem Geständnis als Bekenntnis seiner Sünde stirbt er.

Velekei setzt seine zweiaktige Fassung in ein karges Bühnenbild mit zentraler Brückenkonstruktion, die als Empore für Ansprachen aber auch als Lager der Liebesnacht dient. Schlichte Bänke werden für den Gottesdient zusammengetragen oder dienen als Interieur. Im fahlen Licht wirkt die Szenerie düster, der Effekt des einfallenden  Nebels in diesem kleinen Küstenort entsteht durch die  Abdunkelung der Bühne im Hintergrund, Regen prasselt als Projektion hernieder. Die passenden Kostüme mit schwarzen Kleidern und weißen Häubchen bei den Frauen bzw. schwarzen Mänteln und Hosen bei den Männern deuten die historische Epoche an.  Die Musikcollage vom Tonträger ist effektvoll, aber niemals lärmend und unterstreicht ebenfalls das Bühnengeschehen. Velekei benutzt eine eindringliche und ausdruckstarke, sehr harmonische  zeitgenössische Bewegungssprache, die, auf dem klassischen Ballett fußend, in sich ruhend gut geerdet, beinahe contemplativ wirkt. Auffallend ist ein reiches Bewegungsmuster an Armbewegungen. Die einzelnen Tänzergruppen wie die Mädchen, die Frauen, die Männer sind in sich geschlossen und bilden effektvoll eine gemeinsame Front gegen die Ehebrecherin. Alle Charaktere sind erkennbar gezeichnet und dramaturgisch gut nachvollziehbar eingesetzt.

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Mutter und Tochter: Adrienn Matuza (Hester Prynne) und Sájer Luca (Pearl). Fotó: Mátyás MÉSZÁROS

Adrienn Matuza überzeugt als Hester Prynne. Sie verkörpert hier eine starke Frau, eine Persönlichkeit, die hoch erhobenen Hauptes in ihrer Schuld den Leuten im Dorf die Stirn bietet, dabei liebevoll zur Tochter ist, sie beschützt und umsorgt. Zoltán Jekli als Arthur Dimmesdale ist der ergebene und bibelgläubige Gottesmann, der aber als Mann zu schwach ist, seine Sünde zu gestehen und in diesem sich Nicht-trauen äußerst glaubhaft ist. Luigi Iannone (Roger Chillingworth) ist der bedrohlich-intrigante Ehemann, Balint Sebestyén der strenge Priester Wilson, Artem Pozdeev der die Obrigkeit unerbittlich vertretende Gouverneur Bellingham, Tetiana Baranovska seine ebenso harte Gattin Margaret und Luca Sájer (Pearl) das unschuldig-schuldige Kind der Sünde. Das gesamte Ensemble bietet eine kompakte beeindruckende und dichte Darstellung, die vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus gewürdigt wird, ebenso wird das Leading Team sehr positiv aufgenommen: Rita Velich (Kostüme), Mara Bozóki (Bühnenausstattung/Dekoration), Yaron Abulafia (Licht) und Alexandra Csepi (Dramaturgie).

Im Anschluss an die Vorstellung wurde auf offener Bühne Zoltán Jekli der Audi-Award als bester Tänzer der Spielzeit verliehen.

Ira Werbowsky

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