GUSTAV MAHLER: Neue unbekannte Briefe

by R.Wagner | 16. November 2016 15:06

BuchCover   Mahler, Briefe

GUSTAV MAHLER: 
„In Eile – wie immer!“
Neue unbekannte Briefe
Herausgegeben von Franz Willnauer
480 Seiten, Paul
Zsolnay Verlag, 2016   

Es gibt Persönlichkeiten, über die man immer mehr wissen will, und Gustav Mahler gehört zweifellos dazu. Es gibt seine Briefe an Gattin Alma, es gibt einen „gemischten“, chronologisch aufgebauten Briefband, den Herta Blaukopf ediert hat, und Franz Willnauer, der zu den ultimativen Fachleuten zählt, wenn es um diesen Künstler geht, hat Mahlers Briefe an Anna von Mildenburg ebenso ediert wie jene an Komponisten, Dirigenten, Intendanten – die „Schwergewichte“ sind aufgearbeitet.

Dennoch konnte Willnauer von den mehr als 5000 Briefen, die Gustav Mahler im Lauf seines Lebens geschrieben hat (mit der Hand, man bedenke!), weitere 250 vorlegen, 35 Adressaten sind es in einer Zeitspanne von mehr als 30 Jahren (und jeder einzelne bestens mit Anmerkungen versehen). Interessant daran ist, dass es sich durchaus nicht nur um allgemein bekannte Persönlichkeiten handelt wie Hofmannsthal, Hauptmann, Bahr oder Musiker wie Richard Strauss. Viele der Empfänger kennt man nicht oder kaum, und da leistet der Herausgeber geradezu detektivische Arbeit, sie quasi zu „definieren“. Denn die Briefe mögen vielfach inhaltlich beiläufig sein – Zusagen, Absagen, Dankschreiben, Opernkarten -, aber der biographische Kontext ist es nicht.

Man begegnet also Jugendfreunden, man begegnet den Versuchen des Komponisten Mahler, sich selbst zu vermarkten, man steigt in die Arbeit eines Hofoperndirektors (nicht beneidenswert), und man stößt immer wieder auf die Verflechtung von Beruf und Privatem. Beispiele von Mahlers  „wilder“ Schrift zeugen von Erregung wie von Eile…

Privates gab es etwa im Fall der Sängerin Selma Kurz, die dem historisch interessierten Opernfreund selbstverständlich ein Begriff ist. Weniger aber die ungemein komplexe Beziehung zu Gustav Mahler, die (wie bei so vielen Damen) auch kurzzeitig intim war und sehr viel über Mahler selbst (sein Wunsch, Frauen zu vereinnahmen) aussagt. Ebenso wie über eine Künstlerin, die ihre Karriere planen musste (und das auch jenseits der „Gefühlsebene“ tat), wobei die Beziehung zu einem Operndirektor dann durchaus nicht nur Vorteile hatte (zumal, wenn man sich auseinander lebte).

Auch bei anderen Damen, über die man eigentlich gar nichts weiß, leistet Willnauer Großartiges in der Erforschung der Biographie: So war Misa Gräfin Wydenbruck-Esterhazy offenbar nicht nur eine große Musikkennerin, sondern auch eine wichtige Dame der Gesellschaft, die es allerdings nicht ins Bewusstsein der Nachwelt geschafft hat. Mahlers Briefe an sie zeigen, wie wichtig es war, sich mit gesellschaftlich vernetzten Menschen (zumal Frauen) gut zu stellen, immer höflich, selbst Gefälligkeiten vergebend, um sie anderswo diskret einzukassieren (und sei es nur, um Informationen zu sammeln, die ja auf tausend verschiedenen Wegen fließen können).

An sich müsste man diese Briefe, die ihrerseits nicht chronologisch, sondern nach Empfängern geordnet sind, parallel zu einer Mahler-Biographie lesen, Detailinformationen aller Art zum großen Fluß des Lebens einfügen. Die Fülle an Gesichtspunkten ist dabei überwältigend. Dank an eine Zeit, wo noch nicht alles per Telefon oder schnell wieder gelöschten e-mails erledigt wurde.

Wir werden später über Heutige, die kein Papier mehr kennen und deren Festplatten abstürzen können, nicht mehr annähernd so viel wissen wie über die Menschen der Vor-Computer-Zeit. Wenn es in Zukunft allerdings überhaupt noch jemanden interessiert. Doch noch gibt es Bücher, selbst solche, in denen Briefe veröffentlicht werden.

Renate Wagner

Source URL: http://der-neue-merker.eu/gustav-mahler-neue-unbekannte-briefe