Der Neue Merker

GUNDULA JANOWITZ: THE LAST RECITAL

CD Janowitz

GUNDULA JANOWITZ: THE LAST RECITAL – In Memoriam Maria Callas – First Hand Records CD – live Herodes Atticus Athen, 16. September 1999

Veröffentlichung: Oktober 2017

„Du wirst nicht weinen. Leise, leise wirst du lächeln und wie zur Reise geb‘ ich dir Blick und Kuss zurück“. Richard Dehmel (aus Fünf Lieder Op. 39 „Befreit“ vertont von R. Strauss)

Was für ein Glücksfall! Ein wenig nach dem 80. Geburtstag (2. August) einer der edelsten und elegantesten Sopranstimmen aller Zeiten, einer der besten Mozart- und Strauss-Interpretinnen des 20. Jahrhunderts erscheint ihr letzter öffentlicher Liederabend nun auf CD. In top Aufnahmequalität kann die hohe Kunst von Gundula Janowitz bewundert werden. Es ist alles andere als ein stimmlicher Schwanengesang geworden, aber ein sehr persönliches Adieu, wo ein großes Stück an Emotion mitschwingt. Bewegend! 

Die große Janowitz, die ich in unzähligen herrlichen Opernabenden in Wien auf der Bühne der Wiener Staatsoper als Evchen, Sieglinde, Freia, Gutrune, Ada (Die Feen), Isabella (Karl V.), Figaro-Gräfin, Fiordiligi, Donna Anna, Elvira, Capriccio-Gräfin, Arabella, Ariadne, Marschallin, Agathe, Fidelio-Leonore, als fulminante Solistin der Vier letzten Lieder von Richard Strauss (Ballettabende), Clytemnestre (Glucks Iphigénie en Aulide) erleben durfte, war an diesem wahrlich memorablen Septemberabend 1999 auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten. Alle Tugenden ihrer exquisiten Liedkunst, der Phrasierung, der raffiniertest gesponnenen Legati, der gekonnt abgemischten Pastellfarben und kleinen Zwischentöne sowie nicht zuletzt eines der markantesten Timbres ever sind noch einmal nachzuhören. 

Dabei straft die Janowitz alle Gesetze der Zeit Lügen. Wie jugendlich frisch und unverwechselbar dieser instrumental-kühle, aber dennoch so vielfältig schattierte Sopran hier klingt, ist ereignishaft. Die Lieder sind klug gewählt: In den teils rar gesungenen Schubert-Liedern (Die Götter Griechenlands, Iphigenia, An die Leier, Ellens Gesang, Fischerweise, Der Fluß, Im Abendrot, Der Lindenbaum, Das Lied im Grünen) wird anfangs Antikischem und damit dem Geist der Widmungsträgerin Maria Callas gehuldigt, die exakt auf den Tag des Konzertes genau vor 22 Jahre an Herzversagen starb. 

Was ist so spezifisch und einmalig am Vortrag von Gundula Janowitz? Ich finde, dass sich ihre künstlerische Marke vor allem in der so ureigen erarbeiteten Phrasierung langer Legatobögen zeigt. Wie die  Janowitz etwa hohe Töne – selbstverständlich in der Kuppel gesungen – in längere Gesangslinien einbettet, wie sie die Noten zu langen Girlanden drechselt, welche musikalischen Gold,- Seiden- und Diamantenfäden sie dafür parat hält, das macht ihr niemand nach. Man höre etwa nur das „Lied der Suleika“, „Die Lotosblume“, „Der Nussbaum“ (aus Myrthen), „Meine Rose“ oder „Schneeglöckchen“ (Liederalbum für die Jugend),  von Robert Schumann und kann wirklich in ein poetisches Märchenreich  an Musik versinken. Die Pianokultur ist stupend, die Intonation lupenrein, die Textausdeutung vorbildlich. Wie bisweilen eine melancholische Träne den Klang veredelt, kann auch den Hartgesottensten nicht kalt lassen. 

Den Höhepunkt des Albums bilden dennoch die das Konzert abschließenden Lieder von Richard Strauss: Lob des Leidens“, „Allerseelen“, „Morgen“, „Nachtgang“ und“ Befreit“ Hier dürfen schon mal die Opernsängerin durchschimmern und große Töne das antike Theater füllen. Dass die Janowitz auch zu Emphase und (kontrollierten) Ausbrüchen fähig war, weiß jeder, der sie erlebt hat. Mein Lieblingslied ist „Befreit“, dieser unendlich traurige und dennoch tröstende Gesang aus den Fünf Liedern Op. 39. Als Zugabe: Schuberts „Forelle“. Es ist ein fulminantes letztes Rezital und ein auch dem Gedenken der Maria Callas würdiger Abend gewesen. Charles Spencer am Klavier ist ein virtuos expressiver Partner auf absoluter Augenhöhe. Zum Niederknien!

Auf youtube kann ein wunderbarer Promofilm zum Album mit Ausschnitten aus dem Konzert schon jetzt gehört und gesehen werden https://www.youtube.com/watch?v=NS0Ipj9oSZc

Dr. Ingobert Waltenberger

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