Der Neue Merker

GUN-BRIT BARKMIN: Die Kunst ist größer als das Leben

“DIE  KUNST  IST  GRÖSSER  ALS  DAS  LEBEN”  –  INTERVIEW MIT GUN-BRIT BARKMIN

 

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Gun-Brit Barkmin. Copyright: Florian Kalotay

Gun-Brit Barkmin singt am Grazer Opernhaus ihre erste Isolde. Nach einer Probe für die neue „Tristan“-Produktion nahm sich Frau Barkmin Zeit für ein Interview mit dem „Online-Merker“.

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Ellen Orford (Peter Grimes) an der Wiener Staatsoper. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 

 Als ich am 23. November 2013 erstmals den Namen Gun-Brit Barkmin auf einem Plakat der Wiener Staatsoper las (als Ellen Orford in „Peter Grimes“), dachte ich zunächst, dass eine neue Sängerin aus Skandinavien ihr Hausdebüt gibt. Erst nach Durchlesen Ihrer Biographie stellte ich fest, dass Sie aus Rostock stammen. Wie kommt ein Mädchen, das in Rostock geboren wird, zu diesem ungewöhnlichen Vornamen?

 

Meine Eltern sind beide zur See gefahren und hatten Freunde in Schweden und ich heiße nach der Freundin meiner Mutter Gun-Brit, also sehr schwedisch.

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Gun-Brit Barkmin als Chrysothemis (Elektra) in Wien. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 

Wie kamen Sie überhaupt zum Gesang bzw. zur Oper?

 

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie, wir haben zu Hause sehr viel gesungen, aber niemand ist jemals professionell in diesem Bereich tätig gewesen. Meine Eltern haben sehr viel klassische Musik auf Platte gehört, und irgendwann schenkte mir mein Vater Platten. Es waren italienische Opern und ich war hin und weg. Ich erinnere mich an „Madame Butterfly“ und fand das unglaublich schön. So kam es dazu, dass ich begann Gesangsunterricht zu nehmen und dann hat sich das so weiter entwickelt und es gab kein Zurück mehr, weil ich wusste: Das ist das, was ich machen will. Die Profession hatte mich gefunden und nicht wieder losgelassen.

 

In Ihrer Biographie steht u.a. folgender Satz: „Nach Engagements in Freiberg und Wien wurde sie im Jahr 2000 Ensemblemitglied an der Komischen Oper Berlin.“ Wann waren Sie in Wien engagiert?

 

Da gab es einen Hochschulaustausch, eine Zusammenarbeit zwischen der Opernabteilung der Wiener Musikhochschule und der Dresdner Hochschule für Musik; wir machten den „Don Giovanni“ im Schönbrunner Schlosstheater. Man hatte mich in einem Hugo Wolf-Abend gehört und trat dann an mich heran und bot mir die Donna Anna an. Michael Temme, der damals für die Opernklasse zuständig war, hat inszeniert, das war ein wirklich schöner „Don Giovanni“.

 

 

Bei Durchsicht ihres Rollenverzeichnisses fällt auf, dass Sie fast nur anspruchsvolle Charakterpartien in Ihrem Repertoire haben. Haben Sie die sogenannten „faden Partien“ (Pamina, Agathe, Elsa, Elisabeth) übersprungen?

 

Ich würde diese Partien nicht als fad bezeichnen. Ich habe die Pamina in meinem ersten Engagement in Freiberg mit Carl Riha als Regisseur gesungen, das war wunderbar. Ich habe die Agathe übersprungen und ich überspringe bis dato erfolgreich die „Fidelio“-Leonore. Das ist sicher keine fade Rolle, aber auch nicht gerade die dankbarste Partie. Die Elsa finde ich ein bisschen zu brav, aber es ist einfach eine so schöne Musik und eine musikalisch dankbare und anspruchsvolle Aufgabe, die habe ich gemacht mit Konwitschny und Schirmer. Aber wenn ich die Wahl habe zwischen Elsa und Lady Macbeth von Mzensk, dann weiß ich wofür ich mich entscheide.

An der Komischen Oper Berlin, an der ich vorher nur die Mimì in „La Bohème“ und die 5. Magd in „Elektra“ und solche Partien gesungen hatte, hat mich Harry Kupfer ausgesucht um in seiner Abschiedsinszenierung die Gouvernante in Brittens „The Turn of the Screw“ zu singen. Das war eine tolle Arbeit und ich bin sehr froh, dass er mich dafür wollte. Ich bin sehr emotional und sehr leidenschaftlich und man sieht mich einfach in diesen Partien. Ich fühle mich sehr wohl in diesem Fach, weil ich mich selbst als Sänger-Darsteller in dieser Schule von Felsenstein und Kupfer sehe, das Eine kann man vom Anderen nicht trennen. Ich kehrte auch nach Beendigung meines Festengagements immer wieder gerne an die Komische Oper zurück. Nach Kupfer kam Andreas Homoki und er holte mich z. B. als Rosalinde für die „Fledermaus“. Dort habe ich auch schon die „Wozzeck“-Marie gesungen und habe mich damit wohl gefühlt. Das ist ja das Schöne, dass man mit den Anforderungen wächst. Ich singe ein Salome heute ganz anders als vor sechs Jahren. Als ich die „Wozzeck“-Marie 2005 erstmals gesungen habe, klang das sicher ganz anders als 2015, als ich sie in Zürich wieder gemacht habe. Es ist wunderbar, wenn man sieht, wie man sich entwickelt und wie man ganz anders an die Rollen herangeht.

 

Es finden sich auch zeitgenössische Opern in ihrem Repertoire. Wie lernt man solche Partien?

 

Schwer! Aber ich sehe es immer als eine Herausforderung an meine Agilität an, geistig und stimmlich. Das Lernen ist natürlich immer ein sehr anstrengender Prozess, gerade wenn man eben keine freie Zeit hat, in der man sich nur darauf konzentrieren kann. Man muss es ja oft auch nebenher lernen, während man andere Partien singt, was schwer ist, weil der Fokus eigentlich immer auf das gelenkt sein sollte, was man gerade macht. Das ist nicht einfach, aber man muss flexibel bleiben und ich finde es gut, gefordert zu sein. Ich will nicht nur mit drei Rollen herumreisen, man kann das natürlich auch tun, dass man mit der Salome, der Sieglinde und sagen wir mal der „Wozzeck“-Marie herumfährt. Aber das ist nichts für mich. Ich möchte schon gerne das ganze breite Spektrum anbieten und dazu gehören eben auch die zeitgenössischen Opern. 

 

Was war die schwerste Partie, die Sie bisher einstudiert haben?

 

Vom Lernen her sehr schwierig war Aribert Reimanns Oper „Bernarda Albas Haus“, die wir in Berlin gemacht haben. Ich habe da die Amelia, eine der Töchter, gesungen. Das war sehr schwer, weil ich das nachstudieren musste und erst später in das komplette Team, das schon länger zusammengestellt und fertig studiert war, eingestiegen bin. Ute Trekel-Burckhardt hat die Bernarda gesungen; sie ist mit mir gemeinsam später zum Ensemble gestoßen und wir fühlten den Druck immens. Aber es ist natürlich wunderbar, wenn man dann mit Reimann zu tun hat, der in den Proben und in den Vorstellungen sitzt und einem immer ein gutes Gefühl gibt.

 

Anja Silja hat einmal gesagt, die schwerste Partie, die sie jemals einstudiert hat, war die Emilia Marty.

 

Ja, die Emilia Marty in „Věc Makropulos“  habe ich auch schon gesungen. Ich habe die Partie sehr gern. Es war nicht einfach zu lernen, aber ich liebe Janáček. Und ich hatte eine phantastische Mentorin für das Stück. Ich hatte das große Glück und Privileg mit Ludmila Dvořáková zusammenarbeiten zu können und das war eine einzige Freude. Da haben wir natürlich auch sehr viel an der Sprache gearbeitet. Ich habe dann die Emilia Marty in Prag auf Tschechisch gesungen – als Deutsche! –  und bin heute noch stolz darauf, dass ich in den Kritiken als die am besten verständliche Sängerin auf der Bühne gelobt wurde. Für mich ist das einfach das Schönste, dass man wirklich so weit kommen kann, in einer ganz fremden Sprache singt und im Heimatland dieser fremden Sprache nicht als Ausländer angesehen wird, sondern als jemand, der diese Rolle erfüllt. Also Emilia Marty ist wirklich eine Traumpartie.

 

Sie haben Kindheit und Jugend noch in der DDR verbracht  und den Mauerfall praktisch als Jugendliche erlebt. Wie war diese Zeit davor und danach für Sie? 

 

Das war eine unglaubliche gesellschaftliche Umwälzung, die da stattgefunden hat, und das tolle war, dass man als Teenager, in diesem Sturm- und Drangalter, Teil einer Revolution sein konnte.  Wir sind auf die Straße gegangen und haben rebelliert und die Eltern waren dabei, also das war eine wirklich sehr bewegende, große Zeit, die alles über den Haufen geworfen hat, was man kannte, und auch für uns glücklicherweise alles über den Haufen geworfen hat, was nicht mehr tragbar war. Ich kann nicht sagen, dass meine Kindheit unglücklich war, überhaupt nicht, ich hatte tolle Eltern und wunderbare Bedingungen. Ich durfte machen, was ich liebte, ich wurde gefördert, ich durfte Musik machen, ich durfte singen. Ich bin in einem bürgerlichen Haus großgeworden und dieser Sozialismus war ein Umstand, mit dem wir klarkommen mussten. Der private Rahmen war viel wichtiger in der DDR, diese Insel der Familie bekam eine ganz andere Bedeutung, dieser ganz intime Kreis von Familie, Freunden und Vertrauten, zu denen man ehrlich sein durfte, wo man wusste, man ist mit ihnen politisch oder gesellschaftlich auf der gleichen Ebene. Und als dann diese sogenannte sanfte Revolution losging, hat uns alle der Wille zu etwas Besserem hin geeint. Diese große humanistische Welle hat uns alle überrollt. Vielleicht ist das mit der optimalen Gesellschaftsordnung nur eine Utopie. Wir sind hier jetzt gelandet, manche sind gestrandet, viele sind auf den Füßen gelandet und machen das Beste draus, aber es ist natürlich eine andere Welt, in die wir hineinwachsen mussten. Ich hatte das Glück, dass ich noch sehr jung war, für die Generation davor ist das sicher viel schwerer gewesen. Aber ich freue mich, dass meine Eltern das erlebt haben und sich die Welt wieder ansehen durften, was sie ja vor dem Mauerbau auch schon getan haben. Ich bin froh, dass man diese Freiheit jetzt hat, obwohl natürlich Freiheit immer relativ zu sehen ist. Jetzt gibt es andere Zwänge, andere Begrenzungen und Dinge, die einen stören, aber auf einer anderen Ebene.

 

Wissen Sie noch, wo Sie am Tag des Mauerfalls waren?

 

Wir waren zu Hause und schauten uns die Pressekonferenz von Schabowski an, in der jedem DDR-Bürger Reisefreiheit zugesichert wurde. Es war ja eigentlich ein Versprecher, aber danach gab es kein Halten mehr und plötzlich brach das los. Wir machten uns am nächsten Morgen auf nach Berlin zu meiner Tante, die in Zehlendorf lebte. Wir haben stundenlang gewartet an der Friedrichstraße am Übergang. Die Züge waren brechend voll. Was unglaublich war, war die Stimmung der Menschen. Man kann sich gar nicht oft genug erinnern, dass es so eine Euphorie gibt, so eine Glückseligkeit. „Alle Menschen werden Brüder.“ Es war für einen kurzen Moment so, gerade in Berlin, es war unglaublich. Es sind so viele Tränen geflossen, alle waren so gerührt. Wir waren alle verbrüdert und verschwestert. Ein Moment von Größe. Und man sollte viel öfter daran erinnern.

TRISTAN UND ISOLDE mit Zoltan Nyari
Tristan und Isolde“ in Graz: Zoltan Nyari. Copyright: Werner Kmetitsch

 

Wann haben Sie die erste Anfrage für Ihre erste Isolde bekommen?

 

Ich glaube, das war letztes Jahr. Ich bin als Chrysothemis an der Wiener Staatsoper eingesprungen, da hat man mich wohl gehört und danach kam die Anfrage. Ich finde es schön die Isolde hier in Graz zum ersten Mal singen zu dürfen und man muss ja irgendwann einmal den ersten Schritt tun. Es ist unglaublich anstrengend so eine Rolle zu singen, eine riesige Herausforderung, weil die Partie lang ist. Der erste Akt über 70 Minuten, der zweite Akt über 70 Minuten, Isolde singt permanent. Wenn einmal Brangäne hineinsingt, ist man ja froh für ein paar Minuten Pause zu haben. Man muss die Rolle, wenn man sie lernt und erarbeitet und probt, entmystifizieren. Nachher ist das wieder was anderes, man kann sich der Besonderheit dieser Rolle als Sänger und als Darsteller nicht entziehen. Aber man muss zuerst sachlich rangehen ohne diese ganzen Emotionen der unglaublichen Musik. Alles andere kommt dann von selbst. Der erste Akt ist länger als die komplette Partie der Aida! Aber man hat noch den zweiten Akt vor sich und dann noch den dritten Akt, in dem zwar weniger zu singen ist, der aber dafür mit großen Erwartungshaltungen behaftet ist. Das ist auch psychisch eine riesige Herausforderung, der man sich stellen muss, wenn man das singen möchte. Ich liebe die Isolde, man kann alles tun in dieser Partie. Und man muss sich selber die Zeit und die Anzahl der Vorstellungen geben, die man braucht, um mit einer Gelassenheit hineinzuwachsen. Natürlich ist die Premiere aufregend und die Generalprobe und die zweite Vorstellung. Aber irgendwann wird auch das wie eine „normale“ Vorstellung, dann sagt man sich, juhu, heute Abend singe ich die Isolde. Es ist so toll, dass man das Privileg hat das tun zu dürfen. Irgendwann wird diese Belastung abfallen und man geht ruhiger heran. Das braucht Zeit, man muss sich das alles erst komplett zu Eigen machen, und dafür braucht man eine gewisse Routine, obwohl das Wort nicht missinterpretiert werden darf in diesem Zusammenhang. Es gibt keine Routine, aber es gibt eine Körpererinnerung, eine Muskelerinnerung, es gibt eine Routine im besten Sinne, dass man weiß, was kommt und wie man die Dinge nimmt, auch wenn gewisse Hindernisse, die man ja nie ausschließen kann bei einer Liveaufführung, einem das Leben schwer machen. Bis man diese Gelassenheit erreicht, das braucht sehr lange Zeit, gerade bei dieser langen Partie. Da wächst man hinein.

Den Liebestod habe ich schon mal konzertant mit Andris Nelsons gesungen, zusammen mit den Wesendonck-Liedern, weil das ja zusammengehört, aber das ist etwas ganz anderes als wenn man vorher schon vier Stunden gesungen hat.

 

Gibt es nach der Isolde überhaupt noch Wunschpartien?

 

Es gibt natürlich jede Menge Rollen, die ich schon gesungen habe und gerne wieder singen würde: Sieglinde, Emilia Marty, Lady Macbeth von Mzensk…. Was ich überhaupt noch nie gesungen habe, und was ich wahnsinnig gerne singen würde, ist die Tosca. Man wird so auf das deutsche Fach festgelegt, aber früher haben sich die Sängerinnen wie Leonie Rysanek im ganzen Radius bewegt. Heutzutage wird man in eine Richtung gedrängt, das ist schade. Außerdem wäre es sicher gut für die Stimme, vor allem wenn man so schwere Rollen singt wie die Isolde, dazwischen mal einen Mozart zu singen. Das würde ich sehr gerne tun, aber niemand fragt danach. Was fehlt noch? Eine Kaiserin wäre schön oder eine Marschallin. Man muss einfach abwarten und offen bleiben für die Dinge, die da kommen.

 

Sie fahren im Oktober mit der Wiener Staatsoper auf Tournee und werden in Japan die Ariadne singen. Ihr Bacchus sollte Johan Botha sein, der vor zwei Tagen gestorben ist.

 

Ich war sehr schockiert und bin sehr, sehr traurig. Ich habe mich so darauf gefreut mit Johan singen zu dürfen. Leider haben wir bisher noch nie zusammengearbeitet. Es ist ein unendlich großer Verlust für uns alle.

 

Mit welchen Regisseuren arbeiten Sie denn am liebsten?

 

Ich mag die Regisseure, die genau wissen was sie wollen, die einem Freiraum geben, die Entwicklungsspielräume lassen, aber trotzdem als Supervisor für einen da sind und einen nicht aus den Augen verlieren. Leute, die den Gedanken folgen, die man selber anbietet, und die auf Augenhöhe mit einem arbeiten, die Energie ausstrahlen und die Proben fesselnd gestalten. Und ich mag natürlich Leute mit Humor.

 

Mein fester Glaube ist ja immer, dass die Kunst größer ist als das Leben. Wir stellen  etwas aus im Rahmen einer Bühne. Das kann nicht eins zu eins sein, das passiert leider zu oft. Es muss diese Dimension größer sein als das Leben, die Zuschauer sollen nicht enttäuscht werden, weil sie nur ein Abbild dessen, was ihr Leben ist, auf der Bühne sehen. Und dazu Musik hören, die ganz andere Dimensionen eröffnet. Da würde zu viel verschenkt.

 

Vielen Dank, Frau Barkmin, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Interview, und toi, toi, toi für Ihre erste Isolde!

 

Walter Nowotny

„Tristan und Isolde“ hatte am 24. September an der Grazer Oper Premiere. Gun-Brit-Barkmin wird auch in den Reprisen am 28. September, am 1., 6., 12. und 16. Oktober sowie am 4., 20. und 25. November die Isolde singen.

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