Der Neue Merker

Günter Erbe: DER MODERNE DANDY

BuchCover_Erbe, Der moderne Dandy

Günter Erbe: 
DER MODERNE DANDY
352 Seiten, Böhlau Verlag, 2017 

Es ist nicht nur der „moderne Dandy“, den sich der Historiker Günter Erbe, Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Zielona Góra, Polen, in diesem Buch vornimmt – es ist die Geschichte einer alternativen Lebensform, die allerdings so viele Facetten zeigt, dass man sie bei aller Anaylsefreudigkeit nicht auf einen Nenner bringen kann. Grundlegend bleibt hier der männliche Wunsch (denn der „Dandy“ ist eine männliche Erscheinung, die „Diva“ gewissermaßen sein schillerndes weibliches Pendant), sich selbst zum Kunstwerk zu stilisieren und als solches der Welt zu präsentieren. Einigen Leuten ist das besonders gut gelungen – von dem ursprünglichen „Rollenmodell“, dem englischen Adeligen Beau Brummell (1778-1840), bis, in unseren Tagen, Karl Lagerfeld. Glitzernde Hingucker sozusagen…

Ist es nur der menschliche Körper, der hier als kulturelles Konstrukt ausgestellt wird, oder geht es auch um eine Außenseiter-Ideologie? Um Eitelkeit geht es gewiss, und idealerweise sollte der Dandy nichts anderes zu tun haben, als sich mit sich selbst zu beschäftigen – und dieses Ich dann der staunenden Mitwelt vorzuführen. Kurz, eine unangepasste und auch durch und durch hochmütige Existenz, zu der ursprünglich gehörte, dass man selbstverständlich keinem Brotberuf, nein, überhaupt keiner Tätigkeit nachging, sondern quasi nur sein Leben vor dem Spiegel verbrachte, wie es Baudelaire empfahl… Das Prinzip der Künstlichkeit verband sich mit dem kultivierten Müßiggang.

Aber so viele Leute, die es sich leisten konnten und wollten, ihr Leben mit Selbststilisierung zu verbringen, gab es nicht. Schon Oscar Wilde, den der Autor nicht ganz als Dandy gelten lassen will, musste sein Talent für sein Werk verwenden – sein Genie für sein Leben allerdings, wie er meinte. Der idealere Dandy ist freilich der von Wilde geschaffene Dorian Gray, der so stolz darauf ist, nie etwas getan zu haben…

Tatsache bleibt: Wenn sie im wahren Leben nicht irgendetwas geleistet, irgendetwas hinterlassen haben, sind die Dandys – außer dem Prototyp Beau Brummel – vergessen… Von Byron, von Bulwer-Lytton beispielsweise, weiß man doch immer noch, was sie geschrieben haben. Der Dandy ist Nebenprodukt der Biographie und solcherart nach strenger Definition ja gar nicht „echt“,  weil er keiner Beschäftigung nachgehen dürfte…

Lange eine englisch-französische und aristokratische Erscheinung, musste sich das Bild des Dandys im Lauf der Entwicklung ändern. Günter Erbe lässt Kapitel von Epochen mit individuellen Porträts abwechseln und findet Dandys, wo man sie nicht vermuten würde: in Friedrich Nietzsches „Übermenschen“-Pose beispielsweise, seiner selbst gewählten Einsamkeit, Distanz zur Menge, Vorliebe für vornehme Formen, Freude an der Verkleidung, was man als „Dandy“-Eigenschaften nehmen kann.

Baudelaire und Camus räumten dem Dandyismus den Rang einer Philosophie ein, repräsentiert von einem überlegenen Geist: Harry Graf Kessler konnte diesem Bild entsprechen, vielleicht auch Gabriele d’Annunzio, aber ob es der Herzog von Windsor konnte, der nach Interpretation des Autors einfach nichts arbeiten (nicht König sein) wollte und sich selbst durch die Abdankung schlicht und einfach ein müßiges Dandy-Leben ermöglichte…? Immerhin wurde er eine Mode-Ikone und ein Trendsetter (ungeachtet dessen, wie geschmacklos die Nachwelt ihn findet – die Mitwelt sah es anders).

Manches als „Dandy“ deklariertes Schicksal zieht vorbei – der Fotograf Cecil Beaton, der aus der Mittelschicht kam und seine exzentrischen Fotografien, ein Forum für Verkleidungskaprizen, als Mittel der Selbststilisierung benützte; oder Hugo Ball, der den Dadaismus als extrem gesteigerter Dandyismus sah; selbst ein Beispiel aus Österreichs Szene ist vertreten – Konrad Bayer aus der „Wiener Gruppe“, der dem Rollenmodell mit der melancholischen Ironie des unabhängigen Herren, exquisiter Kleidung und extravagantem Auftritt entsprach.

Da war der Dandy längst kein Aristokrat mehr, Mitte der fünfziger Jahre machte ihm der Playboy die Rolle streitig, und wenn  Gunther Sachs Herrenboutiquen eröffnete, gab es den Dandy von der Stange. Die wahre Eleganz ist ohnedies abstumpft, heute haben es Dandys schwer, diagnostiziert der Autor, die geringe Hemmschwelle und Abgestumpftheit des Publikums sorgen dafür, dass alles gröber, plumper, spektakulärer sein muss, um überhaupt aufzufallen.

Immerhin gibt es noch in der Jet Set Epoche „abweichende“ Schicksale, die man ins Dandy-Kostüm einpassen kann, ob es der japanische Dichter Yukio Mishima ist, der seinen Selbstmord zum öffentlichen Kunststück machte, oder der deutsche Komponist Hans Werner Henze, der elegant seine Luxusbedürfnisse mit kommunistischen Ideologien verband…

Freilich, heute gibt es wirklich keine Dandys mehr, heute gibt es die Modeerscheinung „Camp“, die nur noch schrill extravagant ist, und Andy Warhol oder David Bowie (der mit seinem Spiel mit den Geschlechterrollen provoziert) pflegen das glitzernde Außenseitertum, das nur von Karl Lagerfeld konterkariert wird: Ihm allein als heutiger Inkarnation des Dandy gesteht der Autor zu, was diesen Typus ausmacht: Geld, Macht, Prestige, Geschmack, Sensibilität, Kreativität, Witz, Satire, Ironie, Witterung für das Kommende…

Dennoch steht der Performancekünstler Sebastian Horsley, der „Dandy in der Unterwelt“, am Ende des Buchs: Mit dem Argument, dass er als Künstler nicht überzeugt hätte, mit seinem Leben jedoch schon. Und für den Dandy ist ja, wie man über viele Seiten gelesen hat, das eigene Leben das ultimative Kunstwerk. Wie geschaffen für die Selfie-Epoche, in der wir leben. Nur elegant sind wir kaum noch.

Renate Wagner

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