Der Neue Merker

OPER GRAZ: Peter I.Tschaikowski EUGEN ONEGIN

Letzte Begegnung Tatjanas mit Onegin Foto C: Werner Kmetitsch

Letzte Begegnung Tatjanas (Oksana Sekerina) mit Onegin (Darius Perczak)  Foto C: Werner Kmetitsch

OPER GRAZ

EUGEN ONEGIN von Peter I.Tschaikowski
Premiere vom 16.Dezember 2017


Die Suche nach dem Glück – und die tragische Ernte der Ehre

 

Aus dem Polizeiprotokoll: „Der hierorts von St.Petersburg zugezogene Edelmann Eugen O. wurde gestern bei der Familie Larin während einer Ballveranstaltung vom Schriftsteller Lenski zu einem Ehrenhandel auf Pistolen gefordert. Heute morgen um sieben Uhr fand unter Beisein des Sekundanten Lenskis, Hauptmann Saretzki im nahen Stadtwald ein Duell statt. Nach Eintreffen der Polizei fand man Lenski tot auf, aus der Pistole des Eugen O. war kein Schuss gefallen, die Kugel befand sich noch im Lauf. Schmauchspuren auf der Hand und im Gesicht des Toten ließen keinen Zweifel aufkommen, dass sich Lenski im Verlauf der Auseinandersetzung selbst getötet hat. Die Kugel stammte ohne Zweifel aus dessen Pistole.“

So, oder so ähnlich hätte ein Polizeibericht aus der Entstehungszeit von Puschkins Versepos ausfallen können, zumindest aber so sieht die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen den dramatischen Höhepunkt dieser Oper in ihrer Inszenierung für die Grazer Oper, tatsächlich ein mit spannender Personenführung gelöster Zugang zu diesem Drama, in welchem die Ehre eine tragend-tragische Rolle spielt. Einerseits der vermeintliche Ehrverlust des Dichters Lenski, der zu dem einleitend fiktiv geschilderten Duell führt und andererseits die von Tatjana beschworene Ehre, die sie an der Unerschütterlichkeit ihrer Treue zu dem alten und kriegsversehrten Fürsten glauben lässt.

Auch final überrascht, neben dieser Deutung über den Tod Lenskis, die Regisseurin mit einer weiteren, ungewöhnlichen Lesart – dargestellt als ein Aufwachen Tatjanas aus einer letzten Liebesnacht mit Onegin! Ein Wunschdenken Tatjanas? Ein Traum, oder aber als Tatsache gemeint? Es kann dieser Ausgang der Phantasie dem Zuschauer anheim gestellt sein, grundsätzlich ändert es nichts am Ausgang der Handlung.

So schuf die Regisseurin zusammen mit ihrem aus Bristol stammenden Bühnenbildner Gideon Davey den für die sehenswerte und akribische Personenführung notwendigen leeren Raum – einziges Mobiliar sind ein langer und drehbarer Tisch mit den jeweils erforderlichen Sesseln. In diesem leeren Rahmen erzählt sie uns das Stück vom eintönigen Landleben der Larins, der Tratschereien der Damen und die Abwechslung durch gegenseitige Besuche, Unterbrochen nur durch kleine Feste, eine scheinbar poetische Idylle also.

Der Verzicht auf die Tanzeinlagen lenkt die Aufmerksamkeit aber auch noch mehr auf die Musik: Und das ist gut so. Denn mit Oksana Lyniv ist der Intendantin tatsächlich ein musikalischer Glücksgriff gelungen, deren mit Spannung erwarteter Einstieg in das Opernrepertoire der Oper Graz mit dieser Premiere erfolgte und zu einem erwarteten Triumph als neuer Chefdirigentin wurde. Ihre Liebe zu dieser Musik wurde vom Grazer Philharmonischem Orchester hörbar erwidert. Jedenfalls verfolgte man ihre musikalische Erzählweise vom alten Russland gebannt, ebenso die ungemein elegante Art des Dirigates dieser jungen Maestra aus der Ukraine.

In der Titelrolle bekam das junge Ensemblemitglied der Oper Graz, Dariusz Perczak aus Polen die Chance, für den erkrankten Markus Butter einzuspringen und der Hilde-Zadek-Wettbewerbszweite dieses Jahres konnte diese Chance auch gut mit seinem männlich aufgerauten Bariton nützen.

Mit Oksana Sekerina, einer Russin aus Westsibirien hatte man eine weitere umjubelte Oksana als Debütantin angesetzt – allein, nach der Wiedergabe der Briefszene der Tatjana war der Zwischenapplaus schon bemerkenswert –  ein lyrisch-dramatischer Sopran, der einem sofort in seinen Bann zog mit all seinen Ausbrüchen an Leidenschaft, Enttäuschungen und seiner Verteidigung der Würde seiner Trägerin.

Dass kein Brief weit und breit zu sehen war, sondern das Leintuch als Zeichen der Zuneigung an Onegin übersendet wurde, war wohl ein übertriebener Symbolismus.

Szene bei den Larins

Szene bei den Larins: Tatjana, Olga und Larina  Foto: C: Werner Kmetitsch

Larina, die Chefin des Hauses war die ruhige, stets überlegene und schönstimmige Christina Baader und eine den Aufdringlichkeiten Onegins nicht abgeneigte flirtbereite Olga wurde von der Chinesin Yuan Zhang dargestellt.

Mit seinem zwar nicht allzu großem Tenor aber sehr wohl mit schönem Timbre und guter Phrasierung ausgestattet, war vor allem in der Duellszene und in seiner großen Arie mit seinem Abschied vom Leben wirkungsvoll: Pavel Petrov.

Fürst Gremin und eine nicht geringe Anzahl an dessen Wiedergängern bevölkerten die Bühne auf Rollstühlen nach dem Motto: Gremins gibt es überall und irgendein Gag darf ja wohl dabei sein. Alexey Birkus war der sabbernde Pflegefall, der mit samtigem Bass seiner Zufriedenheit über seinen Status ariosen Ausdruck verlieh.

Manuel von Senden hatte die schrill verkleidete Figur des Triquet zu singen und war mit der skurillen Aufgabe betraut, mit dieser Zirkusnummer von der zersägten Jungfrau auch die große Pause einzuleiten. Tatjana stellte sich zur Verfügung, um nach der Zersägung, also nach der Pause erst, geteilt von der Bühne geschoben zu werden. Der Trick war durchschaubar. Und aus dem Sekundanten Saretzki machte Konstantin Sfiris wie immer eine köstliche Kleinstudie.

Dieuweke van Reij schaffte stimmige aber einfache Kostüme, Marc van Denesse fiel mit guten Licht- und vor allem Schattenstimmungen auf. Bernhard Schneider studierte den Chor ein, von dem man weiß, dass er mehr kann, als sich nur so wenig bewegen zu müssen.

Herzlicher Schlussapplaus, Jubel für die beiden Oksanas.

Peter Skorepa
OnlineMERKER

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