Der Neue Merker

GRAZ: DIE ZIRKUSPRINZESSIN. Premiere

Graz: „DIE ZIRKUSPRINZESSIN“ –   Opernhaus, 11.2.2017 (Premiere)

Alexander Geller und Regina Riel
Alexander Geller und Regina Riel. Copyright: Werner Kmetitsch/ Oper Graz

Warum Emmerich Kálmáns Operette „Die Zirkusprinzessin“ in der Nachkriegszeit die Beliebtheit ihrer Schwestern „Gräfin Mariza“ und „Die Csardásfürstin“ nicht mehr erreichen konnte, bleibt wohl immer ein Rätsel. Der Komponist hat auch über die  „Zirkusprinzessin“  sein Füllhorn mit unvergesslichen Melodien großzügig ausgeschüttet; andere Komponisten hätten aus all diesen Schlagern gleich zehn Operetten gemacht. Der Uraufführung am 26. März 1926 im Theater an der Wien war jedenfalls ein triumphaler Erfolg beschieden, und das trotz der herrschenden Wirtschaftskrise. Wie erfolgreich diese Operette damals gewesen sein muss, lässt sich schon darin erkennen, dass Julius Brammer, einer der beiden Librettisten (der andere hieß Alfred Grünwald), im Jahr 1927 anlässlich des Jubiläums der 300. Aufführung (!) im Theater an der Wien ein Dramolett über die Entstehung dieses Werks unter dem Titel „Drei Autoren suchen eine neue Operette“ (in Anlehnung an Pirandello) verfasste.

Vielleicht war das Werk auch deshalb so erfolgreich, weil sich das Publikum mit den Personen so gut identifizieren konnte. Das Stück handelt ja von Adeligen, die ihr Vermögen oder ihren guten Ruf verloren haben und daher entweder auf der Suche nach einer guten Partie sind oder sich verarmt beim Zirkus ihr Brot verdienen müssen. Zuschauer, die bei der Premiere von „Gräfin Mariza“ 1924 im Theater an der Wien noch in den Logen oder im Parkett gesessen sind, verfolgten nun infolge der Wirtschaftskrise die Premiere der „Zirkusprinzessin“ von der Galerie aus. Kein  Wunder also, dass ihnen das Schicksal der Fürstin Fedora und des enterbten Fürstenneffen, der nun als Reit- und Schießakrobat beim Zirkus unter dem Namen Mr. X Furore macht, zu Herzen ging.

Die Operette der Zwischenkriegszeit wollte das Publikum unterhalten, für wenige Stunden ihre Sorgen vergessen lassen und die „gute, alte Zeit“ heraufbeschwören. Die Operetten der silbernen Ära wurden immer mehr zu Revuestücken, wo die Ausstattung und die Tanznummern immer wichtiger wurden. Wie inszeniert man heute solche Stücke? Sicher nicht auf einer zeitkritischen Ebene, wie es Vera Nemirova mit der „Gräfin Mariza“ 2008 an der Volksoper versucht hat (und dabei jämmerlich Schiffbruch erlitten hat). Dann doch viel lieber so, wie sich das der Komponist und die beiden Librettisten wohl gedacht haben.

Peter Lund, der an der Wiener Volksoper schon sehr erfolgreich „Frau Luna“ und „Axel an der Himmelstür“ inszeniert hat, dürfte einer der ganz wenigen Regisseure sein, der heute noch an die Operette glaubt und der die Operette liebt. Ganz im Stile der 20er Jahre hat er nun die „Zirkusprinzessin“ mit Glitzer, Glamour und einer guten Portion Erotik auf die Bühne der Grazer Oper gebracht und das Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen. Und jeder, der die beiden oben erwähnten Produktionen der Wiener Volksoper gesehen hat, hat sich nicht darüber gewundert, dass es Peter Lund nun hier in Graz gelungen ist zu den Klängen des Orchestervorspiels sogar einen Elefanten auf die Bühne zu zaubern. Ulrike Reinhard hat ein praktikables Bühnenbild entworfen, das in Sekundenschnelle (ein Extralob der Technik des Hauses) die vielen Szenenwechsel erlaubt. Die phantasievollen und bunten Kostüme stammen von Daria Kornysheva. Und diesem Trio (nein eigentlich Quintett, denn die fulminante Choreographie von Andrea Heil und die stimmige Lichtregie von Severin Mahrer dürfen nicht unerwähnt bleiben) ist es gelungen, eine hinreißende, wundervolle, überzeugende Inszenierung abzuliefern.

Dazu gesellte sich noch ein Ensemble, wie es erlesener kaum sein könnte. Eine bessere Besetzung für die anspruchsvolle Rolle des Mr. X als Alexander Geller ist kaum vorstellbar.
Er besitzt einen hell timbrierten Tenor, der aber über genügend Metall in der Stimme verfügt, höhensicher ist und vor allem den für Operetten unbedingt notwendigen Schmelz mitbringt. Schon nach seiner fulminant vorgetragenen Auftrittsarie („Zwei Märchenaugen“) wurde er vom Publikum zu Recht bejubelt. Dass er darüber hinaus auch noch gut und athletisch aussieht, prädestiniert ihn zusätzlich für den adeligen Zirkusathleten, der hier mit schwarzer Maske und schwarzem Umhang wie Zorro auftritt. In Heidelberg wird der deutsche Tenor in dieser Saison den Max im „Freischütz“, den Erik im „Fliegenden Holländer“ und den Wilhelm Arndt in Korngolds „Ring des Polykrates“ singen. Man muss kein Prophet sein, um diesem Sänger eine große Zukunft vorauszusagen. Ein Tenor, von dem die Wiener Volksoper nur träumen kann. In der Titelrolle war Regina Riel zu hören, die über einen wunderschönen warm timbrierten Sopran verfügt, der ohne Registerbrüche in allen Lagen gleich gut klingt und nur in der Mittellage (derzeit noch) zu wenig Volumen besitzt. Was mir aber leider gefehlt hat war das Auftreten bzw. die Persönlichkeit einer Operettendiva; die russische Fürstin nahm man ihr leider nicht ganz ab. Alexander Kaimbacher  (Toni Schlumberger) war als schüchternes, etwas verklemmtes Muttersöhnchen ebenso ideal besetzt wie die einfach umwerfende Sieglinde Feldhofer als Miss Mabel mit Wiener Einschlag. Ivan Oreščanin füllte die Rolle des von der Fürstin Fedora verschmähten Prinzen Sergius mit noblem Auftreten und seinem ebenso noblen Bariton aus. Uschi Plautz war nicht nur eine resche Carla Schlumberger, sie sprang auch noch kurzfristig für einen Kollegen, der sich ein Bein gebrochen hat, ein und spielte zusätzlich völlig überzeugend den Zirkusdirektor Pinelli. Christoph Wagner-Trenkwitz wandelte auf den Spuren von Hans Moser, der den Oberkellner Pelikan schon in der Uraufführung 1926 und dann auch in der Erstaufführung an der Wiener Volksoper 1962 spielte. Mit Moser’scher Wiener Grantigkeit überzeugte Wagner-Trenkwitz nicht nur als Pelikan, sondern führte er auch als Erzähler pointenreich durch die Handlung.

Marius Burkert am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters ließ mit schwungvollen Tempi Kálmáns unsterbliche Melodien gefühlvoll erblühen. Auch der Chor und das Ballett der Oper Graz trugen zum großen Erfolg des Abends bei.

Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war die „Zirkusprinzessin“ an der Grazer Oper zuletzt 1978 zu sehen (mit Nelly Ailakowa als Fedora, Wolfgang Siesz als Mr. X, der leider viel zu früh verstorbene Elisabeth Kales als Miss Mabel und Willy Popp als Pelikan). Jetzt heißt es also nach 39 Jahren wieder „Manage frei!“ für Emmerich Kálmáns Meisterwerk. Eine Operettenaufführung, deren Besuch uneingeschränkt zu empfehlen ist, vor allem jenen Operettenfans, die von der jüngsten Aufführung an der Wiener Volksoper enttäuscht wurden.

Nicht nur der Ehrengast, Emmerich Kálmáns jüngste Tochter Yvonne, war an diesem Abend hingerissen. Das Publikum feierte das ganze Ensemble inklusive dem Leading Team. Das schon oft totgesagte Genre der Operette lebt! Und mit solchen Aufführungen wohl noch lange!

Walter Nowotny

Die nächsten Aufführungen sind am 15. und 17. Februar sowie am 1./4./9./12./17. und 26. März (wobei die Aufführungen am 12. und 26. März Nachmittagsvorstellungen sind und sich somit für aus Wien anreisende Operettenfans besonders anbieten).

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