Der Neue Merker

GÖPPINGEN/ Werfthalle/ „Staufer-Festspiele“. DER VOGELHÄNDLER von Carl Zeller. Impressionen mit „Kurfürst Kretschmann“

 Carl Zellers „Vogelhändler“ bei den Staufer-Festspielen Göppingen

IMPRESSIONEN MIT KURFÜRST KRETSCHMANN

Carl Zellers „Vogelhändler“ am 10. 9. 2016 in der Werfthalle bei den Staufer-Festspielen/GÖPPINGEN

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Copyright: Staufer Festspiele

„Aber Frau Kapellmeister, bei der Post geht’s doch nicht so schnell!“ meinte erfrischend die Briefchristel Jessica Eckhoff, die mit ihrer wandlungsfähigen Sopranstimme das Publikum sogleich für sich einnahm. In der opulenten Inszenierung von Alexander Warmbrunn wurden Waldidylle und Schlossatmosphäre durch ein aufgeklapptes Bühnenbild verdeutlicht. Auch die Postkutsche und ein überdimensionaler Vorgelkäfig (der sich dann in ein Chambre separee verwandelte) durften hier nicht fehlen.

Vergnüglich und auch satirisch zugespitzt ging es bei dieser Aufführung allemal zu, wo sogar von einem „Kurfürst Winfried Kretschmann“ die Rede war. Wolfgang Schöne blies als imposanter Baron Weps mit kernigem Bariton zur „Sauhatz nach Stuttgart“ – und alle folgten der launigen Einladung: „Deutlicher hätte es die Merkel auch nicht sagen können!“ Ein Dorf voller Wilderer hatte dabei in den Wäldern so lange die Sau rausgelassen, bis keine mehr drinnen war. Der Kurfürst ging statt dessen als Schürzenjäger auf die Pirsch. Johannes Mayer verkörperte (bei den einzelnen Aufführungen abwechselnd mit Philipp Nicklaus) den bestechlichen Bankrotteur Graf Stanislaus, der sich plötzlich als Regent verkleidete, um unheilstiftende Privataudienzen zu gewähren. Natalie Karl als Kurfürstin Marie verkündete ohne Vibrato und mit weichen Kantilenen Liebeserklärungen, wobei ihr Sopran durch leidenschaftliche Spitzentöne bestach.

Zwischen gewaltiger Rokoko-Pracht und ungeheuren Bilderrahmen betörten die Zuschauer bei dieser Inszenierung grün-bläuliche Impressionen, die die gesamte Bühne fantasievoll ausfüllten. Breiten Raum nahmen die Auseinandersetzugen zwischen Christel und ihrem Verlobten, dem Vogelhändler Adam (nuancenreich: Matthias Klink) ein, dessen stimmliche Charakterisierungskunst nicht nachließ. Im kurfürstlichen Schlosspark wurde schließlich die Hochzeit vorbereitet. Christel wollte natürlich von einer Verbindung mit dem windigen Stanislaus nichts wissen, denn sie trauerte wegen des Zerwürfnisses mit Adam. Sie wusste nicht, dass jenes „Bauernmädchen“ die Kurfürstin selbst war, die Adam die Rose schenkte. Weil Baron Weps das Ende seiner Karriere kommen sah, machte er der von Adam versetzten Baronin Adelaide (stimmlich voluminös: Margo Weiskam) einen pathetischen Heiratsantrag, den diese sogleich annahm: „Seid umschlungen, Millionen!“ Und der Baron zitierte vergnügt: „Adelaide – das ist doch von Verdi!“

Sabine Layer dirigierte die Württembergischen Symphoniker (Leitung: Albert Boesen und Gisela Roll-Russ) zupackend und mit viel Sinn für die feinen melodischen Gliederungen und Verästelungen. Die volkstümliche Frische der Zellerschen Musik strahlte dabei immer wieder neu auf. Pfälzische Lebenslust und die Fröhlichkeit der Tiroler ließen nichts zu wünschen übrig. Adams Lieder „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ und „Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr“ gestaltete Matthias Klink mit schlanker Stimmführung. Das gleiche galt für sein schwungvoll interpretiertes Auftrittslied „Grüaß enk Gott, alle miteinander“. Den Walzern „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt’s“ und „Schau mir nur recht ins Gesicht“ gewann die umsichtige Dirigentin Sabine Layer mit dem temperamentvoll musizierenden Württembergischen Symphonikern immer neue Klangfarben ab. Jessica Eckhoff hatte nochmals einen bestechenden Auftritt bei „Ich bin die Christel von der Post“. Beim Chorsatz „Jekus, jekus, das ist schwer, wo nimmt man gleich ein Wildschwein‘ her?“ ging der fulminante Festspielchor ganz aus sich heraus. Und der Festspielkinderchor war von Ute Bidlingmaier sorgfältig einstudiert worden. Das Festspielballett-Ensemble glänzte bei den reizvollen Ballettmusik-Einlagen. Der flotte Marsch „Kämpfe nie mit Fraun!“ heizte die Stimmung in elektrisierender Weise an. Und schließlich erfuhren die verdutzten Zuschauer, dass der Kurfürst tatsächlich immer noch in Stuttgart war. Im Widerspiel von botanischen und zoologischen Spitzfindigkeiten glänzten abwechselnd Johannes Mayer, Philipp Nicklaus und Kai Preußker als völlig betrunkene Prodekane der Universität. Die Wildschweinhatz prägte bei dieser flotten Inszenierung in rasanter Weise das Bühnengeschehen. Im Finale des ersten und zweiten Aktes überraschte neben schlagfertigem Witz dramatische Schwungkraft. Unverwechselbare Haltungen wurden melodisch und rhythmisch präzis herausgearbeitet. Dies galt für die Hofknicksschleifen ebenso wie den Übereifer der beiden Professoren mit atemlosen Tonschritten. In weiteren Rollen verzauberten Vanessa Maria Looß (Mezzo-Sopran) als freche und „ordinäre“ Kellnerin Jette sowie Kai Preußker als aufgeregter und echauffierter Bürgermeister Schneck. 

Alexander Walther

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