Giusepppe Verdi: Otello

by R.Wagner | 2. Oktober 2016 18:47

DVD Otello Met

Giusepppe Verdi: Otello

MET 17.10.2015

SONY Blu-ray

Antonenko, Yoncheva,  Lučić; Yannick Nézet-Séguin 

In (angenehm) konventioneller Regie und stimmungsvoll spannungsgeladenem Ambiente geht der neue MET Otello in der Produktion  von Broadway Regisseur Bartlett Sher über die Bühne. Durchsichtige Kunststoffwände stilisieren Räume. Das optische Markenzeichen  sind assoziative Projektionen der Naturgewalten Himmel und Wasser in den Farben blau, rot, gelb mit weißen Schlieren zur Verdeutlichung von Gewitter und Sturm. Die fabelhafte Lichtregie (Donald Holder) mit ihren beeindruckenden chiaroscuro-Effekten erinnert bisweilen an Arbeiten von Günther SchneiderSiemssen. In diesem einfachen Set, aber dennoch durch die wuchtigen 19. Jahrhundert Kostüme in grau, magenta und schwarz (Catherine Zuber) opulent wirkenden Szenerie findet der Regisseur zu einer schlüssigen Personenregie, die Geschichte wird schnörkellos ohne Wenn und Aber erzählt. Den Sängern bleibt genügend „Bewegungsraum“, um in einem darstellerisch intensiven Miteinander auch musikalisch reüssieren zu können.

Was besonders auffällt, dass im Vergleich zu anderen Arbeiten Otello langsamer das Gift der Intrige trinkt, zu sehr hängt er an seiner Desdemona. Final erwürgt er sie nicht, sondern erstickt sie mit seinem Polster. Allerdings wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie eine Frau, nachdem sie erwürgt oder erstickt ist, nochmals singen kann, um dann doch noch zu sterben. Solche physiologisch spannende Fragen kann man sich ja auch etwa beim Maskenball stellen….

Die musikalische Seite ist, was Orchester und Chor der Metropolitan Opera betrifft, dank des großartigen Dirigats durch den designierten musikalischen Chef des Hauses, Yannich Nézet-Séguin, bestens geraten. Habe ich bei seinem Mozart-Zyklus aus Baden-Baden so manchen Vorbehalt, so scheint ihm Verdi schlichtweg besser zu liegen. Nézet-Séguin atmet und lebt mit der Bühne, die Kommunikation funktioniert bestens und das bei hoher Gestaltungskraft und präzisen Vorgaben zur musikalischen Umsetzung der Partitur. Alle Beteiligten, aber auch das Publikum scheinen den sympathischen Dirigenten zu lieben. Ovationen und Umarmungen am Ende der Vorstellung sind dessen untrüglicher Ausdruck.

Die künstlerische „Infrastruktur“ der MET gehört insgesamt nach wie vor zu den besten der Welt, mich frappiert stets, ob live oder aus der Konserve, die herausragende klangliche Qualität und rhythmische Präzision des Orchesters. Die komplexen Temporelationen und finessenreiche Instrumentierung des Otello kommen da erst so recht zur Geltung. Ein Meisterwerk findet hier seine meisterliche artistische Realisierung.

Das Sängertrio Otello, Desdemona und Iago ist mit Aleksandrs Antonenko, Sony Yoncheva und Željko Lučić herausragend bis gut besetzt. 

Ich beginne mit Sonya Yoncheva in der heiklen Rolle des Desdemona, die die geschlossenste und faszinierendste Gesamtleistung der Vorstellung bietet. Ihr lyrischer, bestens in der „Maske“ verankerter Sopran ist ein Schatzkasten an Klangfarben, ein  Stimmungskaleidoskop menschlicher Affekte mit unendlich scheinenden Wandlungsmöglichkeiten, Obertonreichtum und Schattierungsvermögen. Von Timbre, Technik und Phrasierung her gehört Yoncheva heute zu den wohl bemerkenswertesten Sängerinnen ihrer Generation  weltweit. Ihr unverwechselbares Stimmmaterial und Singen am Wort macht sie heute zu einer der besten Vertreterinnen im italienischen lyrisch-romantischen Fach, wie dies einstens etwa die junge Freni oder Scotto waren. Yoncheva intoniert lupenrein und gestaltet die musikalischen Bögen mit bruchlos geführter Stimme stilsicher und aus dem Sinn des Texts heraus. Diese Einheit aus Darstellung und Gesang, präziser musikalischer Umsetzung und qualitätsvollem Stimmcharakter lassen das Publikum fasziniert innehalten. Nicht zuletzt sieht Yoncheva umwerfend gut aus, wie sie etwa im dritten Akt mit langer blutroter Robe im Duett mit Iago um ihre Ehre ringt. Ihre Desdemona ist eine stolze, aber in ihrer Liebe verletzbare Frau, die die vertrackten Gedanken ihres zu siedender Eifersucht aufgepeitschten Gatten nicht deuten kann und daran scheitert. 

Der litauische Heldentenor Aleksandrs Antonenko ist als Otello eine respektable Möglichkeit, zu den besten seines Fachs gehört er nicht. In der Mittellage klingt seine Stimme angenehm baritonal dunkel, in der Höhe durchdringend metallisch und zu Schärfen und Intonationstrübungen neigend. Modulationsfähigkeit und Farbenpalette könnten ausgeprägter sein. Dies gesagt, bietet Antonenko dennoch eine eindringliche Studie des vor Eifersucht Verblendeten. Im Verlauf des Vorstellung generiert er an Dringlichkeit und Intensität des Vortrags, darstellerisch bleibt er der Rolle nichts schuldig. Sein Otello ist kein grauslicher Machoflottengeneral oder perverser Brutalo, sondern ein Liebender, der unmerklich in seinen Wahn schlittert und dem engen obsessiven Bild von Blut, Fluch und Verrat nicht mehr entkommt. Bis zuletzt lässt Antonenko immer einen Funke des Zweifelns und des Innehaltens spüren, so als ob immer wieder kurz die Ratio die Oberhand gewinnen würde und das Offensichtliche (nämlich die Treue seiner Frau) dem Neurotischen doch noch das Wasser abgraben könnte. Hier zeigt Antonenko hohen psychologischen Feinsinn, im finalen „Niun mi tema“ bleiben keine Wünsche offen.

Bariton-Könner Željko Lučić bietet als Iago eine geniale Mischung aus Shakespeare und Verdi.  Lučić liefert eine charismatische Charakterstudie der besondern Art, sein Iago ist an maliziöser Kraft, diabolischer Verführung und unbändiger Karrieregeilheit nicht zu überbieten. Rein stimmlich hat er nicht seinen besten Abend, manchmal klingt sein sonst so kerniger viriler Bariton belegt und stumpf. Dennoch insgesamt eine adäquate Leistung.

Von den kleineren Rollen möchte ich noch Jennifer Johnson Cano als Emilia hervorheben, die mit üppigem prächtigem Mezzo und feminin fürsorglicher Attitüde den Schwindel aufdeckt und sich mutig nicht von den Einschüchterungsversuchen des Iago aufhalten lässt. Leider können Dimitri Pittas als Cassio und Chad Shelton als Roderigo so ganz und gar nicht auf Augenhöhe mit dem Leading Trio mithalten, ihre Tenöre klingen angestrengt bis überfordert. Die kleine Rolle des Lodovico ist mit Günther Groissböck luxuriös besetzt. Jeff Mattsey lässt mit schönem Material als Montano aufhorchen.

Die filmische Umsetzung ist gediegen, die Kameraführung hat den Spagat aus wenigen Ausrichtungen aus der Volle und zahlreichen zwingenden Details in Großaufnahme brillant gemeistert. Der Film ist besonders wegen Yonchevas Desdemona und Yannick Nézet-Ségiuns Dirigat zu empfehlen. Die hohe technische Qualität von Bild in HD kommt auf der Blu-ray Version auch beim Ton vorzüglich zur Geltung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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