Der Neue Merker

Giuseppe Verdi: UN BALLO IN MASCHERA – Bayerische Staatsoper München live 3.-9.3.2016, C-Major Blu-ray

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Beczala und Harteros sorgen für Weltklasse in banalem Dutzendregietheater 

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Mitten auf der Bühne steht ein bürgerliches Bett, gar fein mit Linnen bezogen. Das war es denn auch schon mit dem Einheitsbühnenbild (Heike Scheele). Ach ja und das Bett spiegelt sich an der Decke und da liegt auch noch eine Puppe des toten Riccardo, Kopf nach unten, Mund sperrangelweit offen, drin. Dazwischen eine Wendeltreppe nach oben, auf der fallweise Ulrica herumgeistert und final Riccardo nach oben abtritt, seine Doppelgänger aus Stoff am Boden und dem Bett liegend hinter sich lassend. 

In einem solchen Ambiente kann man ein Dutzend Operetten aufführen, dann fielen mir noch „The Turn of the Screw“, „Arabella“ oder „Macbeth“ ein, wenn man unbedingt einen „Küchenfreudianismus“ in Szene setzen will. Regisseur Johannes Erath setzt seinen „Ballo“ in den Dreißigern“ an, das gesamte Bühnenpersonal ist schwarz-weiß gekleidet (Kostüme Gesine Völlm) , meistens in Frack und Fliege, dazwischen dürfen auch blaue China-Morgenmäntel nicht fehlen, das weiße Spitzenkleid Amelias im Finale nicht ausgenommen. Im Booklet erklärt Malte Krasting (Dramaturg): Es geht in der Oper „um Menschen, die ihr ganzes Leben hinter Masken verbringen. Nicht nur im Finale ist ein Maskenball, sondern das ganze Stück. Jeder spielt zu jeder Zeit einen bestimmte Rolle Verstellung auf Schritt und Tritt.“

Krasting geht aber weiter und legt den Maskenball als eine schwarze Farce an, ein Requiem von Beginn an, die Hauptfiguren wandeln wie untote Tote, blass und distant, hübsch anzusehende Zombies im glatt schicken Dekor. Das kann man natürlich so sehen, zwingend und überzeugend ist das allerdings nicht. Das Herumgestakse von Sängern auf einem schwankenden Bett ist sowieso alles andere als schön anzusehen. Als ein gültiger Regieeinfall der Personenführung mag angehen, dass Oscar hier als alter ego Riccardos konzipiert ist, meist mit Riccardos „sprechender“ Puppe in der Hand. 

Gott sei Dank sind die sängerischen Leistungen überwiegend top und der musikalische Part insgesamt überaus erfreulich. Für mich allen voran Piotr Beczala als dünnschnauzerbewehrtem Dandy Riccardo. Ideal sowohl von Stimme als auch vom Typ her, wie einstens di Stefano das war. Beczala allein bringt die Bühne zum Vibrieren, er ragt als pralle Figur heraus. Ein das Schicksal herausfordernder leerer Lebemann, in seiner Exaltiertheit voller Trauer, in seinem Leichtsinn des Todes Fesseln immer fester ziehend. Dieser Riccardo wird zu einem Prototypen des unbewussten „Mordes, den jeder begeht, an sich selbst oder an anderen“. Ein kömodiantischer Tristan, der seine Isolde, Amelia eher als Projektion begreift als wirklich liebt. Wenn Beczala auf der Bühne steht, dann spürt man jene packende Energie, die schäumende Kraft und das Leben mit vollen Zügen verbrauchende Intensität, die verständlich macht, warum diese Oper in ihrer Emphase so tief wirkt.

Anja Harteros beweist in ihrem Rollendebüt wieder einmal, was für eine formidable Verdi-Sängerin sie ist. In diesem Maskenball der Camouflage, der vernichtenden Langeweile singt sie voll dunkler Glut. Voll Wissen um das Unvermeidliche wirft sie ihren jugendlich dramatischen Sopran in die melodischen Stürme ihrer Arien, Duette und Ensembles. Eine Pythia ist diese Amelia, eine düstere Botin, die dem Schicksal nichts entgegenzusetzen weiß. Bevor sie ihrem ungeliebten Mann Renato erwürgt, bevor sie Selbstmord begeht, geht ihr auch schon wieder die Energie aus. Rein vokal ist Harteros‘ Amelia bravourös, wunderbare Kuppeltöne, eine satte Tiefe und die nötige Agilität sind Voraussetzungen einer mustergültigen Interpretation. Allein das hohe C gerät wie bei Tebaldi etwas kurz. 

Renato ist bei George Petean gut aufgehoben. Mit noblem hellem Bariton phrasiert und singt er stilistisch comme il faut. George Peteans Renato ist der Prototyp eines hingebungsvollen Vasallen, ein gehörnter Hofnarr, dessen Rache ungewollt tödlich ist. Seine Akolyten Samuel und Tom (charakterstark Anatoli Sivko, Scott Conner) bringen jenes Gift, das dem „Beamten“ Renato abgeht. Rein vokal ist er weniger Gegenspieler Riccardos, als das die Partitur glauben ließe. Ein vom Schicksal und Pflichtbewusstsein Getriebener, ein feiger Blinder.

Díe Rolle des Pagen Oscar (Sofia Fomina mit lyrisch rund leuchtendem Sopran) ist hier so etwas wie ein zweiter Riccardo. Im dritten Akt zieht sie ihre Perücke ab, und küsst als Frau Renato. Sie mutiert zum Mädel, Hosenrolle over. Na ja, Regietheater eben, über das sich keiner mehr wundert. 

Einzig Ulrika (Okka von der Damerau) enttäuscht stimmlich allzu hellem Mezzo. Eine gar blasse Wahrsagerin ohne Dämonie, ist sie eher beste Freundin aus dem Jenseits als Schicksalskünderin. 

Dirigent Zubin Mehta hat den richtigen Verdi-Dreh, Orchester und Chor der Bayerischen Staatsoper klingen luxuriös, offenbar wurde da richtig intensiv geprobt. Zwischendurch fällt die Spannungskurve bisweilen ab, manche Tempi sind eher breit gewählt.

Fazit: Eine prächtig musizierte Aufführung, die lange nachhallt. Der Regisseur ist seiner eigenen Ideenfalle erlegen. Intellektuelle Stimmigkeit und Logik ergeben noch kein schlüssiges packendes Theater. Da reicht der Griff in die Mottenkiste des Regietheaters einfach nicht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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