Der Neue Merker

Giuseppe Verdi: I DUE FOSCARI (London, 2014)

DVD Cover  I Due Foscari

Giuseppe Verdi: 
I DUE FOSCARI
Royal Opera House Covent Garden, London, 2014
Opus arte

Ein Star ist ein Star ist ein Star, er kann auch weltweit die Spielpläne der Opernhäuser beeinflussen. Beispiele dafür gibt es viele, ob die Netrebko, die Garanca, die Damrau oder Jonas Kaufmann eine Rolle neu ins Repertoire genommen haben  –  sie werden sie dann nach und nach in der ganzen Welt zeigen. Besonders gilt das für Placido Domingo, der auch immer sehr für die Dokumentation seiner Leistungen sorgt. Sein Einstieg ins Bariton-Fach mit dem Simon Boccanagra beispielsweise ist dreimal (!) auf DVD zu bewundern ist (New York, London, Mailand).

2012 hat Domingo (als 140. Rolle seines Lebens!) den alten Foscari in Verdis selten gespieltem Frühwerk von 1844, „I due Foscari“ (der 31jährige Komponist griff damals nach einem extrem düsteren, tragischen Stoff) in seinem „eigenen“ Theater in Los Angeles erstmals gesungen. Es folgten Aufführungen in Valencia, Wien, London sowie an der Mailänder Scala. In Barcelona und Madrid wurde das Werk konzertant gegeben, und auch die Salzburger Festspiele werden im Sommer 2017 zwei konzertante Aufführungen des Werks für Domingo ansetzen.

Auf DVD kann man die Domingo-Performance nun in der Londoner Aufführung vom Oktober 2014 sehen, wobei fast alle Theater (bis auf die Scala) bereit waren, jene Produktion von Regisseur Thaddeus Strassberger zu übernehmen, die für Los Angeles geschaffen wurde und dann, obwohl ihre szenische Überzeugungskraft (halb historisch, halb noch „modernen“ Effekten schielend) gering war, auch in Valencia und Wien und dann eben auch in London gezeigt wurde. Aber es ist auch schwer, die ziemlich krude Handlung vernünftig  zu entwickeln – Placido Domingo als alter Doge von Venedig muss seinen eigenen Sohn verurteilen, die leidenschaftliche Schwiegertochter wütet dagegen.

Das bietet dem alten Herrn mit dem wirren weißen Haar, der historische fürstliche Kostüme mit so viel Würde trägt, eine Menge dramatischer Möglichkeiten, ohne ihn zu überfordern, leidenschaftlich zerrissen in Szenen mit Schwiegertochter, Sohn und vor Gericht, bis zum Tod im Wahnsinn… Leider war Domingo an dem Londoner Abend, der damals in die Kinos kam und dann auf DVD gepresst wurde, nicht am Gipfel seiner Möglichkeiten, etwas angestrengt klingend, wenn auch von seiner Technik lebend (man hat ihn später in anderen Verdi-Bariton-Rollen wesentlich besser gehört, etwa als Nabucco an der Met oder Macbeth in Wien). Aber dass er seinen Fans diese Aufnahme wert ist – das ist keine Frage.

Die wirklich großen Rollen haben hier der Tenor und der Sopran, und Francesco Meli ist an diesem Abend prächtig und strahlend in Form. Und Maria Agresta, deren Karriere in den letzten Jahren enorm an Fahrt aufgenommen hat, kommt mit der sehr schwierigen Rolle der Lucrezia ausgezeichnet zurecht, obwohl sie zu jenen „überdramatischen“ Partien gehört, die Verdi in seiner Jugend schuf, um seinen Sopranen später weniger Attacke und weniger Schwierigkeiten abzuverlangen. Maurizio Muraro ergänzte als Baß das durchaus eindrucksvolle Sänger-Quartett.

Komplett wird die Überzeugungskraft der Aufnahme schließlich durch den dynamischen Antonio Pappano am Pult – und man darf nicht vergessen: Das alles findet für Domingo statt. Er pflastert seinen künstlerischen Weg mit Belegen seiner Leistungen, die ihn überleben werden.

Renate Wagner

Giuseppe Verdi:
I Due Foscari

Regie: Thaddeus Strassberger
Dirigent: Antonio Pappano
Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera Chorus

Placido Domingo (Francesco Foscari)
Francesco Meli (Jacopo Foscari)
Maria Agresta (Lucrezia Contarini)
Maurizio Muraro (Jacopo Loredano)
Samuel Sakker (Barbarigo)
Rachel Kelly (Pisana)
Lee Hickenbottom (Fante)

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