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GIOVANNI SIMONE MAYR: MEDEA IN CORINTO, live Martina Franca 2015 / Michael Spyres ….

medea kl GIOVANNI SIMONE MAYR: MEDEA IN CORINTO, live Martina Franca 2015 /  Dynamic CDs, 2 DVDs –

Michael Spyres als Giasone begeistert mit seinem in jeder Hinsicht spektakulären Tenor, Davinia Rodriguez vermag als Medea die richtigen dramatischen Akzente  in einer ansonsten rundum mediokren Aufführung zu setzen. 

Dieser 1763 in Bayern (Mendorf bei Altmannstein) geborene Johann Simon Mayr erhielt in Deutschland eine gediegene Ausbildung in sakraler Musik. Um aber seiner Opernleidenschaft und den stilistischen Moden der damaligen Vokalmusik gerecht werden zu können, also ganz dem italienischen Klang fröhnen zu können, verschlug es ihn bald nach Bergamo, wo er als Lehrer von Gaetano Donizetti berühmter wurde denn als Komponist an der Schwelle zwischen Klassizismus, Belcanto und geschickt eingesetzten französischen Stilelementen. Von seiner bekanntesten Oper Medea in Corinto gibt es mittlerweile vier Gesamtaufnahmen. Deren jüngste stammt aus dem schönen süditalienischen Martina Franca  und wurde im Sommer 2015 bieder (Video Director Matteo Ricchetti) auf Zelloloid gebannt. 

Das Libretto von  Felice Romani, an dem Mayr heftig herumgedoktert hatte, weist, wie schon nach der Uraufführung am 28.11 1813 in Neapel bekrittelt, etwa im Vergleich zu der zu Recht berühmteren Vertonung von Luigi Cherubini, massive dramaturgische Schwächen auf. Felice führt zusätzlich zum Dreigespann Creusa, Giasone und Medea die Figur des Egeo ein, ein „Abgelegter“ von Creusa, der auch beleidigt nach Rache sinnt und gemeinsam mit Medea die Hochzeit um jeden Preis verhindern will. Die Musik (im Wesentlichen eine Melange aus Gluck, Spontini und Meyerbeer mit Anklängen an Carl Maria von Weber – vgl. etwa das erste Duett Creusa Creonte) ist trotz der nach französischem Muster instrumentierten Rezitative eine  Abfolge an Nummern, die gottlob in zwei durchaus effektvollen Finali kulminieren. Mayr als absoluter Vielschreiber (er komponierte 60 Opern) teilt das Schicksal vieler anderer seiner Zunft. Neben wunderbaren Vokalnummern, in denen Virtuosität und Ausdruck, gekonnte Instrumentierung und Gespür für die innere Disposition der Protagonisten auch heute noch für Nervenkitzel und Staunen sorgen, gibt es unsäglich banale Chornummern, nichtssagende Rezitative zuhauf und so manche Arie, die halt nett anzuhören ist, aber schon bei der geringsten Schwäche des Interpreten zu einer Pein für den Zuhörer wird. 

Am meisten hat mich beim Hören gewundert, wie wenig Eigenprofil Dirigent Fabio Luisi mit einem Orchestra Internazionale d‘Italia und dem Philharmonic Orchestra von Cluj-Napoca aus der Partitur holen konnte. Sicherlich ist dieser großartige Maestro routiniert und erfahren genug, um jedes Repertoire mit Anstand realisieren zu können, liegen muss es ihm deshalb aber noch lange nicht. David Parry hat auf der einzig ungestrichenen Aufnahme für das Label Opera Rara ja vorgeführt, wie man diese Oper auch raffiniert und stilsicherer bewältigen kann. Natürlich sind die akustischen Bedingungen vor dem Palazzo Ducale beim Festival della Valle d’Itria suboptimal, aber etwas mehr an orchestralem Profil hätte ich mir schon gewünscht. 

Über die Inszenierung/Bühnenbild  (Benedetto Sicca, Maria Paola di Francesco) möchte man lieber den Mantel des Schweigens hüllen: Nur soviel: Der Boden vor der natürlichen Wand des Palazzo Ducale ist mit einem Kunststoffrasen samt roten Mohnblumen bedeckt (erinnert von der Idee her an den Osterfestspiel-Parsifal Karajans), darin ein Riss quer durch den Boden und das war es schon. Als Höhepunkt der szenischen Einfälle muss da zu Beginn des zweiten Aktes schon gelten, dass dieser Bodenbelag weggezogen wird und das darunter liegende Grau wohl signalisieren soll, dass jetzt Schluss mit Lustig ist. Allerdings darf das Ballett frohe Urständ feiern und die ganze Zeit zu der Musik hüpfen, sich drehen und sonstige Verrenkungen vollführen, die absolut nichts zur Erhellung der Handlung oder zur Spannung des Abends beitragen. Personenregie gibt es keine merkliche und so ist der Opernfreund auf die Sänger konzentriert, die sich sicher nach Kräften, aber leider mit unterschiedlichem Erfolg um eine intensive Aufführung mühen.

Die auch in Wien von einer Serie der Verdi Oper I Due Foscari im Theater an der Wien bekannte Davinia Rodriguez gestaltet die Titelpartie durchaus eindrucksvoll, mit üppigen Tiefen, einer ausdrucksstarken Mittellage und vom Timbre her bisweilen an Netrebko erinnernde Höhen. Allerdings dürfte diese blendend aussehende spanische Künstlerlin mit Biss in der Stimme in blonder Langhaarperücke auch die Platten von Maria Callas „inhaliert“ haben, was manchmal gehörig irritieren kann. Als Liebesrivalin Creusa singt Mihaela Marcu brav ihre Arien, ohne weitere Nuancen an eventueller Ängstlichkeit, Vorahnung, Gegenwehr hörbar machen zu können. Langweilig. Ihr ehemalig zur Ehe Versprochener und auf Vergeltung sinnender Egeo wird von Enea Scalazwar mit Eigenprofil gesungen, sein überaus vibratoreicher Tenor klingt allerdings durchwegs spröde und in der Höhe angestrengt. Dafür sorgt dafür Michael Spyres in der Rolle des Giasone für Wonnen an Hörvergnügen und vokale Hochseilakrobatik sondergleichen. Michael Spyres ist wie schon in der jüngst erschienenen Gesamtaufnahme der Donizetti Rarität Le Duc d‘Albe die Sensation der Aufnahme schlechthin. In seinen spektakulären Höhenflügen bis hin zum hohen Es dürfte er unerreicht sein. Als Sägertypus und vom Fach her kann ihm derzeit wahrscheinlich niemand außer Juan Diego Florez Paroli bieten. Auf jeden Fall singt er diese sauschwere Partie um Eckhäuser besser, entspannter und kerniger als Bruce Ford auf der Opera Rara-Aufnahme. Warum sich aber einer der besten Tenöre der Welt in ein Kostüm stecken lässt, das ihn wie einen Travestiematrone (schwarzer Rock, dekolltiertes hautenges Glitteroberteil, blauer bodenlanger Schal, schwarze Langhaarperücke) aussehen lässt, ist mir ein Rätsel. Roberto Lorenzi darf als Creusas Vater Creonte seinen Bass frei strömen lassen, ohne Hörmarken im akustischen Gedächtnis zu hinterlassen. Die Comprimarii Rollen Evandro, Ismene und Tideo sind mitPaolo Cauteruccio, Nozomo Kato und Marco Stefan gut besetzt.

Fazit: Nach dem ebenfalls nicht rundum befriedigenden Mitschnitt dieser Oper aus München mit Ramon Vargas, Alastair Miles, Nadja Michael unter Ivor Bolton in der Regie von Hans Neuenfels muss wohl noch weiter auf eine definitive Umsetzung dieser zwar spannenden, aber partiell nur akademisch interessanten Partitur gewartet werden. Die Angabe auf dem Cover, dass es sich um eine Weltpremiere auf DVD handelt, ist falsch. Da waren die Münchner mit der bei Arthaus erschienenen DVD flotter.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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