Der Neue Merker

GIACOMO PUCCINI – GIANNI SCHICCHI – LA Opera – Domingo, Woody Allen

Schicchi kl. GIACOMO PUCCINI – GIANNI SCHICCHI – Domingo, Woody Allen – SONY Blu-ray (BD)/DVD – Präzise gearbeitet und unterhaltsam

Die Oper in Los Angeles, deren General Director ein gewisser Placido Domingo ist, hat den berühmten Schauspieler, New York Freak und Filmregisseur Woody Allen für die Regie zu Puccinis Gianni Schicchi überreden können. Die allseits umjubelte Premiere fand 2008 mit Thomas Allen in der Titelpartie statt. Der über 70-jährige Allen hat vor dieser seiner ersten Arbeit für die Opernbühne bekannt, nie habe ihn Inkompetenz davon abhalten können, mit Enthusiasmus in unbekanntes Terrain einzutauchen. Nun, das was man jetzt auf dem als Blu-ray auf den Markt gekommenen Mitschnitt zweier Aufführungen aus dem Jahr 2015 sehen kann, ist durchaus professionell, wenngleich auch ziemlich konventionell. Die bekannte Geschichte um Neid, Familienintrigen und Erbschleicherei wird vom Stadtneurotiker wie eine italienische Komödie der fünfziger Jahre inszeniert. 

Sieben Jahre nach der Premiere hat sich nun Placido Domingo dazu entschlossen, selbst als Gianni Schicchi mit von der Partie zu sein. Ein Versuch, der ihm erlaubt sei, wenngleich dieser große Künstler stimmlich beängstigend kurzatmig und in der Tiefe grau und brüchig klingt. In der oberen Mittellage kommen hie und da Töne, die an stimmlich ruhmreiche Zeiten des Tenors erinnern. Schauspielerisch ist Domingo allerdings ganz in seinem Element und gibt einen schmierig verschmitzten Mafiaboss mit einem Schuss „Guter Onkel/Opa von nebenan“ gewürzt. Mit dünnem Bärtchen und Pommade im Haar darf er vor der „Bettszene“ mit dem Notar sogar auf offener Bühne strippen. In schwarzen Stutzen samt Stutzenhaltern und Unterwäsche zieht er einen bodenlangen weißen Schlafrock über und muss mit der üblichen Bäckernachthaube und Sauerstoffmaske vor dem Mund sein ganz besonderes Testament diktieren. Ein sympathischer Gauner auf alle Fälle.

Das Applaus heischende Bühnenbild von Allens langjährigem Ausstatter Santo Loquasto zeigt auf zwei Ebenen in weiß, viel grau und schwarz den üblichen altvaterischen Raum mit einem großen Bett in der Mitte, umgeben von gar düsterem Mobiliar, Nippes und Ramsch aller Art. Eine  Stahlwendeltreppe führt auf ein von Wäscheleinen samt trocknender Last gesäumtes Dach mit Blick auf den Florentiner Dom als Filmreminiszenz sozusagen.

Allens Gianni Schicchi eröffnet ein Filmvorspann in Schwarzweiß. An Buoso Donatis Totenbett hat sich die übliche fiese Trauer vorgebende Familie versammelt. Man ist an den Satz Heimito von Doderers erinnert: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“ Das statt Spinnweben vor schlabberigen Nudeln pickende Testament will, dass alles Hab und Gut an das Kloster gehen. Zita, von Meredith Arwady als dicke Vollblutmama prächtigst gesungen, ist das matriarchalische Epizentrum der Truppe und wird am Ende, nach Schicchis Selbstbeerbung, der nadelstreifigen Anmaßung mit einem großen Küchenmesser ein Ende bereiten. Rache ist süß. Ihrem Neffen Rinuccio (Arturo Chacón- Cruz mit verlässlichem, etwas angestrengt klingendem Tenor) ist jedenfalls seine Lauretta sicher. Andriana Chuchman in dieser Rolle ist die einzige, die stimmlich eine Weltformatleistung erbringt, gar prächtig blühen die Höhen über schönsten Legatobögen auf. 

Das übrige Ensemble ist spielfreudig und folgt den vielen durchdachten Regieanweisungen aufs Wort (hervorzuheben sind Greg Fedderly als Gherardo,Stacey Tappan als Nella, Craig Colclough als Simone, Philipp Cokorinos als Betto di Signa und Liam Bonner als Marco) . Durchchoreographiert und mit vielen Gags und Stereotypen  handeln sich die Donatis durch die Geschichte. Rein vokal ist alles guter Durchschnitt, nicht mehr. Die jüngste Aufführungsserie an der Komischen Oper in Berlin hat mit einer weitaus beachtlicheren Ensembleleistung  aufwarten können. 

Grant Gershon am Pult des LA Opera Orchestra dirigiert teils mit dem nötigen Tempo, teils seltsam gedehnt. Italianità wird man vergebens suchen, manches klingt eher eckig als geschmeidig und fließend.

Freilich kann man mit dem Mitschnitt seine Freude haben und die musikalische Komödie genießen, ohne sich allzu viele Gedanken zu machen. Die Sichtweise Woody Allens und seines Teams lugt ja eher nach Little Italy in Manhatten als nach Florenz. Dieser Blickwinkel ist es auch, der trotz präziser Personenregie die Aufführung von einer x-beliebigen Stadttheaterinszenierung irgendwo in deutschen Landen unterscheidet.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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