Der Neue Merker

Georg Markus: FUNDSTÜCKE

BuchCover Markus  Fundstücke

Georg Markus:
FUNDSTÜCKE
Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte
280 Seiten, Amalthea Verlag 2017

Historiker öffnen ihre Schränke und Laden. Eben erst durfte man – in einer Ausstellung der Wien Bibliothek und in einem Amalthea-Buch (Bücher halten länger als Ausstellungen) – in den Nachlass von Brigitte Hamann blicken. Nun sucht auch Georg Markus, der seine Leser bereits seit Jahrzehnten mit Geschichten aus der Geschichte versorgt (mit Schwerpunkt Österreich), seine „Fundstücke“ hervor. „Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte“ sind, mehr denn je, nicht nur mit Fotos, sondern mit Dokumenten bestückt. Und schaffen es, auch wieder Neues zu erzählen.

Markus hat als „Rechercheur“ den wohl größten Medien-Ruhm geerntet, als er die widerrechtliche Exhumierung Mary Vetseras durch einen irrgeleiteten „Fan“ dokumentierte. Hier nun sind es vor allem Tagebücher, Briefe und andere Schriftstücke, die ihm teils zugetragen werden, die er teils findet, alle für eine Geschichte gut.

Und jedenfalls beinhalten seine Fundstücke ein mehr als grusliges Detail – es geht um den Kopf jenes Luigi Lucheni, der 1898 in Genf Kaiserin Elisabeth ermordet und über diese Tat stets nur triumphiert hat. Zu lebenslänglicher Kerkerstrafe verurteilt, erhängte er sich 1910 in seiner Zelle in Genf. Weil er offenbar ein „interessanter Fall“ war, an dem sich Wissenschaftler noch versuchen wollten, wurde sein Kopf in eines der typischen Formaldehyd-Gefäße gesteckt und blieb dort bis 1985 an der Universität Genf. Dann erst wird es interessant – da beanspruchten die Österreicher nämlich den Schädel als für die österreichische Geschichte interessant, die Schweizer lieferten ihn (sicherlich achselzuckend) aus, und in Wien wusste man nichts Besseres damit, als ihn 2000 ins Krematorium des Zentralfriedhofs zu schaffen. Immerhin – Georg Markus zeigt in seinem Buch das grausige Foto, das ein findiger Fotograf mehr zufällig als absichtlich noch schoß, bevor Luchenis Kopf in Asche aufging …

Die Habsburger spielen, wie meist bei Markus, eine große Rolle. Das Tagebuch des Erziehers Johann Graf Coronini-Cronberg erzählt von dem jungen Erzherzog Franz Joseph, der gar nicht so „brav“ war, das Tagebuch des Adjutanten, Oberstleutnant Adalbert von Spanyi, ist hautnah an den letzten Tagen des Kaisers (kein Wort davon, dass sich unter den „vielen Herrschaften“ am Totenbett auch die Schratt befunden haben soll, wie man oft gelesen hat). Über Charlotte von Mexiko und Maria Theresias Witwenschaft wusste man Bescheid, auch über Alban Bergs Gattin als Franz Josephs Tochter (sie sah ihm so ähnlich! erinnert sich Lotte Tobisch) , wie viel Klatsch es rund um die Ehe von Conrad von Hötzendorf gab, ist weniger Allgemeinwissen (weil er ja als Kriegsherr und nicht als Liebhaber bekannt ist).

Ob Goethes offenbar reizende Enkelin, die in Wien starb, ob die Liebesgeschichten der Anna Sacher, ob (das ist, wie Markus zugibt, eine höchst vage Geschichte) das kaum zu belegende Gerücht, Beethoven sei der Sohn des Preußenkönigs gewesen (der schließlich auch musikalisch war…), ob, nochmals Beethoven, der „Beweis“, dass Josephine Brunsvik wahrlich die unsterbliche Geliebte war (und eine Tochter von ihm hatte)… die Geschichten leben von ihren prominenten Protagonisten.

Neu und nicht aufregend ist das späte Auftauchen des Horvath-Stücks „Niemand“ (die Josefstadt hat es gespielt, wer es gesehen hat, weiß, dass es kaum ein Jahrhundert-Fund war), neu und interessant, wenn die Schauspielerin Sylvia Eisenberger erzählen kann, dass ihre Großmutter ein Modell von Franz von Stuck war – viele Bilder dieser schönen Frau existieren. Dass Richard Wagner in einem Brief an die Mutter einer Angebeteten erwägt, was wohl wäre, wenn seine Gattin Minna stürbe, muss als krude-originell erachtet werden.

Und immerhin kann man über zwei Seiten die Skizzen betrachten, die Simon Wiesenthal im KZ Mauthausen für ein Kaffeehaus in Posen zeichnete – den Tod vor Augen, aktiv gegen ihn ankämpfend. Wenn das kein Fundstück ist!

Renate Wagner 

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