Der Neue Merker

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: ARMINIO mit Max Emanuel Cencic

0028947887645 GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: ARMINIO – Gesamtaufnahme mit Max Emanuel Cencic – DECCA 2 CDs

Barocke Opera seria Raritäten stehen und fallen mit der Qualität und den „Hitzegraden“ der Interpretation. Das zeigt anschaulich ein direkter Vergleich der nunmehr zwei verfügbaren Gesamtaufnahmen dieser so selten gespielten Händel-Oper. Die bereits 15 Jahre alte Ersteinspielung unter Alan Curtis und dem Ensemble Il Complesso Barocco und einem sehr achtbaren Ensemble an erfahrenen Sängerinnen und Sängern ist der Neuaufnahme mit der Armonia Atenea unter George Petrou eben an Graden der Leidenschaftlichkeit und des packenden Zugriffs um Meilen unterlegen. 

George Petrou als aktuell wohl profiliertester und spannendster Dirigent für dieses spezielle Repertoire und sein griechisches Orchester mit Originalklanginstrumenten bilden den gloriosen Rahmen für ein Revival einer Oper, die nicht mit einem tollen psychologisch schlüssigen Libretto, aber dafür und zunehmend je länger das Werk dauert, mit herrlicher Musik aufwarten kann. Man höre sich nur die Ouvertüre an und ist sogleich mit dem voller Energie und innerer Aufregung vorgetragenen Allegro mitten in der auch musikalisch so imaginativen wie bunten Welt des 18. Jahrhunderts.

Die Geschichte von Arminio beruht auf der berühmten Niederlage dreier römischer Legionen unter ihrem Heerführer Publius Quintilius Varus in der Schlacht vom Teutoburger Wald im Jahre 9, zugefügt vom „Barbaren-Prinzen“ Hermann (Arminius), der eine Allianz aus sieben germanischen Stämmen anführte. Diese Katastrophe, die in römischen Quellen „Clades Variana“ (das Varian-Disaster) genannt wird, beendete endgültig jeden Traum von der Eroberung großer Gebiete jenseits des Rheins. Es ist typisch für die Haltung der Librettisten der opera seria gegenüber der Geschichte, dass diese Ereignisse, sowie Varus anschließender Tod, in nur wenigen Zeilen Rezitativs am Ende der Oper erwähnt werden. Stattdessen webt der Author des Librettos, Antonio Salvi, um den Namen des Protagonisten eine konfliktbeladene Handlung voller Liebe und Eifersucht, Plichterfüllung und Verrat sowie versuchten Selbstmords, in der Arminio ein leidgeprüfter Held ist, der von den Römern, deren Anführer Varus es nach seiner Frau gelüstet, geschlagen und festgenommen wird. 

Der Titelheld wird vom stimmlich wohl interessantesten Countertenor der Gegenwart, Max Emanuel Cencic gesungen. In fünf Arien (man höre vor allem das stimmungsvolle „Vado a morir, vi lascio la pace ch’ho nel cor“ und die virtuose Arie „Fatto scorta al sentier“) und zwei Duetten stellt er wieder einmal unter Beweis, wie sehr affektgeladener Gesang aufbauend auf einer stupenden Technik und eine ausgefeilte Interpretation mit allen menschlichen Erfahrungen gewaschen uns heute noch faszinieren und unmittelbar berühren können. Die Lebendigkeit und wohl auch die Modernität barocker Vokalmusik liegt eben darin, dass die in den Arien in Melodien gegossenen Emotionen auch für den heutigen Hörer klar verständlich sind. Ob Wut, Trauer, Kampfeslust, Liebe, Enttäuschung, Verzweiflung, all das kann Cencic mit samtener Stimme, in der auch ein Tiger mit Krallen lauert, nuancenreich, wohlklingend und dramatisch vermitteln. Cencic ist ein großer Stilist, der alles gibt und sich nicht schont. Im Gegensatz zur brillanteren Rolle des Alessandro passt er auch den Klang an die etwas schwermütigere Grundierung im Arminio an. Mit vielfältigen Valeurs und Abschattierungen ersingt er sich eine neue Rolle, die man szenisch in diesem Frühjahr auch in Karlsruhe bewundern konnte. Die beste sangliche Leistung nach Cencic liefert Vince Yi in der Rolle des Sigismondo. Das sopranartige Timbre ist zwar nicht jedermanns Sache, mir gefällt diese etwas „keusch“ klingende Countertenorstimme mit wohl einzigartigem Stimmumfang sehr gut. Mit fünf Arien fällt Yi mit ein guter Teil der schönsten Musik in Arminio zu. Seine auch für Counters exotische vibratoarme Stimme fließt ruhig in allen Lagen, ist äußerst beweglich und hat das gewisse Etwas, das unwillkürlich aufhorchen lässt. Eine großartige memorable Leistung des jungen Sängers! Layla Claire als Tusnelda kann ebenso als Entdeckung gelten. Mit agilem ausdrucksfähigem Sopran meistert sie alle Klippen der Partitur. Ihren Namen wird man sich wohl merken müssen, alle Anlagen für ein höchstpersönliches Timbre verbunden mit Glanz und Brillanz sind jedenfalls jetzt schon da. Jetzt gilt es, darauf aufzubauen. 

In den Rollen der Ramise und des Tullio begegnen wir zwei altbekannten Gefährten auf der faszinierenden Opernentdeckungsreise des Produzenten Max Emanuel Cencic, nämlich Ruxandra Donose und Xavier Sabata. Mit schöner Stimme, wenngleich etwas verhaltener im Ausdruck, bieten beide gediegenes Barocktheater, intensiv und hochmusikalisch, mit dynamischen Grenzen bei Sabata bzw. Abstrichen in den tieferen Registern bei Donose. Als Segeste, Fürst der Chatten, reüssiert Petros MagoulasJuan Sancho darf als General Varo stimmlich monochrom Autorität zeigen.

Wer Arminio auf der Bühne sehen will, und zwar noch dazu in der Regie des Max Emanuel Cencic, wird in Wien bald dazu Gelegenheit haben.

Nächste Termine:

  1. April 2016: Theater an der Wien, Wien 
  2. Februar 2017: Badisches Staatstheater, Karlsruhe 
  3. Februar 2017: Badisches Staatstheater, Karlsruhe 
  4. März 2017: Badisches Staatstheater, Karlsruhe 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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