Der Neue Merker

Georg Friedrich Händel: ADMETO – Festspiele Göttingen 2009

Admeto kl Georg Friedrich Händel: ADMETO – Festspiele Göttingen 2009 / Doris Dörre – Cmajor UNITEL CLASSICA Blu-ray (BD) – Barockoper in japanischem Outfit 

“Doris Dörre verwandelte in ihrer Göttinger Inszenierung von Admeto in Koproduktion mit dem Edinburgh International Festival das Drama um den thessalischen Herrscher Admetos, seine treue Gattin Alkestis und die verschmähte Verlobte Antigone in ein klassisches fernöstliches Schauspiel. Das Leben am barocken Fürstenhof mit seiner strengen Hierarchie und einem, alle Lebensbereiche umfassenden Protokoll hätte durchaus Parallelen zur Samurai-Gesellschaft, in der ein freier Ausdruck der Gefühle nicht erlaubt und das Leben durch starre traditionelle Regeln gegliedert war.“ So stellten sich das die Produzenten vor. Aber hält diese schöne These der Theaterrealität stand? In ihrer ersten Händel-Regie ließ es die asienaffine Filmerin Doris Dörre gar farbenreich krachen (wobei blau, grün, gelb und magenta dominieren). In schweren japanischen Prachtkostümen barocker Dimension, durchsichtigen Kulissen und Schattenspielen als weiteres visuelles Stilmittel (Bernd Lepel) findet eine in Tempo und Bewegung oftmals stark zur Musik kontrastierende Bühnenaktion ab.

Hilft das dem Verständnis des Stücks oder der Rezeption der Bühnenwerke Georg Friedrich Händels in zeitgenössischem Rahmen? Da muss erst einmal zwischen Kabuki-Theater, der Samurai-Kultur und dem Butoh-Tanz unterschieden werden. Stilelemente, die diese Inszenierung prägen und unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die strenge symbolhafte, hoch ästhetisierende Formensprache des Kabuki Theaters, auf der anderen der extrem körperliche, dämonisch-gespenstische Ausdruckstanz Butoh, der wesentlich jünger auch auf europäische/deutsche Traditionen zurückgeht. Hercules (William Berger) als ausgestopfter Samurai rettet sich mit guter Stimme vor der Lächerlichkeit des Kostüms.

Meinem Empfinden nach ist die Synthese aus barocker Musik mit ihrer typisch Händelschen Ausprägung von semiseria, melancholischen und eben auch stark ironisierenden Elementen mit den beschriebenen Ausdruckspektren der japanischen Kultur nicht zwingend kongruent und noch weniger als lustvoller praller Theaterabend erlebbar. Zu statisch laufen die Bilder ab, die starke Schminke hindert die tapferen Sängerinnen und Sänger, ihr volles Mimikprogramm in die Waagschaler der Affekte werfen zu können. Die Produktion erinnert in ihrer bisweilen geschmäcklerischen Hochglanzästhetik an die Arbeiten Robert Wilsons, dem es bisweilen eher um die schöne Optik als um eine assoziative Vertiefung der dramatischen Dimensionen des Gesangs zu gehen schien. Das Konzept, Opernprotagonisten Tänzer, Pantomimen oder Akrobaten zur Darstellung des Unterbewussten kommentierend zur Seite zu stellen, funktioniert hier ebenso wenig wie in der Leipziger Ring-Produktion von Rosamund Gilmore. Da mag das zehnköpfige japanische Mamu Dance Theatre unter der Leitung vonTadashi Endo per se noch so gut sein. „In all unseren Bewegungen wird die Verbindung zu unseren Vorfahren sichtbar, denn die Toten träumen von uns.“

Die visuellen Eindrücke folgen mit Anleihen aus dem Kino Kurosawas also einem eigenen ästhetischen Konzept, das über Dramaturgie und die Schlüssigkeit bzw. Erhellung der Handlung obsiegt. Dabei ist die Handlung von Admeto eine dieser abstrusen barocken Opernmonstren, die durchaus eines roten erzählerischen Fadens bedürften. Admeto ist eine wilde Melange aus Tod, Opfer und Wiederkehr aus der Unterwelt, Eifersucht, Schwanken des Titelhelden Admeto zwischen seiner Frau Alceste und seiner Exgeliebten Antigona, die schließlich Trasimede nimmt und eine schräge Rolle für Herkules. Aus diesem alchimistischen Opernsud hat Händel aber – wie so oft – allerschönste Musik gefiltert.

Die in dieser Aufführung auch ganz gut zu ihrem Recht kommt. Der Star der Aufführung ist die Händel-Diva Kirsten Blaise als Antigona. Einzigartig, wie sie Gesangstechnik, Ausdruck, Stimmfarben und Virtuosität in den Dienst einer Rolle stellt. Mit einem weniger individuellen Timbre gesegnet, reüssiert auchMarie Arnet als Gegenspielerin Alceste in den Arien und Rezitativen. Da perlen die Koloraturen und Fiorituren, lang gesponnene Legati zeugen von den dunkleren Seelenregungen. Der Counter Tim Mead, stimmlich vom Trasimede zum Helden Admeto gereift, gibt eine ordentliche Performance, ohne den Intensitätsgrad der beiden vorgenannten Sängerinnen erreichen zu können. Enttäuschend David Bates als Trasimede, der mit der Intonation kämpft als auch als für die technischen Anforderungen der Partie nicht mit der nötigen stimmlichen Leichtigkeit und Flexibilität aufwarten kann. Korrekt gestalten Andrew Radley die Rolle des Höflings Orindo und Wolf Matthias Friedrich diejenige des Ratgebers von Antigona, Meraspe. Der überaus liebenswürdige MaestroNicholas McGegan animiert das Festspielorchester Göttingen zu jener puren Klangschönheit, die gut zur Szene passt. Ein wenig mehr „Drive“, Tempo und Schwung hätten allerdings auch der musikalischen Leitung gut getan.

Die Kameraführung verstärkt die Statik noch, auch die träge Schnitttechnik haucht den Tableaus keine höhere Spannung ein. Ein origineller Ansatz allein ist kein Garant für eine kurzweilige tolle Opernaufführung. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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