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GENF: TRILOGIE DES FIGARO – 21.09.2017 Le Nozze di Figaro / 22.09.2017 Figaro Gets a Divorce / 24.09.2017 Il Barbiere di Siviglia

Oper Genf; Die Trilogie des Figaros

21.09.2017 Le Nozze di Figaro / 22.09.2017 Figaro Gets a Divorce / 24.09.2017 Il Barbiere di Siviglia

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Das Opernhaus Genf präsentiert gleichzeitig drei Figaro Opern in Koproduktion mit der Welsh National Opera, darunter eine Neuaufführung „Figaro gets a Divorce“ welche von Elena Langer im Jahr 2016 komponiert wurde. Das Werk wurde vom Direktor der Walisischen Oper David Poutney in Auftrag gegeben, er selber hat das Libretto geschrieben und war für die Regie verantwortlich. Das Ganze wurde in einer Serienfolge gezeigt.

Einheitliche Inszenierungen und nachvollziehbare Handlungen

Für alle drei Werke wurden durchwegs chronologische Bühnenbilder von Ralph Koltai kreiert und den Zeiten entsprechende Kostüme von Sue Blane entworfen. Die Welsh National Opera, die ihre Produktionen jeweils an diversen Spielstätten vorführt, ist auf zweckmässig einsetzbare Kulissen, flexible Bilder und gefällige Kostüme angewiesen. Ein ausgezeichneter Bühnenbildner wie Ralph Koltai kann auch unter diesen erschwerten Bedingungen hervorragendes schaffen. Die Bühnenbilder sind leicht, formschön und schlüssig, fügen sich hervorragend in die jeweilige Oper ein.

Im Grundsatz bestehen die Szenen aller drei Opern aus wenigen Wänden die subtil und unscheinbar von Hand gedreht werden und somit unterschiedlichste Raumkonfigurationen schaffen. Ganz nach dem Motto, weniger ist mehr.

„Figaro gets a Divorce“ die Geschichte nach der Revolution

Es ist sicher nicht ganz einfach nach den beiden sehr berühmten und beliebten Werken eine Neukomposition zu schaffen und die Nachfolge von Mozart und Rossini anzutreten. Poutney und Langer gehen diese Herausforderung an und folgen der Geschichte von Beaumarchais nur teilweise, indem sie sich von anderen Quellen inspirieren lassen, hauptsächlich von der 1936 von Ödon von Horvath komponierten Version und auf die eigene Vorstellungskraft. Sie schaffen eine surrealistische Farce, in der weder die Musik noch die Inszenierung amüsant und zum Lachen bestimmt ist. Die Personen der vorhergehenden Werke finden wir in einer machiavellistischen machtbeherrschenden Umwelt wieder, eine Gesellschaft die sich dem Ende entgegen neigt.

Das Opernwerk Horvaths, welche die Handlung in die geographische Zeit der 30iger Jahre versetz, ist eine Anknüpfung an das das Werk von Beaumarchais, welche seine Protagonisten an der Pforte der französischen Revolution stehen lässt. Er verlegt den Conte und die Contessa Almaviva, ihre Bedienstete Figaro und seine Frau Susanna, ins damalige chaotische Europa.  Nahezu alles hat sich verändert. Aus dem gräflichen Schürzenjäger Almaviva ist ein alter Emigrant geworden, aus dem liebeskranken Pagen Cherubin ein saturierter Nachtclub-Chef und aus der kapriziösen Kammerzofe Susanne ein unzufriedenes Eheweib.

Poutney entwickelt die Geschichte weiter und macht aus dem Conte und Contessa di Almaviva ein alt gewordenes, in Melancholie versunkendes Paar, Susanna trennt sich von Figaro und wendet sich Cherubino zu und mit Serafin und Angelika entsteht ein neues Paar. Figaro versucht die Intrigen des korrupten Major in Schach zu halten und stirbt am Ende.

Inhalt: Figaro lässt sich scheiden

Die Revolution zwingt das Grafenpaar zu fliehen in ein nicht näher bezeichnetes Land und Zeit. Sie werden an der Grenze vom Major gefangen genommen der sie unter seine Macht bringt, er informiert Angelika und Serafin, dass sie in Tatsache Bruder und Schwester sind. Angelika ist die uneheliche Tochter des Grafen aus einer Affäre mit Barbarina. Serafin das Kind einer Liaison zwischen der Gräfin und Cherub (Cherubino). Susanna begegnet Cherub, der als Transvestit einen eigenen Nachtclub ‚The Cherub‘ führt und sie als Tänzerin engagiert. Die Gräfin weigert sich weiterhin vom mafiösen Major erpresst zu werden und gesteht Serafins Abstammung dem Grafen. Auch Susanna gesteht, dass sie von Cherub schwanger ist. Figaro hilft der Familie zu fliehen zurück in die Burg, dabei wird Cherub erschossen.

Der Major der in Wahrheit ein Doppelagent ist und für die Revolution arbeitet, versucht die Geflohenen in der Burg gefangen zu nehmen und sie für den Mord an Cherub schuldig zu machen. Doch Figaro, Susanna, Angelika und Serafin entkommen durch einen geheimen Ausgang, zurück bleiben nur noch der Graf und die Gräfin.

 

Musikalisch durchwegs stimmig und ausgeprägt spielfreudig

Die Sängerbesetzung des Figaro gets a Divorce wurde vollständig von der Welsh National Opera übernommen. Die Darsteller sind hervorragende Schauspieler und bieten ein spannendes Regietheater. David Stout präsentiert einen präzisen und intensiven Figaro, Marie Arnet eine agile und temperamentvolle Susanna, Mark Stone ein charaktervoller Count, Ellie Dehn eine souveräne Countess. Die neuen Rollen Rhian Lois als Angelika und Naomi Louisa O’Connell als Serafin fügen sich harmonisch in das Ensemble ein. Andrew Watts als Cherub und Alan Oke als Major sind gesanglich wie darstellerisch charaktervolle Darsteller.

Das Orchester der Basel Sinfonietta wird hervorragend geführt von Justin Brown, welcher diese neue Musik, die mit viel Perkussion, sonoren und melodischen Cellos und mit viel Bass geschrieben wurde, glanzvoll wiedergibt und sich durchaus hören lässt.

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„Il Barbiere di Siviglia““. Copyright: Magali Dougados

Bogdan Mihai als Graf Almaviva in Il Barbiere di Siviglia schlüpft gekonnt in seine vielen Rollen, vom verträumten Serenaden-Sänger über den Schweizergardisten hin zu einer karikaturesken Kopie des kauzigen Hundebesitzer Basilio. Trotz der angenehm gefärbten Stimme, fehlt ihm der Glanz eines höhensicheren Koloraturtenors mit allzu kleiner Stimme. Bruno der Simone zeichnet ein routiniertes und überzeugendes Porträt des Antiquars Bartolo. Lena Belkina ist eine eher zurückhaltend agierende Rosina die über eine eher dramatische Stimme verfügt und wenige durch Koloratursicherheit überzeugt. Bruno Taddia begeistert als wendiger, affektierter Frisör Figaro. Marco Spotti singt einen stimmgewandten Basilio. Mary Feminear ersingt sich mit der Berta-Arie einen verdienten Applaus und Rodrigo Garcia vervollständigt gekonnt das Ensemble. Jonathan Nott leitet das Orchestre de la Suisse Romande mit viel Intensität, Genauigkeit und Verve und ist für das Ensemble und den hervorragenden Chor ein detailgetreuer Begleiter.

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„Le nozze di Figaro“. Copyright: Magali Dougados

Guido Lonconsolo in Le Nozze di Figaro interpretiert die Partie des Figaros mit stimmlich jugendlicher Frische und mit satten Tönen. Regula Mühlemann singt die Susanna mit einem wunderbaren, stimmsicheren und beweglichen Sopran, voller sprudelnder Freude. Nicole Cabell ist eine herrliche Gräfin mit beseeltem, ausdrucksvollem Sopran der schön aufblühen kann und bei „Dove sono“ sehr gefällt. Ildebrando d’Arcangelo hat als Graf alles was man sich wünscht, einen hochkultivierten und rundklingenden Bariton mit feinen Zwischentönen und schauspielerisch überzeugender Darstellungskraft.

Als Cherubino kann Avery Amereau die Leidenschaftlichkeit und die Schrecken der Pubertät mit sinnlich klingendem und leichtem Sopran überzeugend in Klang umsetzen. Mit markantem Bass singt Balint Szabo den Bartolo. Monica Bacelli ist eine klangvolle Marcellina voller Spielfreude und Leidenschaft. Seraina Perrenoud eine entzückende Barbarina.

Mark Letonja führt das Orchestre de la Suisse Romande solide durch den Abend. Dank ihm herrschen wohltuende Frische der Gestaltung, klare Artikulation und ein erfreulicher Reichtum an Klangfarben. Die erste Regiearbeit des Intendanten Tobias Richter am Grand Théâtre de Genève ist solide und gefällig.

Marcel Paolino

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