Der Neue Merker

GENF / Opéra des Nations. WOZZECK . Neuinszenierung

Wozzeck von Alban Berg an der Opéra des Nations in Genf; zweite Vorstellung nach der Premiere, 4. März 2017.

Der Soldat Franz Woyzeck lebt am untersten Ende der sozialen Hierarchie; nur seine Geliebte Marie und sein Kind sind ihm Halt. Aber er wird von seinen Vorgesetzten als Versuchsobjekt für medizinische Experimente missbraucht, seine Geliebte wird von einem Tambourmajor verführt, und er wird so gedemütigt, dass er seine Geliebte Marie ermordet.

Wozzeck
Copyright: Grand Theatre de Geneve

So wie es David McVicar richtig sagt im Interview zur Aufführung (dieser Wozzeck ist eine Reprise der Lyric Opera of Chicago), man kann Alban Bergs Musik nicht hören ohne den Eindruck zu bekommen, sie habe nichts mit dem ersten Weltkrieg zu tun. Geboren ist dieses Werk sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg und gerade hier ist die Entstehung der Geschichte und der Musik zu finden. Die Armut nach dem Krieg, diese Verrücktheit einen Krieg überlebt zu haben der so viele zivile Opfer zu beklagen hatte, lies manchen auch Jahre nach diesem brutalen Krieg nicht kalt. Im Gegenteil, die Verarbeitung war schwierig und die Sinnfrage omnipräsent. Kein Wunder drehten die Menschen lange später noch durch, massakrierten und mordeten weiter.

Die Aufführung ist hervorragend gut inszeniert, in einem matt blassen Nachkriegsambiente gehalten, mit bescheidenen aber schönen Kostümen entworfen und in einer Regie die eine schlüssige Abfolge hat. Also nicht nur eine fragmentarische Darstellung, sondern eine ganzheitliche in sich geschlossene Geschichte bildet. Die Regie (nachbearbeitet von Daniel Ellis) und die Bühnenbilder (Vicki Mortimer) berühren und deuten eine zärtlich reduzierende Bildabfolge an die ausserordentlich gelungen ist, wie man sie nur selten sehen kann für ein Werk, welches eher bekannt ist für seine Gefühlskälte und Unnahbarkeit.

Unter den Sängern überzeugte Mark Stone in der Titelrolle mit seinem ganz und gar untypischen, nämlich erstaunlich bürgerlichen Wozzeck. Jennifer Larmore war eine lebensgierige, durchaus berührende Marie, Stephan Rügamer ein stolzierender Hauptmann mit Macho-Fantasien und einer guten Präsenz. Das Ensemble wurde hervorragend ergänzt mit Charles Workman als Tambourmajor, Tansel Akzeybek als Andres, Tom Fox als Doktor und als Margret Dana Beth Miller.

Unter der profunden Leitung von Stefan Blunier, gelang dem Orchestre de la Suisse Romande so ziemlich alles, was diese immens schwierige Partitur verlangte. Die symbolischen Schichten der Musik erklangen mit bestechenden Detailkonturen und erfüllten in jedem Augenblick die Grundbedingungen von Bergs Musik. Das Gleichgewicht zwischen Konstruktion und Expression, nicht nur den Klang an sich zu gestalten, sondern ihn aus den Zusammenhängen werden zu lassen. So entstanden schöne Crescendi und Orchesterfarben von idealer Schärfe.

 

 

Diese Seite drucken