Der Neue Merker

GENÈVE/ Grand Théâtre: EUGEN ONEGIN. Premiere

Eugen Onegin, Piotr Ilitch Tchaikovski, Premiere vom 9.10.2014 am Grand Théâtre de Genève

02_EugeneOnegin_Credit_CaroleParodi
Die beiden Paare. Foto: Carole Parodi

Tchaikovski hatte ganz klare Anforderungen an sein Werk und er schrieb folgendes seinem Freund und Cellisten Karl Albrecht am Konservatorium.

Hier was es braucht für Eugen! Erstens; Sänger mittlerer Kraft, aber die gut vorbereitet sind und von sich selbst überzeugt. Zweitens: Sänger die einfach alles spielen können und vor allem gut spielen. Drittens; Ich brauche eine Inszenierung ohne Luxus, die aber rigoros der Epoche entspricht. Die Kostüme müssen obligatorisch der Epoche entsprechen in der das Werk spielt, nämlich 1820. Viertens; der Chor darf keine Truppe Schafe sein, wie bei  einer imperialistischen Aufführung sondern müssen Menschen sein, die sich beteiligen an der Handlung der Oper. Fünftens; der Kapellmeister darf keine Maschine sein, auch kein Musiker à la Eduard Napravnik. Für nichts auf der Welt gäbe ich die Führung des Werkes an St. Petersburg oder Moskau. Sollte ich Eugen nicht am Konservatorium aufführen können, so wird man es nirgendswo spielen.

 Robert Carsen (Regie), Paula Suozzi (Inszenierung) und Michael Levine (Kostüme) hatten sich ganz den Vorgaben Tchaikovskis angelehnt und die Aufführung wunschgemäss umgesetzt.  Die Kostüme aus der Zeit sind üppig schön ausgefallen; Reifröcke, Hüte, Gamaschen, vornehme Anzüge und blumige Bauerntrachten dominierten die leere Bühne. Die Inszenierung bestand aus Wänden und viel Licht und Farbe, es gab keine Bauten auf der Bühne. Der erste Akt und Landsitz der Witwe Larina bestand aus einem üppigen Blätterboden, fünf Baumstämme, einem Tisch und Stühle. Die weiteren Akte ebenso: Blätter und Stühle zierten die karge Bühne immer wieder. Und doch versprühte diese Leere viel Charme, denn die Charaktere der einzelnen Schauspielsänger kamen voll zur Geltung, der Zuschauer konzentrierte sich absolut auf die Personen. Die Farben waren stimmungsvoll und akzentuierten das Geschehen. Das Duell fand in einem nebelbeladenen in blau gehaltenem Bild statt, wo man lediglich die schwarzen Konturen der Darsteller erkannte und damit eine besondere Spannung erzeugte die sehr gefiel.

Der Chor unter der profunden Leitung von Alan Woodbridge war hervorragend gut vorbereitet, fügte sich glänzend in die Aufführung ein und bestach durch eine durchdachte Regieführung. Michail Jurowski führte das Orchestre de la Suisse Romande subtil und ohne aufbrausen durch den Premierenabend. Zuweilen schön zurückgenommen und fast kammermusikalisch fein. Der Klangkörper passte sich der isolierten Personenregie an. Gerade wegen der freien weiten Bühne und der punktiert akzentuierten Lichtregie von Jean Kalman auf die einzelnen Darsteller, bildeten Sänger und Orchester eine Symbiose, das zusammenschmelzen von Sänger und Musiker gelang dem Dirigenten hervorragend.

01_EugeneOnegin_Credit_CaroleParodi
Michael Nagy, Maija Kovalevska. Copyright: Carole Parodi

Die Besetzung der Sänger und Sängerinnen sucht seinesgleichen. Mit Doris Lamprecht war eine erfahrene Larina am Werk die ihre Rolle sehr solide und mit viel Verve interpretierte. Die Tatjana von Maija Kovalevska überzeugte durch ihre mädchenhafte, tief verliebte Ausstrahlung. Ihr gelang die Briefszene berührend umzusetzen und sie verfügt über eine gefällige Stimme mit einem weichen und durchdringenden Sopran. Sie hat alles um Zwiespalt der Gefühle, wie in der Grösse und im Stolz der verletzten Seele, glaubhaft zu machen. Eine Stimme von expansiver Kraft, schlank und flexibel geführt.

Irina Shishkova war ihre Schwester Olga und Stefania Toczyska ihre Njanja/Filippievna, und ein erfreuliches Wiedersehen bot Raul Gimenez der einen pointierten Monsieur Triquet von sich gab.

Edgaras Montvidas gab, nach dem mit famosem Griff gestalteten Eklat im Festsaal mit ergreifend konzentrierter Verinnerlichung im Monolog vor dem Duelltod, eine Verkörperung des Lenski die keine Wünsche offen liess. Er wartete mit schönen Piani in seiner Arie auf und versetzte sie mit emotionaler Tiefe. 

Ein weiterer Höhepunkt bildete die Titelfigur von Eugen Onegin (Michael Nagy). Seine Stimme klang satt und rund, elegant und geschmeidig und er vermochte die Farben die auf der reichen Palette dieser Partie bereitliegen vollkommen einzusetzen. Er hat den Atem für weite Legatobögen und intensivsten Töne.

Gremins Arie ist mehr als eine erhabene Episode, wenn sich Tatjana und Onegin zum letzten Stelldichein treffen, und der Tumult der Emotionen zwischen Resignation und Leidenschaft, Liebesgeständnis und Abschied ansteht. Sängerisch überaus bravourös gemeistert. Vitalij Kowaljow hat zwar darstellerische Entfaltungsmöglichkeiten war aber  dafür stimmlich hervorragend.

Das Publikum goutierte die gesamte Aufführung mit Ovationen und starkem Beifall.

Marcel Paolino

 

 

Diese Seite drucken