Der Neue Merker

Gedanken zur Bestellung des Staatsoperndirektors

I.
Treffen sich der Grün und der Blau. Sagt der Grün zum Blau: »Wie geht’s Dir?« Sagt der Blau: »Nu, es geht mir schlecht.« — »Wieso geht’s Dir schlecht? Was machste denn?« Sagt der Blau: »Nu, spiel’ ich Fagott…« Sagt der Grün: »No, ka Wunder. Nicht va Gott, va die Leit’ mußte spiel’n!«

II.
Wie so oft bringt der jiddische Witz die Angelegenheit auf den Punkt: Kritiker besuchen die Premièren und sitzen auf Freikarten. Das Publikum kommt an allen anderen Abenden, bezahlt für seine Karten und füllt das Haus. (Gleiches gilt übrigens für die Damen und Herren des MerkerOnline, die ihre Karten ebenfalls selbst bezahlen.) Trotzdem werden Stimmen laut, bei der Bestellung des künstlerischen Geschäftsführers der Wiener Staatsoper ab September 2020 die Meinungen des internationalen Feuilletons zu berücksichtigen.

III.
»Um das Haus am Ring ist unterdessen ein wahrer Richtungsstreit entbrannt«, erzählte Martin Traxl den Zusehern letzten Montag im ORF-Kulturjournal. »Soll die Staatsoper weiterhin eher eine Art Opernmuseum sein, in dem ein breites Repertoire an historischen Produktionen gepflegt wird, oder doch ein modernes Musiktheater mit zeitgemäßen Inszenierungen?«

Ach ja? Quellen oder weitere Informationen zum »wahren Richtungsstreit« bleibt der ORF-TV-Kulturchef leider schuldig. Ebenso eine Definition, was seiner Meinung nach »modernes Musiktheater mit zeitgemäßen Inszenierungen« sei. Zur Erinnerung: Martin Traxl ist jener ORF-TV-Kulturchef, welcher, glaubt man einem Kommentar Ioan Holenders, 2012 die Meinung vertrat, Liebesg’schichten und Heiratssachen sei ein Kulturbericht.

Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.

IV.
Die Bewerbungsfrist für die Position des künstlerischen Geschäftsführers der Wiener Staatsoper — Kurzbezeichnung: »Staatsoperndirektor« — lief am 9. Dezember ab, das Starterfeld ist mit 18 Bewerbungen überschaubar.

V.
Wilhelm Sinkovicz lieferte in der Tageszeitung »Die Presse« bereits vor Wochen in Zürich gesammelte Argumente gegen Andreas Homoki (bereits vorsorglich für den Fall, dieser habe sich beworben). Die Reise hätte sich Sinkovicz sparen können. Ein Besuch des als Koproduktion für Zürich und Wien geschaffenen Lohengrin hätte es auch getan. Denn: Beherrscht ein Spielleiter und Intendant, der eine Bühne dermaßen gestaltet/gestalten läßt, daß dem Publikum nach dreißig Minuten ob der herrschenden Lautstärke die Ohren schmerzen, sein Handwerk in jenem Maß, um ihn für die zu besetzende Position ernsthaft in Erwägung zu ziehen?

VI.
Ähnlich hart ging Sinkovicz auch anläßlich der Macbeth-Première mit Roland Geyer, dem Intendanten des Theaters an der Wien, ins Gericht. Ihm, dem Dann-doch-nicht-Intendanten der Bregenzer Festspiele, werden gute Verbindungen zum Bundesminister nachgesagt, aus gemeinsamen »alten Tagen« bei den Vereinigten Bühnen Wien. 

Abgesehen davon, daß dies in einem Land von der Größe Österreichs unausweichlich scheint, wenn man sein Handwerk auch nur halbwegs versteht, wären doch andere Fragen zu stellen: Ist die Direktion eines Repertoire-Hauses mit jener eines Stagione-Betriebes vergleichbar? Gelten nicht — gerade im Hinblick auf die inszenatorischen Freiheiten — ganz andere Gesetze? Will allen Ernstes jemand Olivier Pys Sichtweise auf Der fliegende Holländer, Tatjana Gürbacas Hinrichtung des Strauss’schen Capriccio oder Torsten Fischers uneinheitliche, bruchstückhafte Version des Salieri’schen Falstaff die Berechtigung zuschreiben, in einem Repertoire-Haus auch noch in fünf, geschweige denn in zwanzig Jahren gezeigt zu werden?

VII.
Und gilt ähnliches nicht auch für Kasper Holten, der, darf man Geschrieb’nem trauen, im März 2017 dem Royal Opera House den Rücken kehren und von einigen ebenfalls als Kandidat für Wien gehandelt wird? Jener Intendant, der in seinem Beruf als Spielvogt 2014 in Wien an Idomeneo ebenso scheiterte wie eben erst in Helsinki mit einer, wie man im MerkerOnline lesen konnte, Wagners Werk völlig ignorierenden Deutung von Der fliegende Holländer?

VIII.
Wie ist das überhaupt mit jenen Intendanten, welche sich gleichzeitig als Spielvogte verwirklichen wollen? Ist die Position des künstlerischen Geschäftsführers an der Wiener Staatsoper eine Teilzeitstelle, welche Inszenierungen an diesem oder anderen Häusern erlaubt? Und: Ist es statthaft, für Spielleiter-Arbeiten am eigenen Haus zusätzlich Geld zu verlangen (bzw. zu gewähren)? Sollten nicht alle diese Dienste mit dem Geschäftsführergehalt abgedeckt sein?

IX.
Christoph Irrgeher, Sohn eines Vorstandsmitglieds im Verein Freunde der Wiener Staatsoper, nannte in einem Artikel in der »Wiener Zeitung« neben dem amtierenden Dominique Meyer Elisabeth Sobotka, Nikolaus Bachler, Christoph Lieben-Seutter, Serge Dorny und Peter de Caluwe als weitere Kandidaten. Das ist natürlich zu einem guten Teil name dropping, denn Lieben-Seutter wird wohl in den nächsten Jahren alles daransetzen, die Elb-Philharmonie als norddeutsches Konzertzentrum von Rang zu etablieren. Nachdem er so lange warten mußte, den neuen Bau endlich bespielen zu können.

Serge Dorny, Chef in Lyon, war Dresden nicht gut genug. Für Wien soll er es sein, wenn man andererseits Christian Thielemann als Dirigenten am Haus fordert? Soviel Wasser kann die Elbe gar nicht hinunterrinnen.

Elisabeth Sobotka wird von Irrgeher medial hingerichtet, wenn er schreibt: »Thomas Drozda gelingt damit ein Coup: Er geht als jener Pionierminister in die Geschichte ein, der erstmals eine Frau mit dem Posten betraut.« Sobotka sollte an ihren Leistungen gemessen werden. Und da werden sich die Wiener Opernfreunde gewiß auf mehr Repertoire-Inszenierungen à la Stefan Herheims Les contes d’Hoffmann freuen…

X.
Als weitere mögliche Kandidaten fallen einem gelernten Österreich noch andere Namen ein: Markus Hinterhäuser, Alexander Pereira und Franz Welser-Möst. Letzterer soll es sich, glaubt man Stimmen aus dem Haus, allerdings nläßlich der Don Carlo-Première nachhaltig mit dem Staatsopernorchester verscherzt haben. Seine Demission kurz nach dem Wechsel im Philharmoniker-Vorstand zu Andreas Großbauer könnte man auch unter diesen Vorzeichen lesen. 

Pereira wird nicht auf ewig in Mailand bleiben. Warum sollte es ihn nicht zurück nach Wien ziehen? Immerhin installierte er in Salzburg eine boutique fantasque, brachte den Salzburger Festspielen Sponsoren. Und in Pereiras Zeit als künstlerischer Leiter fiel ein Wiedererstarken der Klassikindustrie mit so vielen Übertragungen und Veröffentlichungen wie schon lange nicht mehr. In Zeiten magerer Geldbeutel können diese Fähigkeiten einen Minister schon becircen. 

XI.
Allen Genannten bis auf Meyer (und eventuell Bachler, der mit der Installation Igor Zelenskys in München einen Coup landete) ist gemeinsam, was in den Kommentaren zumeist untergeht: Sie sind nicht bekannt für international wahrgenommene Arbeit betreffend das Ballett — ebenfalls eine Ausschreibungsbedingung.

Gewiß, Wiener Opernfreunde murren öfter über Ballettabende. Freilich ohne diese besucht zu haben. Ihnen sei empfohlen, sich die eine oder andere Vorstellung des Wiener Staatsballetts anzusehen. Da wird an der so oft gerühmten Opéra de Paris schon lange nicht mehr besser getanzt, im Gegenteil. Den Wiener Ballettdirektor, Manuel Legris, darf man mit Fug und Recht als einen der derzeit besten Ballett-Chefs der Welt bezeichnen. Geht Meyer, geht Legris, soviel scheint festzustehen. Und egal, wohin dieser harte Arbeiter und frühere Ausnahmetänzer seine Schritte lenken wird, der Exodus beim Wiener Staatsballett wird für dieses und die seit Meyers und Legris’ Amtsantritt gewonnene Reputation lebensbedrohend sein. Will man das riskieren?

XII.
»Das ist im Augenblick das große Manko«, ließ der ORF auch Manuel Brug zu Wort kommen, »daß ich als auswärtiger Kritiker nie Lust hab’, zu einer Premiere nach Wien zu kommen, weil ich sagen muß: Entweder ich kenn’ die Besetzungen oder die Regisseure alle schon, sie interessieren mich nicht, oder die Stückwahl spricht mich nicht an.«

Treffender läßt sich die Hybris des Feuilletons nicht beschreiben. 

XIII.
Oper, das wird leider zu oft vergessen, ist eine musikalische Kunstform — keine theatralische. Wilhelm Sinkovicz: »Kein Mensch auf der Welt fährt zu irgendeiner Opernaufführung, weil Herr X oder Frau Y das inszeniert hat.«

XIV.
Was in all den Kommentaren und Wortmeldungen nicht vorkommt, ist die — vielleicht alles entscheidende — Frage: Was benötigt die Wiener Staatsoper?

Sind es neue Werke, welche nur durch Abende im Abonnement halbwegs gefüllt werden können? Sind es jene Spielvogte, welche, en vogue, schon mal einen anderen Schluß durchsetzen, nur um ihre Inszenierungsidee zu retten?

Oder sind es nicht in erster Linie ausgezeichnete Operndirigenten, welche nach dem erfolgten Generationenwechsel im Staatsopernorchester und dem weltweiten Wegbrechen der zweiten Sängergarnitur (unter anderem Dank Silvio Berlusconis Kulturpolitik in Italien) die verfügbaren Kräfte dazu anzuspornen vermögen, ohne Überschreitung ihrer Fachgrenzen Abend für Abend über sich hinauszuwachsen?

Ob sich Minister Drozda, die Bundestheater-Holding und das engagierte Personalberatungsunternehmen für den letzten Punkt interessieren?

Thomas Prochazka
MerkerOnline
11. Dezember 2016

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