Der Neue Merker

Fröhlich gekitzelte Eitelkeit?

Ein Anruf

Es gibt YouTube, vielen Dank, man konnte die Pressekonferenz sehen, in der Kulturminister Thomas Drozda den Nachfolger von Dominique Meyer präsentierte. Und da wurde es klar – da Bogdan Roščić offensichtlich nicht lügen wollte, sagte er es: Er hat sich nicht von sich aus für die Position des Staatsopern-Direktors beworben. Er bekam »einen Anruf«, an den sich viele Gespräche anschlossen. Warum keiner der live anwesenden Journalisten-Kollegen da nachbohrte und fragte, wer ihn eigentlich angerufen und dann den Kontakt zum Minister hergestellt hat, ist mir unverständlich.

So bleibt die Frage offen, ob der Minister nicht selbst zum Hörer gegriffen hat. Wenn ja, wieso eigentlich? Er konnte immerhin aus einer Reihe kompetenter Operndirektoren wählen, die ihren Job nachweislich schon ausgeübt haben.

Kabarett

Gäbe es noch Kabarett der Qualtinger-Zeit, könnte eine Szene – von mir aus »in der Eden« – so aussehen:

Da hocken zwei nicht mehr ganz junge Männer in einer stillen Ecke.

Der Erste: Weißt was, wann i Minister werd’, und das werd’ ich, mach ich Dich zum Staatsoperndirektor.
Der Andere: Was? Wie soll das gehen?
Der Erste: Das geht. Ich schwör Dir, alle, die SPÖ-Kultursprecherin, der Wiens Kulturstadtrat, der Volksoperndirektor, wenn er weiß, was gut für ihn ist, werden sich begeistert äußern, dafür sorge ich schon. Magst?
Der Andere: Na, wenn Du meinst… das wär’ schon was.
Der Erste: Abgemacht. Ich muss nur schauen, dass ich keine Findungskommission einsetze, die könnten Anstoß nehmen – Du weißt schon, »Starmania« und so, das könnte denen sauer aufstoßen. Aber wenn ich allein entscheide… das geht schon. Das machen wir!

Das alles ist natürlich aus »künstlerischer Freiheit« heraus frei erdacht und phantasiert und hat keine Ähnlichkeit mit lebenden Personen und Ereignissen. Wie auch? War ja keiner von uns dabei, als der »Anruf« kam, von dem wir nicht wissen, wer ihn tätigte. Wir wollen doch nicht annehmen, dass die ganze angebliche Direktorensuche eine, wie man auf Wienerisch sagt, von Anfang an  »geschobene Partie« unter »Freunderln« war?

Eine Pressekonferenz

Nun, auch wir armen, unwichtigen, nicht eingeladenen Journalisten konnten anhand unserer Computer die Pressekonferenz betrachten. Roščić machte gute Figur, hat vor allem eine angenehm gepflegte Sprache. Und er schlug sich gut, wenn er auch nur sagte, was jeder andere in dieser Situation vermutlich auch gesagt hätte. Nun, wer immer mit der Sprache zu tun hat, weiß, dass sie keine leichte Beute ist. Roščić war nicht zu beneiden. Er spulte alle erwarteten Komplimente (und Phrasen) ab, wie auch anders.  Nur in einem Detail wich er vom üblichen Gelabere ab, indem er nicht das obligate Statement abgab: »Es ist mir ein ganz, ganz dringendes Bedürfnis, unbedingt neue Opern in Auftrag zu geben und auf die Bühne zu bringen.« Welch wunderbarer Ausrutscher – da wagt es jemand, von »Repertoireleichen« zu reden, falls ich es mir richtig gemerkt habe. Vielleicht ist Bogdan Roščić tatsächlich – anders?

Das Direktor-Spiel

Roščić, der die originelle Formulierung fand, er mache diesen Job »nicht aus fröhlich gekitzelter Eitelkeit«, rutschte natürlich auch aus. Seine Vergleiche mit Gustav Mahler zielen ins Leere, schon weil er selbst kein ausübender Künstler ist. Und weil Mahler, heute eine »Legende«,  sich in der Realität mit seinen Bemühungen ununterbrochen den Kopf blutig geschlagen und seine Gesundheit unterminiert hat (man braucht nur seine Briefe zu lesen). Das wünscht man keinem.

Und die kindliche Forderung, dass jeder Abend eine Sternstunde sein sollte, Du liebe Güte, wie naiv. Wie sagte doch Piero Rismondo vor hundert Jahren bei seinem Theaterkritik-Seminar auf die Frage, warum es so viele mittelmäßige und schlechte Aufführungen gäbe? »Man zahlt ja auch im Alltag nicht mit Goldmünzen.«

Aber es gehört zum Direktorspiel, den Mund weit aufzumachen. Und einen Großteil seiner Kräfte wird der künftige Direktor in der Abwehr von Intrigen und mit eigenen Gegen-Intrigen verschleißen. Andererseits ist Roščić durch eine gute Schule gegangen, er hat schon eine Schlangengrube hinter sich: den ORF. Viel schlimmer geht es nicht. In diesem Sinne: Dann mal los.

Renate Wagner

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