Der Neue Merker

FREIBURG: TANNHÄUSER. Premiere

Freiburg  „TANNHÄUSER“  Premiere 22. Februar 2014

Regie Eva-Maria Höckmayr

 Unbenannt

 © Maurice Korbel Anna Nechaeva (Projektion), Christian Voigt, Viktoria Mester

      

 Der letzte Akkord verklingt! Der Vorhang fällt! Stille! Auf der Vorbühne, einsam und verlassen Heinrich von Ofterdingen, besser bekannt als Tannhäuser! Tosender, lang anhaltender  Applaus für Christian Voigt, den Helden des Abends!

Vier Stunden vorher erscheint auf dieser Vorbühne Barbara Mundel, die Intendantin, begrüsst das zahlreich erschienene Publikum zur letzten Premiere im Haus vor dem Umbau der Technik und vermeldet, dass Christian Voigt, obgleich indisponiert, den Tannhäuser singen werde.

Indisponiert war leicht untertrieben. Neun von zehn Sängern hätten mit dieser Indisposition abgesagt. Der Kommentar Voigts nach der Vorstellung:“ Die Romerzählung ohne Stimme, das ist mal was ganz Neues.“ Ich habe schon einige Tannhäuser in meinem Leben gesehen und gehört. Noch nie, niemals war die Interpretation so berührend, die Zerrissenheit so schlüssig gespielt, wie es Christian Voigt (indisponiert) an dieser Premiere geschafft hat.

Es fuhr mir kalt den Rücken hinunter beim ‚ Schweig mir von Rom‘  ‚Schweig mir von ihm‘. Natürlich war es nicht mehr ein sauberer Gesang, aber eine emotionale Intensität, welche Ihresgleichen sucht, und dies bei jeder Szene, den ganzen Abend lang, wenn Voigt sang! Ich habe bis jetzt nur einen Tenor  gehört, der den Mut hatte, die Gesangsästhetik zugunsten der emotionalen Intensität aufzugeben: Leo Slezak in einer Aufnahme von 1928!

 Freiburg hat es wieder geschafft: Ein Werk von Richard Wagner zu inszenieren und dies, man ist es vom Theater Freiburg nach dem Ring, Lohengrin und Parsifal gewohnt, meisterinnenhaft inszeniert von Eva-Maria Höckmayr. Die klare Bildsprache überzeugt. Die Visualisierung des Vorspiels in einer Kirche durch einzelne Szenen, welche den musikalischen Motiven entsprechen, wo Tannhäuser und der Pabst die Romszene spielen, wo  Kirchgänger/Touristen/Nonnen beten, sich dann in die Bewohner des Venusbergs verwandeln. Auch die ruhige Personenführung überzeugt und vermeidet zu viel Aktivismus, der musikalische Geschehen stört. So von mir im Tannhäuser von Sebastian Baumgarten in Bayreuth als irritierend erlebt.

 Szenenwechsel! Die betenden Nonnen, Pilger, Gläubigen haben sich in Grazien, Amoretten, Jünglinge verwandelt und agieren entsprechend. Eine zeitgemässe Umsetzung des Venus-Bachanals ohne unnötigen Ballast aus der Requisitenkammer.

 Szenenwechsel! Christian Voigt als innerlich zerrissener Tannhäuser, welchen die Sehnsucht nach der Oberfläche, nach der Sonne, den Sternen, den Mond, die Wälder und Auen umtreibt, weiss, dass er nicht in dieses „Liebesnest“, diesen Venustempel der Liebe, der Lust zurückkehren kann. Viktoria Mester als Venus überzeugt sowohl gesanglich als auch darstellerisch. Ihre Interpretation ist frei von falschem Pathos, sauber intoniert mit einer klaren Diktion. Dabei nimmt sie Rücksicht auf  Christian Voigt als Tannhäuser und singt eher verhalten um die Dualität der Szene nicht zu stören.

 Szenenwechsel! Der junge Hirte David Rother, trotz seiner Jugend sehr professionell, ein Mitglied der Aurelius Sängerknaben Calw, singt sein Lied von Frau Holda. Die Seitengassen öffnen sich. Der Pilgerchor wird vom Opern- und Extrachor des Theater Freiburg, geleitet durch Bernhard Moncado, berückend interpretiert.

 Szenenwechsel! Hörner  ertönen, Landgraf Hermann: „Wer ist der dort im brünstigen Gebet?“ Jin Seok Lee Als Hermann, Landgraf von Thüringen, brilliert mit klarem, tiefem Bass und einer starken Bühnenpräsenz. “ Nahst du als Freund uns oder Feind?“ Schon die ersten Töne Walters, lassen aufhorchen. Roberto Gionfriddo ist ein herausragender Walter, so wie er schon als Siegmund brillierte. Sein klarer Tenor lässt immer wieder aufhorchen. „O fraget nicht! Ist dies des Hochmuts Miene?“ Alejandro Larraga Schleske mit seinem lyrischen Bariton, seiner prachtvollen Diktion und einer Musikalität, die ihresgleichen sucht, gibt  einen Wolfram, wie man/frau selten zu hören bekommt. Kammersänger Neal Schwantes  als Biterolf glänzt im zweiten Akt:“ Heraus zum Kampfe mit uns allen!“. Sein heldischer Bariton, gemischt mit seiner asexuellen, im Mittelalter angesiedelten Bewunderung für die Minne, die holden Frauen, überzeugt ebenso wie seine Bühnenpräsenz. Shinsuke Nishioka als Heinrich der Schreiber und Andrei Yvan als Reinmar von Zweter vervollständigen das Bild der Ritter des Landgrafen. Das ‚Gegrüsst sei uns‘ aller Ritter klingt sauber und optimal intoniert. Keiner der vier Solisten fällt ab.

 Szenenwechsel! „Dich teure Halle, grüss‘ ich wieder, froh grüss ich dich geliebter Raum!“ singt die russische Sopranistin Anna Nechaeva. Die Frage ist bloss, versteht die Sängerin überhaupt was sie singt? Ich zweifle daran! Ich verspüre in Ihrem Gesang keine Emotion, keine Liebe zu eben diesem ‚Geliebten Raum‘. Nechaeva intoniert zwar sauber und singt  auch die hohen Lagen ohne unnötiges Vibrato, jedoch ist ihre Diktion mässig. Ihr Piano zu laut (2. Aufzug/159 – 181). Das Crescendo wird sehr laut, zu laut. Im Duett mit Tannhäuser ‚Gepriesen sei‘ (2. Aufzug/196 – 330) singt sie Voigt praktisch an die Wand, nimmt im Gegensatz zu Viktoria Mester keine Rücksicht auf seine Indisposition. Ein solches Verhalten ist mir seit langem nicht mehr untergekommen, es wirkt unkollegial und wenig professionellen.

 Szenenwechsel! Auftritt der Edlen Thüringens, der Theaterchor  begrüsst die Halle: „Freudig begrüssen wir die Halle, wo Kunst und Frieden immer nur verweil!“ Dieser Wunsch geht nicht in Erfüllung da der eigentlich friedliche Wettstreit über das Wesen der Liebe im ‚Sängerkrieg auf der Wartburg‘ und der Verbannung Tannhäusers endet! Auch diese Szenen wurden durch die Regie hervorragend gestaltet, die Aktionen sind auf das Nötigste beschränkte. Die Solisten mit wundervoll interpretierten Parts,  gefielen auch durch ihr schauspielerisches Können, ihre Bühnenpräsenz.   

 Szenenwechsel! „Wohl wusst‘ ich sie hier im Gebet zu finden“. Wolfram, wunderbar lyrisch wächst über sich hinaus. Der Pilgerchor ist immer wieder ein Höhepunkt, einer der vielen in dieser Oper, vor allem wenn ein so hervorragender Chor wie in Freiburg singt. „Dies ist Ihr Gesang!“ Auch Nechaeva hat sich ein bisschen zurückgenommen. Sie schafft sogar das  mezza voce auch mezza voce zu singen. (3. Aufzug/148-231). Wieso wohl?

Wolfram: „wie Todesahnung“ mit tief empfundenem Gefühl, sehr romantisch, lyrisch.

Tannhäuser (Eine für diese Aufführung unnötige Partituranmerkung ‚mit matter Stimme‘):“Ich hörte Harfenschlag,-“ Diese Szene, eigentlich der Beginn Romerzählung, zeigt die Zerrissenheit Tannhäusers.  Ich habe die Interpretation Christian Voigts in dieser Aufführung schon gewürdigt.

 Nina von Essen, verantwortlich für das Bühnenbild, hat nur ein Bild mit unterschiedlichen  Ansichten geschaffen, welches in seiner Zeitlosigkeit schlüssig wirkt und imponiert. Dieses polyvalente Bühnenbild ist Kirche, Venusberg, die teure Halle, Waldlandschaft, Talsenke alles in einem. Ein wirklich gelungenes Werk der Künstlerin! Das Bühnenbild wird unterstützt und verstärkt durch aussergewöhnlich schön gestaltete Videosequenzen, konzipiert von Valentin Felber. Die Kostüme wurden durch Julia Rösler entworfen. Sie passen sich bestens der klaren Linie der Regie an.

 Das Dirigat von Fabrice Bollon war gewohnt hervorragend. Er führte das Philharmonische Orchester Freiburg zu musikalischer Höchstleistung und nahm dabei Rücksicht auf seinen Tannhäuser Christian Voigt. Danke Fabrice Bollon!

 Das zahlreich erschienene Premierenpublikum dankte allen Künstlern mit tosendem Applaus für einen wunderbaren Opernabend, eine begeisternde Inszenierung der romantischen Oper Richard Wagners.

 Peter Heuberger Basel

 

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