Der Neue Merker

FREIBURG: DIE SIZILIANISCHE VESPER. Gefühle pur!

Freiburg: „DIE SIZILIANISCHE VESPERˮ – 13.12. 2013-  Gefühle pur

 Dem Verdi-Jahr verdanken wir die Wiederentdeckung dieses Juwels auch außerhalb Italiens, in Freiburg im Breisgau in der italienischen Version. Sei es aus Sparsamkeit, sei es aus Purismus, Michael Sturm inszeniert die „Vesper“ schnörkellos, fast ohne Bühnenbild, in zurückhaltenden Kostümen, aber mit grandiosen Stimmen und echten Gefühlen (auch im Publikum). Noch nie war die Devise „Weniger ist mehr“ wahrer.

 Während der 9-minütigen Ouvertüre läuft der in der Oper fast schon obligatorische Videofilm, diesmal die grausam erfolgreiche Jagd eines Leoparden auf eine Gämse. Langsam verblasst das Videobild zugunsten des auf der Bühne effektvoll in eine italienische Fahne gewickelten toten Federigo, des hingerichteten eigentlichen Herrschers Siziliens. Dieser tritt öfter mit verbundenen Augen als das personifizierte schlechte Gewissen seiner Schwester auf, und zwar zu den unpassendsten Gelegenheiten,  wie bei Arrigos Liebeserklärung an Elena. Aber das war’s dann dankenswerterweise auch schon mit Regieeinfällen. Von einer zu den sizilianischen Ostefestivitäten herumgefahrenen Madonna-Statue, die im letzten Akt sogar lebendig wird, einmal abgesehen. Allerdings erinnert die Inszenierung von Michael Sturm zu sehr an die von Pier Luigi Pizzi am Teatro Regio in Parma (inklusive Fahne schwenkendem Procida am Schluss). Aber: Gut geklaut ist besser als schlecht inszeniert.

 In typisch sizilianisches Schwarz gekleidet, ist die erst gerade genesene Christina Vasileva eine schöne, höchst überzeugende rachsüchtige Elena. Anfangs fehlen ihr die tiefen Töne, spätestens aber bei „Arrigo, ah, parli a un core“ sind diese aber da, ebenso wie ein berückendes Pianissimo.

Juan Orozco singt den französischen Statthalter Guido di Montfort gewohnt souverän, mit warmem, vollem Bariton und ausgezeichnetem Schauspiel. Dass der Nabucco an seinen Kräften gezerrt hat, merkt man ihm nur selten an. Der heimkehrende Freiheitskämpfer Giovanni da Procida wird von Jin Seok Lee verkörpert, der seinen schönen Bass vor allem mit der Arie „O tu, Palermo“ unter Beweis stellen kann, aber schauspielerisch etwas abfällt.

 Die Überraschung des Abends ist aber Martin Mühle als Arrigo. Seine kräftige kristallhelle Tenorstimme lässt die Zuschauer die Luft anhalten. In dieser Form könnte er auch locker den Lohengrin singen. Die Duette mit Orozco sind magisch, diese beiden Männerstimmen passen so gut zusammen, schmelzen so perfekt ineinander, dass man nicht genug davon kriegen kann. Die Szene, als sich der Vater dem Sohn als solcher zu erkennen gibt, ist einer der musikalischen Höhepunkte des Abends.

 Der Freiburger Chor (Leitung: Bernhard Moncado) hat wie immer großen Anteil am Gelingen dieses Abends. Hervorgehoben sei die Ball- und Verhaftungssequenz am Ende des 3. Aktes. Fabrice Bollin dirigiert das Freiburger Orchester recht zügig, lässt den Solisten aber angenehmerweise viel Freiraum in den Arien.

 Die menschliche Tragödie hat bei der Vesper griechische Ausmaße. Jede Figur verliert sich in einem unlösbaren Konflikt, Der verzweifelte Vater, der diese Anrede von seinem Sohn nur durch die Androhung der Ermordung von dessen Rebellenfreunde erpressen kann. Die Zerrissenheit des Sohnes zwischen dem Gedenken an seine Mutter, die seinen Vater gehasst hat, und dem freudigen Gefühl, endlich seinen Vater zu kennen. Der Verlust der Liebe der geliebten Frau durch die eigene Abstammung. Die Frau, die dem Geliebten ihre Hand verweigern oder ein Gemetzel auslösen muss. Die Verstrickungen zwischen Politik und Familie sind typisch für Verdi, wobei das Wohl der Familie resp. die Liebe immer der Politik im Weg steht und umgekehrt. Erfolg im einen bedeutet Niederlage im anderen. Und bei Verdi endet der Konflikt meist damit, dass die Menschen – egal wie sich entscheiden – in beidem katastrophal scheitern. In der Freiburger Inszenierung kann man dabei jedenfalls genüsslich mitleiden.

Alice Matheson

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