Der Neue Merker

FREIBURG/ Breisgau: PARSIFAL

Freiburg: „PARSIFAL“ – Premiere 21.4./zweite Vorstellung 27.4. – Am Schluss bleibt nicht einmal mehr der Glaube …

 Freiburg im Breisgau ist nun weiss Gott nicht das, was man spontan als typische Wagner-Stadt bezeichnet. Es ist aber auf dem besten Weg dazu sich zu einem wahren Wagner-Mekka zu mausern; so wie sich an diesem Haus – besonders in diesem Wagner-Jubel-Jahr – alles um den Bayreuther Meister dreht. Und: Das Publikum macht mit! Das Haus ist immer gut besetzt, die diversen übrigen Veranstaltungen ebenfalls gut ausgelastet. Mit der Art und Weise, wie das Freiburger Theater das Wagner-Jahr begeht, trifft es offensichtlich genau den Nerv der Bevölkerung. Das neueste Highlight aus der Freiburger Wagner-Küche ist des Meisters letztes Werk – „Parsifal“. Dies ist kein Zufall, werden in dieser Spielzeit „Lohengrin“ und „Parsifal“ auch zyklisch gezeigt. Ein Projekt, das wegen der direkten Verwandtschaft der beiden Titelhelden (und der Begeisterung der Freiburger für Wagner-Zyklen) durchaus Sinn macht. Wie werden nun die beiden Werke miteinander verknüpft? Wie ähnlich geraten die Inszenierungen? Wird die Frage, wer wohl Lohengrins Mutter sei, beantwortet? Es wäre ja nicht mehr als folgerichtig, wenn Regisseur Frank Hilbrich und sein Team da Interpretationen, Zusammenhänge und Antworten liefern. Frank Hilbrich ist jedoch so clever und widersteht der Verlockung, Kundry zu Parsifals Mutter zu stempeln. Damit bleibt er glaubwürdig – auch in seiner sicher sehr eigenwilligen und letztendlich düsteren Auslegung des Werks. Frank Hilbrich siedelt das Geschehen in einem grossen Marmorsaal an (grossartige Bühne: Volker Thiele). Wie schon der Lohengrin spielt Parsifal in der heutigen Zeit. Die vier Knappen stehen je für eine Glaubensrichtung, welche man anhand des Aufdrucks auf den T-Shirts (Kostüme: Gabriele Rupprecht) und an der Betweise erkennen kann. Allerdings scheint alles Beten nichts zu nützen; auch der Anblick des heiligen Grals hat – wie ein Drogenrausch – nur kurze Wirkung. Die vermeintliche Verjüngung findet nicht beziehungsweise eben nur kurzfristig statt. Wenn die Zeit zum Raum wird, schreiten wir zusammen mit Parsifal durch Videoprojektionen (schlicht und ergreifend genial: Christian Hilfinger, Valentin Felber), welche uns mit den historischen und den Greueltaten der heutigen Zeit konfrontieren. Hier beginnt die Bewusstwerdung des Toren. Der erste Akt endet damit, dass Parsifal alleine vor einem der Spiegel steht, sich selbst erschaut und aus Mittleid wissend, nichts begreift. Der zweite Akt spielt ebenfalls in der besagten Halle, wo ein reich tätowierter Klingsor Kundry, welche in der Folge dann Parsifal aus den Fängen exzellent choreographierter Rotlichtgirls „befreit“, aus tiefem Schlaf erweckt. Im dritten Akt dann die Apokalypse. In Trümmer, zur Müllhalde verkommen erscheint der prangende Saal. Die Welt hat den Glauben an alles verloren, Gewalt regiert. Parsifal kommt als Heilsbringer zurück, darf sich „echt“ in Kundry verlieben. Bei der Enthüllung des Grals sinkt diese jedoch endgültig erlöst zu Boden. Die Frage nach Lohengrins Mutter ist somit auch vom Tisch. Ist das nun die Erlösung, das ewige Leben, das ersehnte Heil? Niemand der Umstehenden versteht das. Die Gesellschaft wendet sich ab, irrt umher und sucht erneut nach Glauben und Heil. Da schwebt nun der Glaube – bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Taube lebt … – Zurück bleibt ein resignierter Parsifal – mit dem Silberbecher und dem heiligen Speer, beide vollkommen wirkungslos – auf dem Tisch sitzen. Kaum zum König geworden, ist er schon gescheitert. Wie wir wissen, wird sein Sohn dasselbe Schicksal erleiden.

 Der Freiburger Parsifal ist ein starkes Stück Theater, welches nicht kalt lässt. Dies besonders dadurch, dass Frank Hilbrich das Schwergewicht auf das, was heute geschieht, legt. Das Totschlagen von Passanten in U-Bahnstationen, Flammenwerfer, welche Demonstrationen auflösen, die jüngsten Umweltkatastrophen – das sind die schockierenden Eindrücke, welche klar machen, dass dieses Werk nicht nur Symbolwert bis zur Nazizeit hat. Das himmlische „Erlösung dem Erlöser“ gerät zu einem Hilferuf für Parsifal. Die starke Bühnenwirkung verdankt diese Aufführung der fabelhaften Lichtgestaltung von Michael Philipp, der es fertig bringt, jede – aber auch wirklich jede – Stimmung perfekt zu erzeugen und zu verstärken. Da passt wirklich alles! Inspizientin Brigitte Schäfer sorgt auch hier für einen perfekten technischen Ablauf.

 Dirigent Fabrice Bollon und das Philharmonische Orchester Freiburg zaubern erneut herrlichsten Wagner-Klang auf die Bühne und in den Zuschauerraum. Der Dirigent schlägt zügige Tempi an, ohne dabei jedoch an Intensität und Klangkraft zu verlieren – im Gegenteil! Opern-, Extra- und Zusatzchor des Theater Freiburg unter der bewährten Leitung von Bernhard Moncado vervollkommnen den akustischen Hochgenuss. Besonders zu erwähnen ist der Kinderchor des Theater Freiburg unter Thomas Schmieger: „Der Glaube lebt, die Taube schwebt“ von natürlichen Kinderstimmen gesungen, berührt, erschüttert, tröstet. Christian Voigt gibt hier sein Rollendebüt in der Titelrolle und meistert auch diese Partie mit Bravour. Vor allem in der Aufführung vom 27. April bringt der Sänger seine herrliche Stimme voll zur Geltung. Er überzeugt, wie in den anderen Wagner-Opern auch, ebenso in der Darstellung. Er gibt auch einen strahlenden Lohengrin – die Verwandtschaft zwischen Parsifal und Lohengrin wird dadurch natürlich überdeutlich – der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm! Sigrun Schell als Kundry wirkt in der Premiere etwas verkrampft und hat mit einigen Tremoli und unkontrollierten Forti zu kämpfen. Der „Krampf“ legt sich jedoch in der zweiten Aufführung, in welcher die grosse Anspannung sich löst. Sie gibt eine stimmlich kraftvoll-leidenschaftliche, auch in der Gestaltung starke Kundry. In der Darstellung verlangt ihr Frank Hilbrich vor allem im dritten, fast stummen Akt, sehr viel ab. Kundry gerät nicht zur Nebenfigur, wird von der Regie ausgezeichnet geführt und von der Sängerin absolut glaubhaft umgesetzt – brava! Stimmlich und gestalterisch gewaltig ist Juan Orozco als Amfortas. Er muss einiges liegend singen und meistert dies sehr gut. Jin Seok Lee überzeugt ebenfalls stimmgewaltig als Titurel. Frank van Hove verleiht mit seiner für einen Gurnemanz eher ungewohnt hell tembrierten Stimme dieser Rolle besonders jugendliche Farbe. Er meistert die Premiere ohne Ermüdungserscheinung und teilt in der zweiten Aufführung, in welcher er mit einer Erkältung zu kämpfen hat und deswegen „angekündigt“ wird, seine Stimme geschickt und gekonnt ein. Kammersänger Neal Schwantes gibt einen rabenschwarzen Klingsor. Ulrich Himmelsbach, Jae Seung Yu sind als Gralsritter zu hören, Jardana Flückiger, Silke Gäng, Christoph Waltle und Shinsuke Nishioka überzeugen als Knappen. Ein Highlight für sich sind Viktoria Varga, Jardena Flückiger/Susana Schnell, Soojin Moon, Catalina Bertucci, Lini Gong, Sally Wilson als Klingsors Zaubermädchen. Als „Stimme aus der Höhe“ erstrahlt Qin Du. Parsifal in Freiburg – da muss ich mindestens noch einmal hin – und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind hoffentlich nicht mit Kundrys „Irre, irre“-Fluch belegt und finden den Weg nach Freiburg auch!

 Michael Hug

 

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