Der Neue Merker

FREIBERG/ Sachsen/Mittelsächsisches Theater: ARABELLA. Premiere

Freiberg (Sachsen) / Mittelsächsisches Theater: „ARABELLA“ – 18.3.2017   Premiere

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„Aufgeregter Disput auf der nächtlichen Hoteltreppe zwischen Mandryka (Guido Kunze), Matteo (Sebastian Fuchsberger), Zdenka (Lindsay Funchal) und Arabella (Leonora del Rio)“. Copyright: Mittelsächsisches Theater

Es ist schon erstaunlich, was kleinere Theater und Opernhäuser an Inszenierungen wagen, aber der Erfolg gibt ihnen Recht. Nach dem erfolgreichen „Rosenkavalier“ vor zwei Jahren wagte sich nun das kleine, aber sehr hübsche und gepflegte Mittelsächsische Theater Freiberg wieder an eine große Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal (Inszenierung: Judica Semler).

Die etwa 31 km westsüdwestlich von Dresden gelegene, altehrwürdige Bergstadt Freiberg mit der ältesten Montanuniversität der Welt ist keine unbedeutende Stadt. Sensationelle Silberfunde machten sie im Mittelalter zur bedeutendsten Stadt der Mark Meißen und das Kurfürstentum Sachsen zum wohlhabenden Staatswesen. Sie sollte sogar Sachsens Hautstadt werden (bevor es Dresden wurde). Das 1790 gegründete Theater gilt als das älteste in ursprünglicher Form erhaltene und kontinuierlich von einem städtischen Theaterensemble bespielte Stadttheater der Welt. Hier wurde 1800 C. M. v. Webers erste, mit 14 Jahren komponierte und inzwischen verschollene Oper („Das stumme Waldmädchen“) uraufgeführt.

Das treue und interessierte Publikum liebt sein Theater und ist dankbar, auch große Opern wie „Arabella“ hautnah miterleben zu können.

Die Ausstattung von Annabel von Berlichingen trifft den Nerv der Zeit, in der die Oper entstand und spielt. Ein bisschen Nähe zur Operette ist hier ganz angebracht, da die Oper durchaus schon von Haus aus zur Operette tendiert, auch Strauss und Hofmannsthal sprachen von einer „Operette“). Zusammen mit ein bisschen Gegenwartsbezug kommt das hier beim Publikum gut an.

Die Mittelsächsische Philharmonie spielte unter der temperamentvollen Leitung von Raoul Grüneis (abgesehen von ein paar kleinen „Wacklern“) tapfer und zuverlässig bis zum Schluss, hatte das richtige Feeling für diese Oper und war ein sicheres Fundament für die Aufführung.

Als großartige Fiakermilli, um die manches große Opernhaus Freiberg beneiden könnte, war die zierliche Jana Büchner zu erleben. Sie brillierte nicht nur mit ihrem lockeren Spiel aus einfacher, unverbogener Vergnügungslust, ein wenig Selbstdarstellung, „Hang zum Höheren“ und echter Volkstümlichkeit – eben eine lebensechte Fiakermilli – sondern ganz besonders mit ihren herrlichen, mühelosen, klang- und wirkungsvollen Koloraturen, die so natürlich perlten, dass man sie für die „geborene“ Fiakermilli halten könnte, so glaubhaft und mit großer Selbstverständlichkeit erweckte sie diese Figur zum prallen Leben, aber ihr Repertoire ist wesentlich vielseitiger. Bei ihr war Spiel und Gesang eins und kam nicht nur „wie aus einem Guss“, sondern auch „von innen heraus“, ein richtiges Theaterblut. Sie schien in dieser Rolle zu leben und begeisterte nicht nur die Herren auf der Bühne mit ihrem verführerischen Gesang. Allein schon ihretwegen lohnt der Weg ins Freiberger Theater.

Leonora del Rio war eine passable Arabella und konnte in dieser Rolle durchaus überzeugen, in die sie sich immer mehr hineinsteigerte, die richtigen Akzente setzte, keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigte und bis zum Schluss die etwas exaltierte junge Dame blieb, die sich das Leben als einen Traum vorstellt, obwohl es gerade in ihrer Familie keiner ist.

Aus dem Schatten ihrer großen, schönen, älteren Schwester Arabella, trat Lindsay Funchal als Zdenka zuweilen heraus. Sie, die wegen der Spielsucht des Vaters und die damit verbundene Armut der gräflichen Familie „verurteilt“ ist, als Junge verkleidet zu „leben“, ließ auch ihre Mädchenhaftigkeit durchblicken. Sie spielte und sang überzeugend, nur konnte man – wie bei ihrer Schwester Arabella – kaum ein Wort verstehen, was „Einsteigern“, die die Oper zum ersten Mal erlebten, Schwierigkeiten bereitete.

Ganz anders hingegen Sergio Raonic Lukovic als Graf Waldner. Seine Rollengestaltung lebte vom gut artikulierten Wort und vom, wenn auch nicht sehr differenzierten, Spiel. Er war eine stattliche Erscheinung aber kein sonderlich prägnanter Charakter, wirkte  eher etwas „aufgesetzt“, was vielleicht durch sein äußerliches Erscheinungsbild besonders auffiel, bei dem das weiße Haupthaar und der schwarze Bart, die seitens der Maske ziemlich „aufgesetzt“ und unnatürlich erschienen, nicht so recht zueinander passen wollten.

Um eine entsprechende Darstellung hinsichtlich Würde und adelige Etikette bemühte sich Barbora Fritscher als seine „bessere Hälfte“ Adelaide, was ihr mitunter auch annähernd gelang. Sie wirkte jünger als ihre Tochter Arabella, und sang im 1. Akt zusammen mit der Kartenaufschlägerin (Susanne Engelhardt) ziemlich schrill. Der gute Wille war unverkennbar, aber sie war nicht unbedingt der richtige Typ für diese Rolle.

Als ihr „Schwiegersohn“ Mandryka hatte Guido Kunze die stimmlichen Mittel und verband sie mit guter Textverständlichkeit, nur erschien er mehr als Bauer als der Rolle guttat. Damit kam zwar der Kontrast zwischen der „abgehobenen“ Arabella und ihm zum Ausdruck, aber etwas mehr gewollte Gesellschaftssfähigkeit und Besitzerstolz wären doch angebracht gewesen. Wie hätte sich sonst Arabella für ihn entscheiden sollen, denn die anderen Verehrer warteten auf sie: Graf Elemer (Jens Winkelmann), Graf Dominik (Elias Han) und Graf Lamoral (Frieder Post), wobei deren Gesang nicht sehr gewinnend wirkte.

Bliebe da noch Sebastian Fuchsberger als Jägeroffizier Matteo, der von Arabella immer abgewiesen, am Ende die hübsche Zdenka bekommt. Er gab gesanglich und darstellerisch seiner Rolle offiziersmäßigen Schneid, der ihn dann in seiner prekären persönlichen Situation erst einmal verlässt.

Es war eine Aufführung, die sich sehen und (mit kleinen Einschränkungen) auch hören lassen konnte und im Rahmen der Möglichkeiten eines relativ kleinen Theaters von viel Enthusiasmus und Unternehmungsgeist getragen wurde.

Ingrid Gerk

 

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