Der Neue Merker

FREIBERG/ Mittelsächsisches Theater: DIE VERKAUFTE BRAUT. Premiere

Mittelsächsisches Theater Freiberg „Die verkaufte Braut“ Premiere am 28.Oktober 2017

 Allein in eines der ältesten Stadttheater Europas eine Opernaufführung zu erleben, ist schon ein einzigartiges Erlebnis! Die Spielstätte des Theaters in Freiberg wurde bereits, zunächst mit Schauspielproduktionen, 1791 eröffnet. Nach mehreren Umbauten, wurde das Gebäude nach 1880 mehrfach erweitert, und zählt heute als Dreispartentheater zu den bedeutenden künstlerischen Institutionen mit internationalem Ruf in ganz Europa. Wenn man bedenkt, dass die 7×8 Meter große Bühne für große aufwendige, bühnentechnische erforderliche Opernproduktionen, eigentlich gar nicht geeignet ist, so ist es umso erstaunlicher, das hier mit viel Ideenreichtum und Geschick, Musical, Operetten – und Opernproduktionen auf die Bühne gestellt werden, die ebenso auch eines hochwertigen künstlerischen Niveaus entsprechen. Dieses Theater, in eines der schönsten Gegenden des Erzgebirges, nicht weit von Dresden und Chemnitz entfernt, liegt inmitten der Altstadt eines mittelalterlichen Ambientes. Wo unter anderem auch der berühmte Freiberger Dom (seit  1537 als evangelisch – lutherisches Gotteshaus), berühmt durch seine Goldene Pforte und der beiden Silbermann – Orgeln, ebenso von so einer architektonischen Schönheit sind, wie alle anderen mittelalterlichen Bauten, die in ihrem architektonischen Gesamtkonzept ein besonderes Flair vermitteln, und auf die Besucher eine gewisse Faszination ausüben. Der Besuch lohnt sich also, wenn man einen Theaterbesuch ebenso mit einer Sightseeing -Tour durch die Stadt verbindet.

Doch kommen wir nun auf die künstlerische Leistung des Theaters zusprechen. Wo der gestrige Premierenabend nicht nur von guter Laune des Publikums, sondern auch von einer ungeheuren Spielfreude vonseiten des gesamten Ensembles begleitet war. Das man hier also eine Opernproduktion wie „Die verkaufte Braut“ deren Größenordnung man doch eher eines großen Opernhauses wie Wien, Berlin, Leipzig und Dresden zuordnen würde, so war es doch umso erstaunlicher, das gerade auf dieser kleinen Bühne künstlerisch so Großartiges geleistet wurde. Dank der Inszenierung der Regisseurin Judica SEMLER wurde hier mit sehr sparsamen Mitteln gearbeitet, die aber eine kolossale Wirkung auf den Zuschauer ausübten. Das Bühnenbild von Annabel von BERLICHEN, nur aus zwei Prospekten und mit drei beweglichen Seitenwänden ausgestattet, also Gartenzäune auf einem Podest mit den daraufstehenden Bänken, in dem gesamt spielerischen Ablauf miteingebunden; beweist wieder einmal, das nicht ein großartiges aufwendiges Bühnenbild ausschlaggebend sind, sondern doch in erster Linie die Künstler, die durch ihre Leistungen in den Vordergrund treten. Ebenfalls wird hier optisch in Zivilkleidung gespielt, schlicht, einfach und ergreifend, um die Einfachheit der Dorfbewohner darzustellen, welches wahrscheinlich auch vom Gesamtgeschehen der einzelnen Handlungen nicht ablenken sollte. Es ist also kein Augenschmaus, dafür mehr ein Ohrenschmaus und auch keineswegs als Provokation zu verstehen, wenn hier in dieser modernen Inszenierung jeder einzelne Künstler seinen Platz einnimmt. Wo man nicht durch Bühnenglamour abgelenkt, sondern sein Augenmerk auf jeden einzelnen Protagonisten gerichtet, doch auf deren Leistung und Bühnenpersönlichkeit besser konzentriert ist.

Leonora del Rio und Michael Heim
Leonora del Rio und Michael Heim. Copyright: Mittelsächsisches Theater Freiberg

Allein die Besetzungen in dieser Inszenierung sind hochkarätig! Wo besonders Leonora del RIO als Marie alle Erwartungen übertrifft, und mit ihrem lyrisch, schmelzendem Timbre durchaus überzeugend, eines hochwertigen künstlerischen Niveaus entspricht. Die gebürtige Argentinierin, bereits erblich vorbelastet, und wo beide Eltern Opernsänger waren, kam bereits mit zwei Jahren nach Deutschland. Schon lang eingebürgert, studierte sie Jahre später nach dem Abitur, Klavier und Gesang auf der Musikhochschule in Köln bei Prof. Kammersängerin Edda Moser. Noch während der Studienzeit kam sie an das Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, und war dort als Frasquita, Echo und Javotte im großen Haus zuhören. Weitere Stationen wie das Tiroler Landestheater Innsbruck, Bad Ischl, Theater Colón Buenos Aires, Staatstheater Kassel, Tiroler Festspiele, wo sie als Ortlinde „Die Walküre“ und als Gutrune in „Götterdämmerung“ auftrat, erweiterten nicht nur ihr Repertoire, sondern krönten sie zu einer international anerkannten Sängerin ihres Fachs. Mit ihrem ersten Rollendebüt als Marschallin am Mittelsächsischen Theater Freiberg sang Leonora del Rio sich in die Herzen des Publikums, und gehört heute zu eines der Ensemblemitglieder des traditionellen Hauses. Als weiterer Favorit an ihrer Seite glänzte Michael HEIM in der Partie des Hans, wo allein nicht nur seine charismatische Ausstrahlung und Bühnenpräsenz von ungeheurer Wirkung sind, sondern auch sein lyrischer Tenor von so vollendeter Schönheit, sodass man sich wünschte ihn sobald auch wieder einmal in Wien zuhören. Dazu kommen schauspielerische und darstellerische Talente, die nur wenige Kollegen über die Rampe drüber bringen können, die hier aber mit Leichtigkeit und Überzeugungskraft im vollen Einklang mit dem Gesang stehen. Der Sänger der in Bludenz geboren, aber in Thüringen aufgewachsen ist, debütierte zunächst am Stadttheater St.Gallen, hier weitere Engagements an den Opernhäusern Zürich, Luzern, Dresden, Wien, Triest, Leipzig, Halle, Chemnitz, Essen, Innsbruck und Salzburg folgten. Internationale Konzertauftritte, unter anderem in den USA  verdeutlichen hier die sängerische Vielfalt des Künstlers.

Als hervorragender Spieltenor wäre hier auch Derek RUE als Wenzel zu erwähnen. Natürlich hat man hier neben Lucia Popp als Marie, immer noch Heinz Zednik vor Augen, der nicht nur als ausgezeichneter Mime einen internationalen Ruf erlangte, sondern auch als Wenzel, dieser doch eher tragischen Figur, sehr viel Leben einhauchte, und wohl unvergleichbar in seiner gesamten, weniger gesanglichen, aber schauspielerischen Darstellung war. In unseren Wenzel in der gestrigen Premiere steckt sehr viel künstlerisches Potential welches noch voll auszuschöpfen wäre, denn auch er ist voller Überzeugungskraft und mit vielseitigen Talenten, gesanglich als auch schauspielerisch gesegnet. Wenzels Eltern wurden hier von Elias HAN und Bettina DENNER-BRÜCKNER gespielt, wo beide ebenso ihren Rollen gerecht und gut besetzt waren. Guido KUNZE als Kruschina und seine Frau Ludmilla, gespielt von Melissa DOMINGUES gaben einem herrlichen Pedanten ab, nicht ganz ohne Humor, wo schauspielerische und gesangliche Darbietungen durchaus im Einklang standen. Als weitere Krönung des Abends agierte Sergio Raonic LUKOVIC als Kezal, Heiratsvermittler, der hier alle seine Fäden zog, und mit seiner Bravourarie „Komm, mein Söhnchen, auf ein Wort…“ hier seinen wunderbaren Bariton zum Erklingen brachte. Ebenso als charismatische Figur nicht nur wegen seines humorvollen Spiels, sondern auch eine unvergleichbare Bühnenpräsenz besitzt, die mit ganzer Überzeugungskraft über die Rampe drüber geht. Was für eine entzückende und spielfreudige Esmeralda, dargestellt mit aller Quirligkeit und mit jugendlichen Temperament von Lindsay FUNCHAL. In der wandernden Künstlergruppe ist sie nicht nur eine Augenweide, sondern ein ausgesprochen, zu lobendes Talent mit schauspielerischer Ausdruckskraft. Als agierender Prinzipal trat auch Christian HÄRTIG angenehm in Erscheinung, als auch die übrigen Komödianten.

Zirkuszsene Ensemble
Zirkus-Szene. Copyright: Mittelsächsisches Theater Freiberg

Widererwartend überraschte hier auch ein stimmlich hervorragender Chor, und da auf dieser kleinen Bühne große Tanzeinlagen kaum möglich sind, so wurden jene durch kleine volkstümliche Darbietungen und Tänzen vonseiten des Chores ebenso bravourös bewältigt, als auch die kleineren Rollenverteilungen, die durch die verschiedensten volkstümlichen Charaktere bestimmt, hier eigentlich ein jeder ein Solist war. Ein wahrlich lebendiges Spiel vonseiten des gesamten Ensembles ließ hier keine Langeweile aufkommen. Wo auch die Kinder, hier so manches junge Talent noch zu entdecken wäre, ebenso ihren Beitrag dazu leisteten, das hier mit Tempo gespielt wurde ohne lange Atempausen aufkommen zulassen. Das galt auch für das Orchester, welches unter dem Dirigat von Raoul GRÜNEIS exakte musikalische Präzision bewies. Einerseits wurden mit viel Schwung die Ouvertüre, Tänze und Chornummern des Opernwerks zum Erklingen gebracht, andererseits wurde hier aber insbesondere bei den Arien der Marie, sehr viel musikalisches Fingerspitzengefühl bewiesen.

Ein Hoch auf das Mittelsächsische Stadttheater Freiberg die mit einem so brillanten Ensemble aufwarten können, welches in Kooperation mit dem Theater in Döbeln aus dem kulturellen Leben zweier Städte nicht mehr wegzudenken ist.

Ein 15minütiger begeisterter Applaus am Schluss, setzten den Solisten und dem gesamten Ensemble schließlich noch die Krone auf, für die großartige künstlerische Leistung. „Gemeinsam sind wir stark“ lautet die Devise des Musik – und Schauspielensembles – und da mag wohl viel Wahres dran sein. Denn nur in einer harmonisch künstlerischen Gemeinschaft ist wirklich Großes zuschaffen! Und das spürt man bereits beim Betreten des Bühneneingangs.

Manuela Miebach

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