Der Neue Merker

FREIBERG/ Mittelsächsisches Theater: ANATEVKA

Freiberg: „ANATEVKA“ – 17. 10.2017

Bereits zum zweiten Male stieg der Fiedler, diesmal in Gestalt der virtuosen Kerstin Guzy,  am Mittelsächsischen Theater auf das Chagallsche Dach, um mit seinen vom Glück und Leid einfacher Menschen kündenden Weisen das zahlreich erschienene Publikum zu begeistern. Aus einer vorangegangenen Auseinandersetzung mit diesem Musical übernahm Regisseurin Arila Siegert die Idee der damaligen Ausstatterin Grit Dora von Zeschau, die Bühne mit einer Art Gebetsschal zu begrenzen. Dieser so simple wie triftige Einfall hat es in sich, verdeutlicht er doch zum einen die Tradition, der sich die jüdischen Einwohner Anatevkas verbunden fühlen, andererseits gleicht er einem Korsett, gegen dessen Zwänge die junge Generation aufbegehrt. In ihrer diesen Gedanken aufgreifenden und fortführenden szenischen Lösung vermeidet Marie-Luise Strandt vollkommen Überflüssiges. Wenige Tische, Stühle und auf das Unbehaustsein der Figuren verweisende Koffer reichen aus, um die Geschichte plausibel zu erzählen. Und wenn zum bitteren Ende das zurückgelassene Hab und Gut dieser bedauernswerten Erdenbewohner gleichsam zum Himmel schwebt, erreicht die Aufführung einen ihrer eindrucksvollsten Höhepunkte. Abgesehen von den detailfreudig entworfenen Kostümen verweigert sich die Inszenierung jeglichen folkloristischen Farbtupfern, betont vielmehr den allgemeingültigen humanen Aspekt des Werkes. Im Endergebnis war eine souveräne Leistung des gesamten Ensembles zu konstatieren, die von der bewunderungswürdigen Mitwirkung des Erweiterten Chores (Einstudierung: Tobias Horschke/Peter Kubisch) profitierte, dessen Damen und Herren mit etlichen solistischen Aufgaben betraut wurden. Indem Arila Siegert ihre Herkunft vom Ballett nicht verleugnete, war sie zudem die bestens dafür geeignete Frau, die tänzerischen Passagen des Werkes fulminant umzusetzen. Wie sie dabei in Ermangelung eines corps de ballet alle Beteiligten zu rasantem Mittun animierte, dürfte höchster Ehren wert sein. Dass sich dabei an keiner Stelle der Verdacht einstellte, hier seien lediglich sogenannte Einlagen zu absolvieren, sondern dieser Einsatz stets aus der jeweiligen szenischen Situation resultierte und sogar die betreffenden Umbauten in lebendiges Geschehen verwandelte, erhöht die hier ausgesprochene Wertschätzung.

Natürlich steht und fällt jede „Anatevka“- Interpretation mit der Besetzung des Milchmannes Tewje. Am Mittelsächsischen Theater stand dafür Sergio Raonic Lukovic bereit, ein Vollblutkomödiant spezieller Güte, bei dessen Leistung besonders beeindruckte, in welch beglückendem Maße er seine reichen darstellerischen Mittel zügelte, seinem Affen ein Übermaß an Zucker konsequent versagte, niemals zu Lasten der Aussage auf die „Tube drückte“. Hier betrat ein teils eher introvertierter, teils schlitzohriger Milchverkäufer die Bühne, der sich seinen Glauben immer dann zurechtbiegt, wenn dieser Gefahr läuft, seine Menschlichkeit zu beeinträchtigen. Ein prächtiger Mensch, dem mit Susanne Engelhardts Golde freilich ein ebenso liebenswertes, sich durchaus nicht die Butter vom Brote nehmen lassendes Ehegespons zur Seite stand. Von den Töchtern dieses vitalen Paares gefielen Uta Simone (Zeitel) und Lindsay Funchal (Chawa) dank ihres eindringlichen, zu Herzen gehenden Spiels. Leonora del Rio (Hodel) und Elias Han (Perchik) darf man als Luxusbesetzung bezeichnen, die in den ihnen anvertrauten Rollen nur wenig Möglichkeit bekamen, ihr vokales Leistungsvermögen unter Beweis zu stellen. Für den armen Schneider Mottel fand Sebastian Fuchsberger die rechten darstellerisch zurückhaltenden, nie mit der Klamotte liebäugelnden Töne. Als Fedja konnte Derek Rue mit dem Reiz seines lyrischen Tenors punkten. Rita Zaworka gab die geschäftsbeflissene Heiratsvermittlerin, Guido Kunze den unter der Last des ihm erteilten Korbes stöhnenden Fleischer. Von den Mitgliedern des Chores sei wenigstens der wendehalsige Wirt Jaromir Sedlmajers erwähnt. Unter Alexander Livenson erfreute die Mittelsächsische Philharmonie mit einem rhythmisch präzisen, klanglich fein abgestuften Spiel, das sich uneigennützig in den Dienst der Sänger stellte.

Joachim Weise

Diese Seite drucken