Der Neue Merker

FRANZ von SUPPÉ: IL RITORNO del MARINAIO

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FRANZ von SUPPÉ: IL RITORNO del MARINAIO – Ersteinspielung der romantischen Oper in 2 Akten „Die Heimkehr des Matrosen“ cpo 2 CDs

Ob unser Held, der Matrose Pietro Dorsallo auf dem Kriegsschiff Delfino, das nach 20 Jahren ununterbrochenem Dienst auf den Meeren wieder in den heimischen Hafen Lesina auf der kroatischen Insel Hvar einläuft, quasi gleich nach Ende der Oper wieder abhaut, weil er die Handlung so blöd findet, dass er in einem Akt künstlerischer Selbstauslöschung für ein zumindest literarisch skurill-surreales Ende sorgen will? Keiner weiß es. Sicher ist nur, dass nicht klar ist, warum und wie unser Seemann durch seinen neuerlichen Aufbruch das Glück der beiden jugendlich Liebenden Jela und Nicoló retten will? Das Libretto  von Anton Langer zu diesem verqueren, zwischen Buffa und romantisch-dalmatinischer Opern-, Operetten- bis Ballettschmonzette teils giftig schillerndem Stück Musiktheater ist an Banalität kaum zu überbieten. Der Matrose hat seine Heimat aus Liebeskummer verlassen, kommt wieder, und spielt in einem Rossini‘schen Reigen à la Dr. Bartolo im Barbier von Sevilla (der Podestà Quirino will sein eigenes Mündel Jela heiraten, die wiederum – eh klar – ihren jungen Tenorino Nicolo liebt) eigentlich keine Rolle, außer dass die junge, sich an vielen Koloraturen abplagende Jela die Tochter seiner Verflossenen ist. Auch selbstredend, dass sich die beiden Jungen am Ende in die Arme fallen können und der Alte im zweiten Johannistrieb zum Gespött aller wird. Der erst Heimgekehrte muss aber wie der Fliegende Holländer wieder die Weltmeere bereisen. Ein kleines Stück existenzieller Tragödie in einer äußerst schrägen Oper.

Dazwischen gibt es in den knapp über 80 Minuten Spielzeit sechs Ballette, ein Prélude und ein orchestrales Zwischenspiel vor dem zweiten Akt von insgesamt über einem Viertel Länge der Gesamtspielzeit. Die Musik hat alles zu bieten, was damals offenbar en vogue und gut und teuer war: Eine schmissige Ouvertüre in bester Operettenmanier mit einem Schuss von Weber, eine wirklich schöne Bariton-Romanze des Marinaio im Stile Verdis, eine derbe Buffa Arie des Bürgermeisters als wäre sie von van Bett aus Lorzings „Zar und Zimmermann“ gesungen, ein Duett der beiden Liebenden nach dem Strickmuster Adina-Nemorino aus Donizettis Liebestrank, ein „Verdisches“ Duett Vater-Tochter Marinaio-Jela mit Rigoletto Reminiszenzen. Das schöne Vorspiel zum zweiten Akt klingt sogar anfangs nach Bruckner, bevor die Folkore voll zuschlägt und dalmatinische Tänze wie der Kolo, die Monferine, die Slowanka und eine Walzer-Lesiniana die Heimkehr der Matrosen ausgiebig zelebrieren. Nach all diesen Balletten muss es allerdings rasch gehen mit der Handlung. Da gibt es noch ein Ensemble, zwei Arien und das Finale mit Aida-Anklängen. Das wars!

In der Uraufführung in Hamburg am 4. Mai 1885 unter der Stabführung des Komponisten, hat man, um das Ganze zu strecken, nach der Pause kurzerhand noch den dritten Akt aus Verdis Troubadour gespielt. Man stelle sich das heute vor. Das Verdienst der Aufnahme ist es eindeutig, ein komplett bühnenuntaugliches Werk mit teils überraschend schöner Musik wieder restauriert und akustisch zugänglich gemacht zu haben.

Auf der musikalischen Habenseite der Aufnahme steht die überraschend beeindruckende Leistung des Rijeka Opera Symphony Orchesters  unter der Leitung des Italieners Adriano Martinolli D‘Arcy. Von den Sängern sticht die prächtig viril timbrierte, in allen Lagen ausgeglichene und gleich gut ansprechende Stimme von Ljubomir Puškarić als Matrose Pietro Dorsalli hervor. Dieser hervorragende Sänger verfügt über einen Kavaliersbariton erster Güte, Phrasierung und Musikalität sind Weltklasse. Ihm zuzuhören, ist ein ganz großes Vergnügen. Leider klingen Mariukka Tepponen als Jela und ihr Lover im Stück, Aljaz Farasin, als Nicolò in den Höhen allzu angestrengt und gepresst. Der einst sonore und runde Bass des Giorgio Surian in der Rolle des selbsternannten Heiratsanwärters Quirino klingt schon ziemlich brüchig und spannungsarm. Dafür beherrscht er zumindest artikulatorisch das idiomatisch so heikle Buffo-Element. Der Rijeka Opera Chor enttäuscht durch Unausgewogenheit der Stimmführung und viel Vibrato in den Frauenstimmen. Gesungen wird in italienischer Sprache, die Tonqualität ist ausgezeichnet.

Dr. Ingobert Waltenberger

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