Der Neue Merker

FRANKFURT/Opernhaus: LAWRENCE BROWNLEE – Liederabend

Frankfurt: „LAWRENCE BROWNLEE“ – 02.09.2017. Liederabend in der Oper Frankfurt

Henning Ruhe-Lawrence Brownlee Copyright Barbara Aumüller
Henning Ruhe, Lawrence Brownlee. Copyright: Barbara Aumüller

Mit einem bemerkenswerten Vortrag eröffnete der international gefeierte lyrische Tenor Lawrence Brownlee die bereits legendären Liederabende in der Oper Frankfurt. Abseits ausgetretener Programmpfade eröffnete der inzwischen ruhmhafte Belcanto-Spezialist mit Preziosen aus „Sei romanze II“ (Giuseppe Verdi). In schlichter Tongebung, rhythmisch, mit Schalk im Nacken, temperamentvoll gestaltete Brownlee die italienischen Canzonen u.a. Lo spazzacamino, il tramonto.

Vier Chansons aus der Feder von Francis Poulenc folgten und entführten in französische Gefilde. Melancholisch erklang Montparnasse, voll Emphase Voyage a Paris, in unverbindlichem Plauderton Reines des mouettes und besinnlich schloss sich Bleuet an.

Dem Genre deutschen Lied widmete der sympathische Sänger mit einem Auszug der „Lieder und Gesänge“ des Grazer Komponisten Joseph Marx. Bewundernswert seine ausgezeichnete Diktion zur Ausleuchtung und Artikulation. Nocturne, Selige Nacht oder Hat dich die Liebe berührt um nur drei zu nennen, durchleuchtete der einfühlsame Künstler in harmonisierenden Tonfall seines charakteristischen wohlgefälligen Timbres bestens.

Nun eilt dem amerikanischen Sänger der Ruf voraus ein Belcantist zu sein, doch konnte er bis dahin in keiner Weise überzeugen. Die Stimme wirkte merkwürdig belegt, flach ohne jeglichen Höhenstrahls, wenig tonal ohne Kantilene. Das Publikum, aus früheren Vorträgen sehr aufgeschlossen, schien meiner Meinung und reagierte ziemlich reserviert. Unter Berücksichtigung des enormen Aufwands an Studium und Arbeit für einen derartigen Vortrag, zolle ich dem Künstler meine Hochachtung und wage dennoch zu bezweifeln, dass der ehrgeizige Sänger die ideale Auswahl traf?

Dem Vokalisten zur Seite ein profilierter Pianist: Henning Ruhe bot mit seinen vollgriffigen Parts weit mehr als bloße Begleiter-Routine und spannte zwischen Gesang und instrumentalem Musizieren betörend warme virtuose Piano-Töne voll kraftvoller Nuancierungen.

Nach der Pause klang die Stimme wesentlich freier, sein Timbre gewann zunehmend an Farbe und Feinklang oder lagen ihm die „Cinco canciones populares argentinas“ von Alberto Ginastera besser in der Kehle? Den folgenden „Four songs“ von Ben Moore (*1960) vermochte Brownlee ebenso mehr bezwingende Tonalität einzuhauchen.

Den offiziellen Teil des Abends beendete Lawrence Brownlee mit einer „Collection of negro spirituals“ des Amerikaners Damien Sneed, der Sänger schien mehr oder weniger in seinem Element, bestach mit tenoralen Aufschwüngen unter Einsatz der Kopfstimme, feinen Schattierungen und ließ das Publikum zu hohen Finaltönen jubeln.

Doch jetzt liebe Leser vernehmet die Mär, denn Wunder gibt es zu melden: drei Zugaben gewährte der Sänger und die Stimme schien wie ausgewechselt! Lawrence Brownlee war in seinem bewährten Terrain angekommen, verteidigte seinen vorauseilenden Ruf als Spezialist des lyrischen Fachs. Jeglichen Zweifels erhaben glänzte der Tenor in betörendem Belcanto mit Ah, mes amis aus „Le fille du régiment“, die Koloraturen und hohen Cs purzelten wie selbstverständlich aus der Kehle sowie leise Töne voll Schmelz und Kantilene, schwerelos verblendete Phrasierungen schenkte Brownlee Una furtiva lagrima aus „L´elisier d´amore“ (Donizetti). Mit geläufigem Zungenschlag und prächtigen vokalen Schattierungen ließ der Sänger zum endgültigen Finale „La Danza“ (Rossini) zum ästhetischen Vergnügen werden.

Fazit: Sollte der Künstler selbst seine Programmgestaltung nochmals überdenken oder sich fachlich beraten lassen?

Gerhard Hoffmann

Diese Seite drucken