Der Neue Merker

FRANKFURT: WERTHER – Habemus Maestro!

Jules Massenet – WERTHER – Habemus Maestro!

Oper Frankfurt, besuchte Vorstellung am 18. Dezember 2017

Es ist ein Jammer! Die französische Oper wird in Deutschland nicht heimisch. Vor weniger als halbvollem Haus zeigt die Oper Frankfurt Jules Massenets Meisterwerk „Werther“. Die kluge Inszenierung von Willy Decker und die fabelhafte Bühnenraum- und Kostümgestaltung durch Wolfgang Gussmann überzeugen. In der Entstehungszeit der Oper verortet erzählt das Decker das Werk. Die Personenführung ist immer aus dem Geist der Musik gestaltet. Sie bietet mit der stimmungsvollen Beleuchtung und üppigem Schneegestöber eindrucksreiche Schauwerte.

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Attilio Glaser in der Titelrolle, Foto: Barbara Aumüller

Als Werther stellte sich der junge deutsche Tenor Attilio Glaser vor. Einmal davon abgesehen, dass er darstellerisch und stimmlich kein großer Charismatiker ist, so verblüffte Glaser mit einer staunenswert sicheren und differenzierten Leistung. Die sprachliche Gestaltung, sein Nachspüren dynamischer Nuancen, die Mühelosigkeit im hohen Register seiner Stimme und erkennbares Gefühl für die französische Sprache machen ihn bereits jetzt zu einem herausragenden Interpreten dieser so vielschichtigen Partie. Sein Werther ist dabei immer ganz in der Gegenwart verankert. Das Jenseitige bleibt er (noch) schuldig. Auch könnte er noch intensiveren Gebrauch von leisen Tönen machen. Davon abgesehen eine zurecht einhellig bejubelte Leistung.

Als Charlotte zeigte Julie Boulianne eine große Entwicklung in der Rollengestaltung. Zunächst noch zurückhaltend und introvertiert, zeichnete sie ihre Rolle der omnipräsenten verstorbenen Mutter nach. In der Briefszene begeisterte sie durch ein völliges Einswerden mit ihrer Rolle. Hier wuchs ihre Stimme und entfaltete eine überraschende Opulenz. An ihrer Seite war Louise Adler eine entzückend, silbrig tönende Sophie, die mit ihrer beweglichen Stimme erfüllend alles aus ihrer Partie herausholte. Sebastian Geyer als Albert überzeugte in seinem stringenten Rollenportrait und konnte auch textgestalterische Akzente setzen. Somit war auch sein Albert eine Hauptfigur. Starke Portraits auch in den übrigen Partien. Franz Mayer als Bailli agierte mit völlig souveräner Stimmbeherrschung und erfolgreich um dynamische Nuancen bemüht. Szenisch ungemein aufgewertet und deutlich in der Profilierung agierten Barnaby Rea als Johann und Peter Marsh als Johann. Nikolaus Henseler hat seine kleine Kinderchorgruppe gut einstudiert.

Zur veritablen Sensation geriet das Dirigent durch Lorenzo Viotti! Erkennbar tief ist seine Verbindung mit Massenets Werk. Jede Note auskostend, stumm mit den Sängern mitsingend, durchmaß er traumwandlerisch sicher alle Geheimnisse dieser phantastischen Partitur. Bei ihm klang jede Note, jeder Takt bedeutsam! Perfekt seine Ausgewogenheit in Tempi und Balance, Zuweilen an Debussy erinnernd stand die Zeit still, um dann den Zuhörer in den dramatischen Zuspitzungen des dritten Aktes durchzurütteln. Ein unvergessliche Interpretation auf höchstem Niveau. Mehr geht nicht!

Das Frankfurter Museumsorchester spielte hingebungsvoll und veredelte den Abend mit einer exquisiten Klangqualität in allen Instrumentengruppen. Wunderbare Soli in den Streichern und dem Saxophon waren beglückende Zugaben dieses ausgezeichneten Orchesters.

Es bedarf keines Propheten, um festzustellen, dass Viotti bereits jetzt das Potential besitzt, um einer der wichtigsten Operndirigenten der neuen Generation zu werden. Einhellig applaudierte das gesamte Orchester seinem jungen Dirigenten am Ende der Vorstellung.

Größter Jubel für Viotti und für alle Sänger.

Dirk Schauß

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