Der Neue Merker

FRANKFURT: TOSCA. Gepflegte Biederkeit

FRANKFURT: Tosca am 29. Juni 2017

 GEPFLEGTE BIEDERKEIT

Gordon Bintner (Cesare Angelotti) Leonardo Caimi (Mario Cavaradossi)
Gordon Bintner (Angelotti), Leonardo Caimi (Cavaradossi). Copyright: Barbara Aumüller

 Es ist sehr reizvoll, binnen weniger Tage Puccinis Meisterwerk „Tosca“ in unterschiedlichen Produktionen zu erleben und Vergleiche anzustellen. Nach der fulminanten Tosca-Sternstunde in Wiesbaden am vergangenen Wochenende, nun als eine Inszenierung von Andreas Kriegenburg an der Oper Frankfurt. Auch hier wird die Geschichte erzählt und keine Umdeutung durch den Regisseur zugemutet, wie jüngst in Oslo durch Calixo Bieito. Dabei bietet Kriegenburgs Interpretation vor allem Schauwerte durch das sich häufig verändernde Bühnenbild von Harald Thor. Die Personenführung erschien schwach. Es entstanden keine Beziehungen zwischen den Protagonisten, so dass erstaunlich viel szenischer Leerlauf zu bestaunen war.

Die große Überraschung des Abends, so viel sei vorweg genommen, ist der mehr als eindeutige musikalische Punktsieg zu Gunsten der Aufführung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden! Wer hätte das gedacht?

 Auffällig, wie leider viel zu oft an der Oper Frankfurt, war die musikalische Oberflächlichkeit in der sängerischen Gestaltung des Ensembles. Sicher, alle Töne wurden korrekt, brav und weitgehend sicher gesungen. Allerdings fehlte die Rollendurchdringung, das Einswerden mit dem jeweiligen Rollencharakter bei allen Beteiligten. Und das ist für ein Haus, wie es die Oper Frankfurt ist, deutlich zu wenig! Insbesondere, wenn man sich verdeutlicht, dass an diesem Haus nahezu alle namhaften Sängerinnen und Sänger in dieser Oper zu erleben waren.

Keri Alkema (Tosca) & Leonardo Caimi (Mario Cavaradossi)
Keri Alkema als Tosca und Leonardo Caimi als Cavaradossi. Foto: Barbara Aumüller

 Keri Alkema ist eine sicher singende Tosca-Sängerin, die differenziert und mühelos die musikalischen Anforderungen realisierte. Leider fehlt ihr szenisches Charisma, so dass ihre Darstellung zuweilen bieder und akademisch wirkte. Auch im Ausdruck blieb sie brav und ohne gestalterische Idee. So erschien sie oft als Figur eher beiläufig.

Sängerischer Mittelpunkt war der Cavaradossi, gesungen von Leonardo Caimi. Hier war eine Stimme zu erleben, die eine ungemein schöne Mittellage von eher baritonaler Farbe zeigt. Caimi differenzierte klug, sang klangvolle Piani und Mezzavoce. Bedauerlicherweise löste die Höhe nicht das ein, was die Mittellage versprach. Hier fehlte der Schmelz, die Leichtigkeit. Auffallend oft kam es in den Höhen zu Intonationstrübungen, wie z.B. im deutlich detonierten „La vita mi costasse“.

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Dimitri Platanias als Scarpia. Foto: Barbara Aumüller

 Als Scarpia war Dimitri Platanias zu erleben. Ein Sänger, der international viel gebucht ist. Nach dieser Leistung erscheint mir das nicht recht verständlich. Seine Stimme hat durchaus ein angenehmes Timbre und seine Legatofähigkeit ist überdurchschnittlich. Jedoch ist sein Volumen und vor allem seine Farbskala, sein musikalischer Ausdruck viel zu begrenzt, um den Anforderungen dieser so faszinierenden Partie gerecht zu werden. Im Dialog mit Tosca im ersten Akt blieb er völlig farblos und musste dann im TeDeum vor den Anforderungen seiner Partie hörbar kapitulieren. Aber auch im 2. Akt änderte sich an der hörbaren gestalterischen Einfallslosigkeit wenig. Zudem erschienen seine darstellerischen Möglichkeiten sehr begrenzt. Seine bullige Gestalt und die Art seiner Bewegungen weckte eher Assoziationen an Falstaff….Wie überragend anders gestaltete da sein Fachkollege Derrick Ballard in Wiesbaden die Partie!

Auffallend auch, dass sämtliche Nebenrollen, zwar anständig gesungen, ihren Rollen eine erkennbare Charakterisierung schuldig blieben. Auch hier waren die Kollegen in Wiesbaden wesentlich vielschichtiger zu erleben.

 Antonino Fogliani war hingegen ein beeindruckender Dirigent für diese sängerisch so fade Tosca-Vorstellung. Er heizte das beherzt mitgehende Frankfurter Opern- und Museumsorchester gewaltig ein. Er sparte nicht mit deutlichen Akzenten, allerdings nicht immer zum Wohle der Sänger. So beeindruckend Fortissimo-Effekte auch sein mögen, zu oft gerieten die Sänger in dynamische Bedrängnis. Das Orchester folgte hingebungsvoll den Intentionen des Dirigenten, nachdem es nach einem völlig verschlafenem Beginn in den Bläsern, rasch zu sich fand. Die vereinigten Chöre erklangen mächtig und gut ausbalanciert.

 Viel Beifall im ausverkauftem Haus.

Dirk Schauß

 

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