Der Neue Merker

FRANKFURT / Schirn Halle: KUNST FÜR ALLE

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Alle Fotos: Schirnhalle

FRANKFURT / Schirn Halle:
KUNST FÜR ALLE
Der Farbholzschnitt in Wien um 1900
Vom 6. Juli 2016 bis zum 3. Oktober 2016 

 

Haben Sie Wiener Kunst im Hause?

Bereits seit Jahrzehnten, seit der „Wiederentdeckung“ dieser Epoche, ist „Wien um 1900“ ein Ausstellungshit. Die Wirkung scheint nie nachzulassen. Allerdings, meint Tobias G. Natter, der nun einen Teilaspekt des Themas für die Frankfurter Schirn Kunsthalle (und später die Wiener Albertina) aufbereitet hat, überschattet das gloriose Trio Klimt-Schiele-Kokoschka alles andere. Jene Künstler, die in der Wahrnehmung zu Unrecht in der zweiten Reihe stehen, werden nun in den Vordergrund geholt: Unter dem Titel „Kunst für alle“ geht es um den Farbholzschnitt in Wien um 1900.

Von Heiner Wesemann

Der Holzschnitt    Unter den Möglichkeiten, Kunst zu „vervielfältigen“, ist der Holzschnitt eine der ältesten. Man kannte ihn bereits im Mittelalter, Albrecht Dürer lieferte dieser spezifischen Kunstform Höhepunkte singulärer Art. Im 19. Jahrhundert „benützte“ man ihn für Gebrauchsdruck etwa in Zeitschriften. Die Fotografie befreite den Holzschnitt von der Funktion der reinen „Illustration“. Man entdeckte ihn als künstlerisches Medium neu, experimentierte, fantasierte, holte sich Anregungen, vor allem aus Japan (Die Welt der Asiatiaca brachte vielfache Einflüsse auf Kunst und Künstler Europas). Auf einmal war der Holzschnitt ein Ausdrucksmittel der Avantgarde, der – vor allem in der farblichen Ausprägung – zahllose Möglichkeiten öffnete: Umrisszeichnungen (die schwarzen Ränder), geschlossene Farbflächen, Geometrisierung (das Ornament spielte eine große Rolle), kurz, Formen, die bis zum Expressionismus führten. (Nicht zu vergessen, was Künstler anderorts – etwa Edvard Munch – gleichzeitig darin leisteten.)

Das Alte wurde wieder neu   „Haben Sie Wiener Kunst im Haus?“ fragte die bekannte Journalistin Berta Zuckerkandl 1901, was doppelten Sinn ergab: Denn es hatte sich bereits eine Künstlervereinigung unter diesem Namen formiert, der Holzschnitt war ganz schnell populär geworden. Längst befassten sich die Namhaften der Epoche  – Carl Moll, Emil Orlik oder Koloman Moser  – mit dem Farbholzschnitt, der auch an der Kunstakademie gelehrt wurde.

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Ludwig Heinrich Jungnickel: Rauchende Grille  /Anton Eichinger: Till Eulenspiegel

„Kunst für alle“     Kunst für alle war eine Bewegung, die sich auf viele Bereiche erstreckte (die „Wiener Werkstätte“ war die „angewandte Kunst“ und nicht mehr Nebenprodukt), und „Kunst für alle“ nennt sich die Ausstellung von Farbholzschnitten von Wiener Künstlern, die Tobias G. Natter kuratiert hat. Ideologisch ging es damals um eine Demokratisierung der Kunst – nicht nur die Reichen und Superreichen sollten die Möglichkeit haben, Werke großer Künstler zu erwerben… In einer Welt, wo ein Klimt natürlich extrem teuer war, stellte der Farbholzschnitt eine Antwort dar – „so konnte man Avantgardekunst, progressive Kunst der Zeit auf breiter Basis zugänglich machen.“ Es war eine Art von Revolution sowohl am Kunstmarkt wie für den Kunstfreund. Darüber hinaus gab es eine reiche Szene an Kunstzeitschriften, die Publikationsmöglichkeiten boten. („Ver Sacrum“ oder „Die Fläche“ sind heute Sammelobjekte.)

Leuchtkraft von schwarzen Wänden    Buntes (ca. 200 Werke von über 40 Künstlern) leuchtet in erdenklicher Vielfalt von schwarzen Wänden – es wird sich zeigen, ob die Albertina, wenn die Ausstellung im Oktober dort einzieht, dieselbe Präsentations-Lösung wie Frankfurt findet. Wichtig war es Natter auch, jene Künstler, die in der zweiten Reihe stehen, hervorzuholen und zu zeigen, dass sie Besonderes beizutragen hatten – Fanny Zacucka etwa, so gut wie unbekannt, ging 1903 in der formalen Abstraktion und in der farblichen Reduktion so weit, dass man sie für eine Moderne der Gegenwart halten könnte…

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Rudolf Kalvach: Triester Hafenleben / Franz Zülow: Aus dem Garten des Zauberers

Alle Themen und  Techniken     Bildende Kunst hat ihre Themen, sie zeigt Menschen (in Porträt, im Akt) oder Tiere, Landschaften oder Innenräume, Konkretes und Abstraktes, und sie kann es „secessionistisch“, impressionistisch, expressionistisch ausdrücken – für alles gibt es in der Ausstellung Beispiele. Der Ansatz der Künstler konnte Humor und Hintergründigkeit ebenso sein wie Ästhetizismus oder Experimentierlust, Aggression oder Satire… Das Who is Who der Beteiligten vereint in dieser Ausstellung Namen wie Carl Otto Czeschka, Ludwig Heinrich Jungnickel, Rudolf Kalvach, Broncia Koller-Pinell, Franz Zülow und viele andere mehr.

Aufbewahrt im Katalog     Seltsamerweise hat sich die Blüte des Holzschnitts auf das Fin de Siècle beschränkt – mit dem Ersten Weltkrieg endet sie nahezu abrupt. Was sich bis dahin alles abspielte, hat diese Ausstellung in aller Fülle zusammen getragen – und zwischen Buchdeckeln findet es sich im großformatigen, reich bebilderten Katalog des Taschen Verlags.

Frankfurter Schirn
„Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900.“
Bis zum 3. Oktober 2016.
Ab 19. Oktober 2016 in der Wiener Albertina

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