Der Neue Merker

FRANKFURT: PETER GRIMES. Premiere

Frankfurt: Peter Grimes 8.10. 2017 Premiere

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Vincent Wolfsteiner. Copyright: Barbara Aumüller

 Das Regieteam Keith Warner/R., Ashley Martin-Davis (Bb.) und Jon Morrell (Kost.) strebt bei Benjamin Brittens Opernerstling von 1945 eine ganz realistische Zeichnung des Konfliktes an der ostenglischen Küste an, so wie etwa die englische Gesellschaft in Charles Dickens‘ Romanen bis Mitte 19.Jahrhundert beschrieben wird. Bei Brittens Vorlage ist aber weniger der Gegensatz Unterschicht – Oberschicht in den Focus gerückt, der bei dem zwar quasi mittellosen, nur seinen Kahn und Netze besitzenden Peter Grimes eher keine Rolle spielt. Es geht bei ihm mehr um seine zur Perversität neigende neurotische Deformation. Er ist Außenseiter in der Dorfgesellschaft und geht schließlich daran im Selbstmord zugrunde, denn das Ideal einer Ehe mit Ellen und dem Lehrjungen erscheint für ihn eine nicht einzulösende Utopie. Die Projektion des Meeres ist in der Inszenierung immer als weiter Ausblick gegeben, meist als waagrechter, am Ende scheint es auch mal ein Rund-Horizont bei der herausgefahrenen Barke Grimes‘ zu sein. Der Himmel glüht dabei in phantastischen Farben. Das Meer ist auch bewegt und kommt bei der Sturmszene beklemmend nah an die nur spitzwinklig durch Holzwände begrenzte Kneipe ‚zum Eber‘. Das Volk wird gleich beim Gerichtsprolog gegen Grimes zur radikalisierten Menge. Auch der Reverend wird der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn er sich in der Kneipe betrunken an den ‚leichten‘ Nichten der Auntie vergreifen will. Ellen (mit teils ätherisch hellem Schöngesang: Sara Jakubiak), als einzige in weiß unter den realistisch zeitgemäß gekleideten Anderen „versteht“ auch allein den Außenseiter Grimes, will ihm was Gutes tun, indem sie ihm einen neuen Lehrjungen zuführt. Bald erkennt sie aber, daß sich sein Verhältnis auch zu dem neuen Jungen gravierend zuspitzt. Von der aus der Kirche kommenden Menge wird sie dazu inquisitorisch befragt. Das drängt zum unausbleiblichen Ende.
 
Mit seiner beklemmenden Musik, mit der er aber auf Purcell recurieren wollte, fängt Britten die Atmosphäre ein; bei seinen Zwischenmusiken scheint aber eher Bergs Wozzeck hindurch. Größte dramatische Dichte und ein über mehrere Oktaven chromatisch hinabjagendes Orchester beinhaltet die Faktur zu Ende des 1.Aktes. Da sind die Frankfurter in ihrem Element wie bei Lulu und Wozzeck. Bei den langsamen rezitativischen Teilen ist die Klangintensität der Oboe hervorzuheben. GMD Sebastian Weigle leitet mit Umsicht und dringt auf außerordentliche Expressivität. Die Chöre (E.: Tilman Michael) erscheinen bestens eingewiesen.
 
Bei P.Grimes ist Vincent Wolfsteiner in seinem puren Element. Mit seinem dramatisch zupackenden und in der Höhe gut anspringenden Tenor kann er auch in längeren Monologen die noch manchmal fast veristischen Zuspitzungen fast elegant generieren oder larmoyant seinen Wahnsinn zelebrieren. Captain Balstrode wirkt als James Rutherford mit ruhigem Bariton wie sein Gegenpart, der ihm ‚realistische‘ Auswege weist, aber ihm auch das letale Ende vorgibt. Jane Henschel ist als komischer Mezzosopran die Auntie, die sich für das leibliche Wohl der.Bevölkerung verantwortlich fühlt. Das tun auch die leichbekleidet aufgetakelten Nichten Sidney Mancasola und Angela Vallone, die mit hübschen Sopranen becircen. In den Nebenrollen kommen der Bariton Iurii Samailov als Ned Keene, der Tenor AJ Glueckert, Fischer und Methodist, der Baß Clive Bayley als Swallow, die Mezzospranistin Hedwig Fassbender als Mrs. Sedley, Tenor Peter Marsh als Reverend, Baß Barnaby Rea als Hobson zu Einsatz und Gehör. Stumme Rollen sind Michael Benthin als Crabbe und Theodor Landes als gut charakterisierter Lehrjunge.
 
Friedeon Rosén
 
 
Virenfrei.

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