Der Neue Merker

FRANKFURT: PETER GRIMES – ein Missverständnis

PETER GRIMES – Ein Missverständnis

Die letzte Vorstellung der Neuproduktion von Brittens „Peter Grimes“ an der Oper Frankfurt begann mit einer großen Überraschung. AUSVERKAUFT! Die abschließende 8. Vorstellung (!) war ausverkauft! Eine Seltenheit, noch immer! Benjamin Britten ist zumindest offenkundig in Frankfurt angekommen. Wie schön!

Nach 16 Jahren war endlich wieder eine Neuinszenierung  von Benjamin Brittens Meisterwerk „Peter Grimes“ in Frankfurt zu erleben. Der damalige Regisseur, David Mouchtar-Samorai, schuf vor allem unvergessliche Momente in einer betont maritimen Bildsprache.

Nun also eine Regie-Arbeit von Keith Warner, der respektvoll mit der Werkvorlage umging. Warner entschied sich für eine Deutung, die das Stück erzählt und erkennbar in der von Britten vorgebenen historischen Zeit verortet ist. Ein sich immer wieder öffnendes Bühnenbild, welches den Blick auf den Meereshorizont freigibt, bot vielerlei Perspektiven. Bühnenbildner Ashley Martin-Davis hat daran gedacht, einen auch akustisch günstigen Raum zu bauen, so dass eine Holzdecke hier eine erkennbar gute Unterstützung für die Sänger lieferte.

Bildergebnis für Frankfurt Peter Grimes
Vincent Wolfsteiner. Foto: Monika Rittershaus    

Die Personenführung wirkte oft durchdacht, zeigte jedoch aber auch Leerläufe und Verlegenheitsgesten auf. Entbehrliche Extreme wie das Erhängen einer dunkelhäutigen Person sind nicht notwendig, zumal dieser szenische Gedanke in der Entwicklung der Dörfler keine Auflösung zeigte. Ein billiger Effekt. Andererseits verblüfft es, wie oft sich Warner im allzu dekorativen Bildwirkungen verlor. So interessierte es ihn viel mehr, wiederholt die verstorbenen Lehrbuben zu zeigen, als eine erkennbare Beziehung zwischen Grimes und seinem aktuellen Lehrling John zu entwickeln. Eine verschenkte Gelegenheit.

In der Wahnsinnszene dekoriert sich Grimes gegen Ende als Pietà-Figur in seinem Boot und wird dann von Balstrode in Richtung Riesenmond geschoben. Seltsam auch, dass bei Warner Peter Grimes nicht wirklich erkennbar als Außenseiter gezeichnet wirkt. Der Charakter dieser Rolle bleibt somit eindimensional. Selten waren auch die Nebenfiguren derart blass in ihrer Personenzeichnung. Hier hätte Warner deutlicher die unterschiedlichen Charaktere herausarbeiten können. Aber immerhin: für den Erstseher von „Peter Grimes“ bietet Warner einen leichten Einstieg in Brittens Meisterwerk. Eine Seltenheit auch das!

Das Opernwerk von Benjamin Britten ist glücklicherweise in zahlreichen Gesamtaufnahmen erhalten, die der Komponist selbst leitete. Wie immer, ist in diesen Aufnahmen sein Lebenspartner Peter Pears zu hören. Jeder Interpret von Brittens Oevre sollte sich damit eingehend beschäftigen, um eine Idee davon zu bekommen, was dem Komponisten klanglich vorschwebte. Die Frankfurter Aufführung war in zentralen Teilen davon sehr deutlich entfernt.

Ausgerechnet der Sänger der Titelpartie verstand seine Rollengestaltung als klangliche Tour de force und beraubte dieser so faszinierenden Rolle die Vielfalt der Farbgebungen. Vincent Wolfsteiner warf sich als Peter Grimes mit großem Engagement in den Charakter hinein. Darstellerisch wirkte er getrieben, dann auch wieder zurückgenommen. Zur Ruhe kommt sein Grimes erst in der langen Schlussszene, in welcher sich Wolfsteiner jedoch nicht wirklich viel Zeit nahm, die musikalischen Gedanken zu entwickeln. Gerade hier müßte die Zeit still stehen. Dies war hier nicht der Fall. Vital wurde auch hier von ihm eher frisch drauf losgesungen…..
Stimmlich bewältigte er die Partie sicher, volltönend und dennoch als m.E. großes musikalisches Missverständnis! Getreu dem Motto:“Everything you sing, I sing it louder“ gebärdete er sich wie ein stimmlicher Siegfried im Britten-Land. Insbesondere wenn hohe Töne im Mezzavoce oder Pianobereich gefordert sind, musste er kapitulieren und zum Forte oder Fortissimo wechseln. Die notwendige Entrücktheit bereits im ersten Duett mit Ellen oder etwa in den Soli „What harbour“ oder noch schmerzlicher entbehrt bei „Now the great bear“ blieb er völlig schuldig. Somit fehlte seinem Grimes das Seltsame, Entrückte oder auch Verrückte. Stimmlich wirkte er nie gebrochen, sondern vielmehr gesund und ungebrochen.
Auch wäre eine wissendere Textgestaltung wünschenswert gewesen. So blieben die meisten Aussagen wie „That evil day“ viel zu beiläufig. An große Menschengestalter, wie einst es der große William Cochran (der u.a. ein unvergesslicher, großer Grimes war) in größter dynamischer Bandbreite vor allem in Frankfurt vermochte, kam Wolfsteiner jedoch in keinem Moment heran.

Bildergebnis für Frankfurt Peter Grimes
Foto: Monika Rittershaus

Auch bei den anderen Sängern der Hauptrollen fehlte eine hörbar gefühlte Textgestaltung, selbst bei den Muttersprachlern. Ja, es ist schön, wenn alles minutiös und textverständlich, wie hier, einstudiert wurde. Aber wo blieb die hör- und erlebbare Identifikation mit dem Text?
Sara Jakubiak zeigte als Ellen Orford die Lichtgestalt, die Britten ihr zugedacht haben mag. Ungemein sicher bildete ihr herber Sopran die z.T. schweren Intervallsprünge ab und konnte dann im reduzierten Pianoklang nachhaltig berühren.
Recht gemütlich hingegen gab sich James Rutherford als Captain Balstrode, dessen sonore Stimme einen deutlichen Kontrast zu Grimes bildete. Als Figur blieb der Rollencharakter jedoch zu blass. Die wissende Hintergründigkeit dieser Figur blieb aus. Mit seiner Melone und seiner etwas barocken Gestalt erinnerte er ein wenig an Oliver Hardy.

Die vielen anderen Partien waren typgerecht besetzt. Sehr gut sang Iurii Samoilov einen leicht selbstironisch wirkenden Ned Keene, AJ Glueckert geiferte engagiert als Bob Boles mit ungewöhnlich viel Stimme.
Peter Marsh, zuletzt als Peter Grimes in Dortmund erfolgreich, hat hier nur die sehr kleiner Partie des Pastor Adams zu singen und wertete sie auf. Barnaby Rea war ein stoischer Hobson mit gehaltvollem Baßbariton. Gut aufeinander eingestellt waren Aunties Nichten Sydney Mancasola und Angela Vallone. Fulminant sang und agierte Jane Henschel als bühnenbeherrschende Auntie, Clive Bayley war ein sehr profund, vielschichtig tönender und szenisch charismatischer Swallow und Hedwig Fassbender eine getriebene Witwe Sedley.

Tilman Michael hatte seine hervorragenden Chöre perfekt einstudiert. Sprachlich und dynamisch war alles auf den Punkt gearbeitet, so dass sich die zahlreichen Chormitglieder über viel Applaus freuen konnten.

GMD Sebastian Weigle dirigierte erstmals Peter Grimes in Frankfurt. Die illustrativen und auch romantischen Klangmomente musizierte er nicht immer aus. Viel mehr entschied sich Weigle für eine strukturbetonte Lesart, die dynamische Kontraste betonte und doch sehr oft, zu oft, gegenwärtig, nüchtern wirkte. Im ersten Akt hatte seine Interpretation einen forcierten Vorwärtsdrang und so verstörten manche abrupten Wechsel in den Tempi. Daher gerieten die Übergänge zu „What harbour“ oder „Now the great bear“ allzu verhetzt. In den Folgeakten agierte er wesentlich ausgewogener und ließ dann auch in den Ensembles weit ausmusizieren. Das fabelhafte Frankfurter Opernorchester war sehr gut präpariert und musizierte in allen Gruppen äußerst engagiert und klangschön. Ausgezeichnet die Soli der Violine und Bratsche!

Viel Jubel des sehr gut besuchten Abends.
Besuchte Vorstellung am 11.11.2017

Dirk Schauß

Diese Seite drucken